Nine Inch Nails - With Teeth - Cover
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Nine Inch Nails With Teeth


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 59 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Weg zum fertigen Produkt „With Teeth“ war ein langer und steiniger.

Die Auswertungen unserer Leserstatistiken beweisen es: Schon lange wurde einem Werk nicht mehr so sehnsuchtsvoll entgegen gefiebert, wie „With Teeth“, dem erst vierten Studioalbum von Nine Inch Nails seit deren Gründung Ende der 80er Jahre. Zwar wurde die Fangemeinde in all den Jahren immer wieder mit Remixen („Things Fallling Apart“), EPs („Broken“, „Fixed“) und Live-Alben/DVDs („And All That Could have Been“) versorgt, aber nichts ist eben spannender, als neue Songs aus der Feder von Mastermind Trent Reznor.

Als 2004, nach fünf Jahren Funkstille, endlich erste Informationen über ein neues Nine-Inch-Nails-Album nach außen drangen, wurden die Fans in helle Aufruhr versetzt. „Bleed Through“ sollte das Werk ursprünglich heißen, deutlich kompakter und songorientierter ausgefallen sein als der monumentale Vorgänger „The Fragile“ (1999) und Trent Reznor als Songwriter mit Sinn für Hooks und Melodien zeigen. Als Live-Unterstützung holte sich der Tyrann und Bühnenberserker wieder neue Leute ins Boot, mit denen es im Frühling auf Welttournee gehen soll: Aaron North an der Gitarre, Jeordie White, besser bekannt als Twiggy Ramirez (Marilyn Manson), am Bass, Allesandro Cortini am Synthesizer und Jerome Dillon an den Drums. Im Studio machte Trent dagegen wieder fast alles alleine. Lediglich Dave Grohl unterstützte Jerome Dillon am Schlagzeug. Ein Schachzug, der bereits die Werke von Killing Joke („Killing Joke“) und den Queens Of The Stone Age („Songs For The Deaf“) glänzend veredelte. Damit sind die Nine Inch Nails aus dem Jahr 2000 in Form von Robin Finck (Gitarre), Danny Lohner (Bass) und Charlie Clouser (Keyboards) Geschichte.

Der Weg zum fertigen Produkt „With Teeth“ war ein langer und steiniger. Am Ende der „Fragile“-Tour (2000) stand fest, dass Trent Reznor eindeutig seiner Alkohol- und Drogensucht verfallen war. Er befand sich in einem Teufelskreis aus Selbsthass, künstlerischen Blockaden und wahllosem Drogenkonsum. Reznor selbst sagt, dass der Tod zu dieser Zeit eine realistische Option gewesen sei. 2001 zog der Exzentriker die Notbremse. Er verließ sein viktorianisches Prachthaus in New Orleans und zog nach Los Angeles. Dort näherte er sich, ausgestattet mit einem Vierspur-Aufnahmegerät wieder dem Songschreiben. Zwei Songs pro Woche waren das ehrgeizige Ziel. Und nach einem Vierteljahr hatte Reznor rund 20 Stücke zusammen, die eindeutige Veränderungen in seinem bisherigen Songwriting aufzeigten. Waren seine Songs in der Vergangenheit meist nur als zusammenhängendes Werk in Albumlänge einigermaßen nachvollziehbar gewesen, wirken die Tracks auf „With Teeth“ in klassischer Popsong-Länge zugänglicher und nicht mehr so wild oszillierend wie auf „The Fragile“ oder „The Downward Spiral“ (1994), dem Referenzwerk des Industrial Rock.

Doch bei aller neugewonnenen Eingängigkeit bewahrte sich Reznor seine ureigene Dynamik aus wütend-lauten und sensibel-leisen Passagen, mit denen er auch auf dieser Platte persönliche Niederlagen, intime Momente und komplexe Themen wie Erektionsstörungen („Getting smaler“ – ein hypernervöser Metal-Kracher, den Dave Grohl unnachahmlich nach vorne peitscht. Göttlich!), emotionale Erschöpfung/Alkoholismus („With teeth“ – ein spannungsgeladener, zerrender Industrial-Groover mit einem verstörendem Piano-Mittelteil) und metaphysischen Betrachtungen („Beside you in time“ – ein collagenartiger Synthie-Rocker) verarbeitet. Deshalb ist auch „With Teeth“ kein bequemes Mainstream-Album geworden, wie vielleicht die erste Singleauskopplung „The hand that feeds“ befürchten ließ – ein Song, den Reznor rückwirkend betrachtet als Konsenslied sieht, das am ehesten den Draht zur MTV-Generation aufbaut. Tatsächlich ist das Stück für NIN-Verhältnisse relativ zahm und mit leichten New-Wave-Einflüssen eher der Frühphase der Band zuzuordnen.

Dagegen ist der Einstieg von „With Teeth“ sehr ungewöhnlich ausgefallen. In „All the love in the world“ singt Reznor zu entspanntem Elektro-Geplucker, Drum-&-Bass-Grooves und sanften Pianoklängen. Erst im Schlussteil fährt der Meister ein paar harte Gitarrenriffs auf. „You know what you are?“ ist ein wüster Hassklumpen mit grollenden Drums, sägenden Gitarren und dissonanten Pianotupfern. Wieder bedient sich Reznor an Drum-&-Bass-Elementen, die sich durch das gesamte Album ziehen. Ist das etwa der Einfluss von Produzent Alan Moulder (U2, Depeche Mode)?

Mit „Love is not enough“ erwartet uns der erste Höhepunkt des Albums. Der Song vibriert und grummelt bedrohlich wie eine Raubkatze vor dem Sprung. Es rockt und kracht, es fiept und scheppert. Die Muskeln spannen sich an. Jeder Moment kann der große Ausbruch kommen – doch am Ende verschont Reznor seine Hörer und leitet in die melancholische Depri-Ballade „Every day is exactly the same“ ein. Mit monotonen Rhythmen, flächigen Keyboardsounds und verzerrter Stimme erinnert der Song an die dunkle Depeche-Mode-Phase, Anfang der 90er Jahre. „Only“ führt ebenfalls in die Achtziger New-Wave-Epoche. Zu abgehackten Disco-Grooves, leisen Klavierläufen und wirren Synthies sprech-singt Rezonor „there is no fucking you – there is only me!“.

Da „With Teeth“ ohne Booklet bzw. Infos zu den einzelnen Songs ausgeliefert wurde, kann man es nur erahnen. Aber zwischen Synthie-Sounds und bollernden Drums soll Britney Spears einen kleinen Vocal-Part in „Sunspots“ übernommen haben. Allein es fehlt der Glaube. Zu hören ist jedenfalls nichts davon. Also ordnen wir dies dem Reich der Phantasie zahlreicher NIN-Internet-Forum-User zu. Aber das ist eben das Besondere an NIN-Platten. Man traut sich einfach nicht, einen Song abzubrechen bzw. vorzuspulen, da man nie weiß, was noch alles passieren wird.

„With Teeth“ ist eine hörbare Weiterentwicklung des NIN-Sounds. Trent Reznor überfordert den Hörer nicht mehr mit aberwitzigen Klängen und viel zu vielen Noten. Die Songs klingen reduzierter, ohne an Intensität eingebüßt zu haben. Zudem ist die befürchtete Anbiederung an den Mainstream ausgeblieben, nachdem die Verkaufszahlen der letzten Alben rückläufig waren. Da heißt es ganz klar: zugreifen!

Anspieltipps:

  • With teeth
  • Getting smaler
  • Love is not enough
  • Right where it belongs
  • You know what you are?
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