Alicia Keys - The Diary Of Alicia Keys - Cover
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Alicia Keys The Diary Of Alicia Keys


  • Label: J Records/BMG
  • Laufzeit: 58 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Obwohl Alicia Keys mit ihrem zweiten Album ein herausragendes Stück Popmusik abgeliefert hat, dreht sich diese Scheibe nicht auf dem Plattenteller des Mainstream.

Man hatte wirklich ein bisschen Sorge, ob sich die Verantwortlichen der Bertelsmann Music Group mit dem ungewöhnlich späten Veröffentlichungstermin von „The Diary Of Alicia Keys“, am 1. Dezember diesen Jahres, einen Gefallen getan haben. Zu diesem Zeitpunkt sind die wichtigsten Themen in aller Regel abgefrühstückt und der Konsument im vorweihnachtlichen Stress kaum mehr in der Lage, auf Marketingmaßnahmen für eine CD zu achten. Dabei ist das zweite Album des 22-jährigen Shootingstars aus New York eine der am heißesten ersehnten Platten der letzten Zeit.

Alicia Keys kann getrost zu den größten Talenten in der heutigen Popmusik gezählt werden, wobei sich ihr Können eindeutig auf die Musik bezieht und nicht auf Stage-Acting und Skandalmarketing à la Britney Spears oder Christina Aguilera. Schon mit fünf Jahren erhielt sie eine klassische Klavierausbildung auf der Professional Performing Arts High School und arbeitete im Harlem Police Athletic League Community Center intensiv an ihrer Stimme. Mit 16 verteilte sie ihre ersten Demo Tapes an Plattenfirmen, was zu einem Engagement bei Columbia Records führte. Doch bei dem Sony-Ableger fühlte sich die junge Künstlerin nicht wohl. Wie es der Zufall so wollte, lernte sie auf einer Party den Plattenmogul Clive Davis kennen, der von Alicia Keys Talent dermaßen überzeugt war, dass er sie kurzerhand aus ihrem Columbia Vertrag herauskaufte und in den nächsten Jahren sämtliche Register in der Vermarktung eines neuen, unbekannten Künstlers zog. Und siehe da, der hohe Aufwand hat sich gelohnt. Bereits die erste Single der New Yorkerin („Fallin“) ging direkt auf Platz 1 der Billboard Charts und auch das Debütalbum „Songs in a minor“ belegte die Pole Position für mehrere Wochen.

Bislang hat sich „Songs in a minor“ rund zehn Millionen Mal verkauft. Mit einem MTV Video Music Award, zwei Billboard Awards, zwei American Music Awards, zwei NAACP Image Awards, drei Soul Train Awards, zwei World Music Awards, einem Echo und nicht zu vergessen fünf Grammys, sahnte Fräulein Keys die größten Preise ab, die das Musikbusiness zu vergeben hat. Kein Wunder, dass die Erwartungshaltung bei Fans und Plattenlabel ins Unermessliche gestiegen war. Und so begannen die Pre-Recordings bereits, während Alicia Keys eigentlich noch mit ihrem Debütalbum auf Tour war. Danach kehrte sie nach New York zurück und zog von Harlem nach Queens, wo sie sich ein eigenes Haus kaufte. Im Keller richtete sie sich ein Studio ein und schrieb sich ihr musikalisches Tagebuch von der Seele, das nun als „The Diary Of Alicia Keys“ erschienen ist.

