Johnny Cash - Unearthed - Cover
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Johnny Cash Unearthed


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 243 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Oh du schöne Adventszeit und alles was dazu gehört. Im Nachmittagsprogramm der öffentlich rechtlichen TV-Sender werden kitschige, deutsche Serien aus den 80ern wiederholt. Abends kommen nicht minder kitschige Hollywood Blockbuster zur Ausstrahlung, die so richtig schön auf die Tränendrüse drücken und für rührselige Festtagsstimmung sorgen. In den Konsumtempeln plärren schon seit Wochen die Weihnachtslieder aus den Lautsprechern, in den Fußgängerzonen herrscht an Endzeitstimmung grenzende Hektik und die Hosen passen auch nicht mehr richtig, weil man seit Wochen mit Lebkuchen und Stollen gefüttert wird.

Nur die guten alten Plattenfirmen bekommen mal wieder kein Bein auf den Boden und fühlen sich so gar nicht festlich inspiriert. Man jammert ob stetig sinkenden Verkaufszahlen und versucht wie alle Jahre, mit Unmengen an Best Of- Live- und Greatest-Hits-Alben kurz vor Torschluss die Umsatzzahlen zu retten. Ein sehr beliebter Rettungsanker waren in diesem Zusammenhang schon immer die so genannten Box-Sets. Hier werden in mehr oder weniger hochwertiger Verpackung vier bis sechs CDs mit Outtakes, Raritäten oder Live-Schmankerln von den wenigen „Big Names“ der Branche in geballter und häufig überteuerter Form unters Fan-Volk gebracht. Einige der begehrtesten Box-Sets sind in diesem Jahr die Song-Sammlungen von No Doubt, ZZ Top, Slayer, Motörhead und dem kürzlich verstorbenen Johnny Cash. Besonders im Fall von Johnny Cash ist man der Hoffnung, dass das fünf CDs umfassende Set namens „Unearthed“ weitere Schätzchen aus der fast 10-jährigen „American“-Phase ans Licht bringt.

„Unearthed“ ist kein Schnellschuss der Plattenfirma, die mit dem Tod des „Man in Black“ den schnellen Dollar machen möchte. Das Box-Set war schon lange geplant und konnte von Producer Rick Rubin kurz vor dem Tod von Johnny Cash abgeschlossen werden. Rick Rubin war es, der den in den 70ern und 80ern völlig abgeschriebenen Country-Star wieder auf die Beine half. In der Branche gab man keinen Pfifferling mehr auf Cash, weil er sich mit keinem Label auf eine stilistische Richtung und Vorgehensweise einigen konnte. Doch der Labelchef und Produzent von hippen Combos wie den Beastie Boys, Run DMC und Slayer überzeugte den knorrigen Hünen von einem Konzept, das ihn unter dem Namen „American Recordings“ zurück zu seinen Wurzeln führen sollte. Cash sang ungewöhnliche Coverversionen von Bands wie Danzig, Soundgarden, Nine Inch Nails oder U2 und spielte eigene Songs und Traditionals in extrem kargen, puristisch-akustischen Versionen ein. Insgesamt wurden vier Alben dieser Art veröffentlicht: „American recordings” (1994), „Unchained” (1996), „Solitary man” (2000) und „The man comes around” (2002). Laut Rick Rubin fielen bei jeder Album-Sessions zwischen 40 und 80 Songs an („There were always great ones that didn't go on the records. It was rarely about quality. We just picked the ones that felt best together... After we had done this four times, we realized we had all this great stuff, and it would be great to put it together in some form and let people hear it.“), von denen nun einige auf „Unearthed“ veröffentlicht werden.