Eröffnet wird das Werk durch ein kurzes Piano-Intro („Harlem’s nocturne“), das alsbald um fette HipHop-Beats ergänzt wird und damit die grobe Richtung für das ganze Album vorgibt: Ausgeklügelte Melodien treffen auf gefühlvolle Pianointermezzos, die in 15 Tracks fast alle Facetten der Black Music aus den 60er- und 70er-Jahren abdecken: Blues, Gospel, Soul, HipHop, R&B und Funk. So beschert uns etwa die Timbaland-Kollaboration „Heartburn“ einen mächtigen Funk-Groove im Stile eines Isaac Hayes, der auch einer Aretha Franklin vor, sagen wir mal, 40 Jahren ausgezeichnet zu Gesicht gestanden hätte. „If I was your woman“ kreuzt den Burt-Bacharach-Klassiker „Walk on by“ mit satten Bass-Grooves, behutsam eingeflochtenen Pianozwischenspiele und sensiblen Vocals, und „Karma” kombiniert wilde Geigenriffs mit Sample-Beats und ausgefeiltem Chorgesang im Stile von Destiny’s Cild. Dagegen schlüpft Alicia in der ersten Singleauskopplung, „You don’t know my name“, in die Rolle einer Kellnerin in einem typisch amerikanischen Diner. Jeden Mittwoch kommt der gleiche Typ rein, setzt sich an „seinen“ Platz am Tresen und bestellt das „Special of the day with a hot chocolate“. Die Kellnerin verknallt sich, kriegt seine Nummer raus und ruft ihn schließlich an, was als kleines Hörspiel in den Song eingebaut wurde. Die Schwärmerei – übrigens auch im gleichnamigen Video fantastisch umgesetzt - bleibt eine Traumsequenz, endet also ohne Happy End im richtigen Leben. Dieser Mini-Spielfilm wurde als soulige Hymne vertont, die direkt aus den 60er-Jahren stammen könnte und der großen Gladys Knight alle Ehre machen würde. Keys verbindet dabei ihre unvergleichlichen Pianoläufe mit den amtlichen Beats von Jay-Z-Produzent Kayne West und kredenzt so den fast perfekten Popsong.

„If I ain’t got you“ ist eine wunderschön getragene Pianoballade, die direkt in den vermeintlichen Titeltrack „Diary“ mündet, der von Tony! Toni! Tonè! zu einem smoothen Slow-Groove aufgepeppt wird. Das unerhört groovende „Dragon days“ weckt gar Erinnerungen an Lenny Kravitz, der seine Rockmusik gerne mit einer Priese Funk garniert. Nur, dass hier auf die banalen Kravitz-Texte verzichtet werden kann, denn Frau Keys ist spezialisiert auf ein durchgehend interessantes Storytelling, das mit ihrer sexy Stimme und dem niedlichen New Yorker Akzent neue Highlights setzt. Weitere Kleinode aus dem Tagebuch der Alicia Keys sind das herzensschöne „So simple“ mit seinen herrlich verrückten Stimmsamples, die verträumte R&B-Ballade „When you really love someone“ und das erotisch gehauchte „Slow down“.

Obwohl Alicia Keys mit ihrem zweiten Album ein herausragendes Stück Popmusik abgeliefert hat, dreht sich diese Scheibe nicht auf dem Plattenteller des Mainstream. Die Stücke brauchen einige Zeit zur Entfaltung und springen den Hörer auch dann nicht als typische Hitsingles an. Frau Keys präsentiert sich trotz ihrer 22 Jahre als gereifte Songschreiberin, die ihr Heil im Old-School-Sound der 70er-Jahre gefunden hat. Damit beweißt sie einen gewissen Mut zur Lücke und die Bereitschaft, sich über die Gesetze des Marktes hinwegzusetzen. Und der Erfolg gibt ihr Recht, wie die hohen Chart-Einstiege auf der ganzen Welt und die beachtlichen Verkaufszahlen beweisen. Also doch alles richtig gemacht im Hause BMG? Offenbar, denn gegen die geballte Marketingpower einer Britney Spears und die herbstliche Sampler-Schwemme hätte ein intimes Album wie „The Diary Of Alicia Keys“ wohl nur geringe Chancen gehabt.

Anspieltipps:

  • Diary
  • Heartburn
  • Dragon days
  • If I was your woman
  • You don’t know my name
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