Diese Outtakes sind auf drei der fünf CDs versammelt, die wiederum mit eigenen Titeln versehen wurden. Der erste Silberling, „Who´s gonna cry“, enthält vor allem Solo-Aufnahmen aus den aller ersten Sessions mit Rubin, davon diverse Traditionals („Long black veil”, „Banks of the Ohio”, „Breaking bread”), natürlich die obligatorischen Coverversionen (u.a. „Down there by the train” von Tom Waits, „Dark as a dungeon“ von Merle Travis’, das Cash schon im Folson Prison gesungen hat, „Just the other side of nowhere” von Kris Kristofferson oder „Waiting for a train” von Jimmie Rodgers) und ein paar Eigenkompositionen („Flesh and blood”, „The caretaker“, „Two timin’ woman”). CD Nummer 2, „Trouble in mind“, bietet vorzugsweise Material, bei dem Cash von diversen Rockbands (Tom Petty & The Heartbreakers, die Red Hot Chilli Peppers ohne Sänger Anthony Kiedis, Red Devils) begleitet wurde, darunter mit „Pocahontas“ und „Heart of gold“ zwei Neil-Young-Titel, Steve Earle´s „Devil´s right hand“, Dolly Parton´s „I’m a drifter”, Roy Orbison´s „Down the line”, „The running kind” (mit Tom Petty), „Brown-eyed handsome man” (mit Carl Perkins), „Everybody’s trying to be my baby” (mit Petty und Perkins), „'T' for Texas”, „Like a soldier” (mit Willie Nelson) und „Bird on a wire” (Live mit Orchester).

Das dritte Langeisen im Bunde, „Redemption songs“, fördert unveröffentlichte Cash-Versionen von „You are my sunshine”, „Big iron” und „You'll never walk alone” (auf einer riesigen Orgel in einer Kirche aufgenommen) zutage. Dazu „Wichita lineman”, „Gentle on my mind” (mit Glen Campell), „Cindy” (mit Nick Cave), Bob Marley´s „Redemption song” (mit dem kürzlich verstorbenen Joe Strummer), den über 160 Jahre alten Song „Hard times“, den Bluegrass-Klassiker „Salty dog“ und den Cat-Stevens-Klassiker „Father and son” im Duett mit Pop-Kücken Fiona Apple. Die vierte CD heißt „My mother´s hymn book“ und enthält 15 karge Interpretationen von Liedern, die Johnny Cash schon in der Wiege aus dem Gesangsbuch seiner Mutter vorgesungen bekam („Just as I am“ von Mahalia Jackson, „In the garden“, „Where the soul of man never dies“, „I’ll fly away“). Somit kommt der Fan auf diese Weise auch noch an ein eindringliches, sehr spirituelles Album des Altmeisters. Der letzte Silberteller, „The best of Johnny Cash on American“ untertitelt, bietet 15 Highlights aus den vier „American“-Alben und ist eher als nette Dreingabe anzusehen, denn welcher „Unearthed“-Käufer wird diese Alben nicht in seinem Plattenschrank haben? Trotzdem ist das Wiedersehen mit den vielleicht schönsten Songs der „American“-Reihe (man denke nur an die verdutzte MTV-Generation, die mit anhören durfte, was der „Man in Black“ aus einem Rockkracher wie „Rusty cage“ herausgeholt hat) ein wunderbarer Ausklang und die beste Einstimmung auf das im nächsten Jahr erscheinende 5. „American“-Album, das noch kurz vor dem Tod Johnny Cash’ aufgenommen wurde. Als Krönung dieses herausragenden Box-Sets gibt es ein aufwändiges Booklet in gebundener Buchform mit über 100 Seiten und einem der letzten Cash-Interviews. Dazu kann man Kommentare von Tochter Roseanne, Sohn John Carter, Produzent Rick Rubin und Kollege Tom Petty, sowie persönlichen „Track-By-Track“-Infos von Johnny Cash lesen.

An diesem 12. September 2003 hat einer der größten Musiker alle Zeiten den Planeten Erde verlassen. Doch in den Herzen der Musikfans wird er ewig weiterleben und mit unfassbar eindringlichen Songs, wie seiner letzten Single „Hurt“, immer wieder eine Gänsehaut auf die Rücken seiner Hörer zaubern. Als Fan muss man bei der angeblich limitierten Auflage von „Unearthed“ schlicht und ergreifend sofort zugreifen und sich ein besonderes Schatzkästchen sichern, auch wenn der Anschaffungspreis mit ca. 75 Euro ziemlich heftig zu Buche schlägt.

Anspieltipps:

  • One
  • Hurt
  • Rusty cage
  • Solitary man
  • We´ll meet again
  • Southern accents
  • The man comes around
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