Delta Goodrem - Innocent Eyes - Cover
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Delta Goodrem Innocent Eyes


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 56 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Bei den Aufnahmen wurde Wert auf ein organisch klingendes Album gelegt, das bei allem Pop-Appeal auch ältere Hörer anspricht.

Megastar Robbie Williams macht sich bei seinen Bühnenshows gerne über einen gewissen Gary Barlow, Ex-Mitglied von Take That und damals so etwas wie der Songschreiber der Boy Group, lustig. Denn eigentlich war man der Annahme, dass Barlow nach dem Ende der Band eine große Karriere als Songschreiber machen würde. Doch sein erstes Album („Open Road“) floppte gnadenlos und der in Ungnade gefallene Robbie startete nach einigen Anlaufschwierigkeiten als größter Popstar unserer Zeit durch. Inzwischen kann es sich Mr. Williams nicht verkneifen, live den Take-That-Hit „Back for good“ in einer Punk-Version anzustimmen, damit Gary Barlow wenigstens ein paar Tantiemen für die Live-Vorführung erhält. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Doch, oh Wunder, jetzt kann sich auch Mr. Barlow erste Resultate als Songschreiber auf die Fahnen schreiben. Denn als Mitglied des Songwriter-Teams True North Production in Manchester, England (zusammen mit Tim Woodcock und Eliot Kennedy) ist er mitverantwortlich für den Erfolg des Debütalbums „Innocent Eyes“ der jungen Australierin Delta Goodrem. Deren CD erscheint nun auch mit einem halben Jahr Verspätung in Deutschland, nachdem sie auf dem fünften Kontinent bereits die Charts im Sturm genommen hat. Dabei ist Delta Goodrem bei weitem kein Newcomer. Sie fing bereits im Alter von sieben Jahren im Unterhaltungsgeschäft an, spielte in Werbespots mit und hatte Rollen in Fernsehshows wie „Hey Dad“, „A Country Practice“ und „Police Rescue“. Mit dem im Schauspielgeschäft verdienten Geld finanzierte sie sich im Alter von 12 Jahre eine Demo-CD mit fünf selbst geschriebenen Songs. Drei Jahre später erhielt sie einen Vertrag bei Sony Music. Im Jahre 2002 bekam Delta eine Rolle in der Australischen Fernseh-Institution „Neighbours“, die bereits als Sprungbrett für diverse Popstarts diente (Jason Donovan, Kylie Minogue, Natalie Imbruglia). In der Rolle des schüchternen Schulmädchens Nina Tucker bekam Delta dann auch die Möglichkeit, ihren Song „Born to try“ in der TV-Serie zu singen.

„Born to try“ wurde als Single veröffentlicht und hielt sich mehr als drei Monate in den Top 5 der australischen Charts, konnte aber hierzulande aufgrund mangelnder Promotion nicht zünden. Der Grund dafür lag in der angeschlagenen Gesundheit der Sängerin, bei der eine Form von Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Aber mit der zweiten Auskopplung „Lost without you“ und einer wiederhergestellten Gesundheit soll es nun auch in Deutschland mit der 18-Jährigen klappen, die sich durch Interpreten wie Silverchair, Incubus, Jeff Beck, Mariah Carey und Celine Dion inspiriert fühlt. Mit rekordverdächtigen 26 Wochen auf Platz eins der australischen Album-Charts und einer erlesenen Songschreiber- und Produzentenschar im Rücken (u.a. Ric Wake, der bereits für Celine Dion, Jennifer Lopez und Mariah Carey tätig war, Matthew Gerrard (Mandy Moore), Vince Pizzinga (Midnight Oil), David Nicholas (INXS, Elton John) sowie den Rembrandts) stehen die Chancen dafür nicht schlecht. Dazu hat Delta Goodrem an zehn der vierzehn Songs mitgeschrieben, was auf dem Teen-Pop-Sektor eher ungewöhnlich ist.

Doch bietet „Innocent Eyes“ wirklich Teen-Pop? Eigentlich klingt Delta Goodrems Stimme dafür etwas zu erwachsen und auch die beteiligten Songschreiber decken eher den AOR-Bereich ab. So ist „Born to try“ zwar eine getragene Ballade, die mit ihrem hymnischen Chorus ein Segen für jeden Radiosender auf der Welt darstellt, doch kein kindlich naiver Teen-Pop. Dazu wird dem Hörer eine gebrauchsfähige Botschaft präsentiert, die es wert ist umzusetzen: „Ich bin nicht unbedingt geboren, um immer zu gewinnen, aber ich bin auch nicht geboren, um zu verlieren; im Grunde bin ich da, um das Beste aus meinem Leben zu machen.“ Dagegen verarbeitet „Not me, not I“ den Herzschmerz eines Teeangers, nachdem eine Beziehung in die Brüche gegangen ist und schippert somit in offensichtlichen Fahrwassern. Die akustische Pianoballade wurde von Songwriter Kara DioGuardi etwas aufgepeppt (Streicher!) und zu einem dynamischen Popsong mit einigen überraschenden Harmonien umfunktioniert. Der Titeltrack „Innocent eyes“ ist ein leicht rockiger, autobiographischer Popsong, der zusammen mit Vince Pizzinga entstanden ist und „Throw it away“ stammt aus der Feder von Cathy Dennis, Gary Barlow und Eliot Kennedy und kann getrost der Sparte „Füllmaterial“ zugeschrieben werden. Die Instrumentierung ist im Vergleich zu den vorherigen Tracks relativ einfallslos. Ein Popsong von der Stange eben.

„Lost without you“, die zweite Single, wurde von Matthew Gerrard und Bridget Benenate geschrieben und ist zweifellos der Höhepunkt des Albums. Eine Powerballade, für die Musik-Verbrecher wie Dieter Bohlen töten würden. Der Refrain ist eine Pop-Hymne vor dem Herrn, an der nicht mehr viel herumzudoktern ist. Hier ein paar Streicher, dort eine E-Gitarre, dazu Tori-Amos-artige Pianoläufe und natürlich Deltas tolle Stimme. „Predictable“ wird von geheimnisvollen Pianoklängen geleitet (Delta hat eine langjährige Klavierausbildung), die immer wieder von rockigen Passagen unterbrochen werden. Von der Struktur erinnert das Stück an die Rock-Halbballaden einer Bonnie Tyler in den 80er-Jahren. „Butterfly“ ist eine weitere „True North“-Produktion und leider auch nicht mehr als durchschnittliche Popware. Wieder ist die Instrumentierung alles andere als spannend und der Refrain kann auch nicht wirklich überzeugen. Da muss der gute Gary noch ein wenig üben, um wieder auf den Standard eines Klassikers wie „Back for good“ zu kommen. „In my own time“ ist ein herrlich unverkrampfter Akustik-Popsong, der ganz allein auf die Kappe von Delta Goodrem geht. Spätestens jetzt beweist sich, dass die Mischung aus Klavier, Akustikgitarre und Deltas Stimme eine unschlagbare Kombination darstellt. „My big mistake“ ist „True North“ zum dritten. Der Song ist etwas flotter als die vorherigen „True North”-Stücke und kann auf der Refrainseite schon eher überzeugen. Dazu kommt eine nicht zu wuchtige Orchesterbegleitung, die dem Song das richtige Leben einhaucht.

Mit „Running away“ können die Herren Barlow, Woodcock und Kennedy das Verhältnis zwischen guten und weniger guten Songs letztendlich ausgeglichen gestalten. Natürlich ist das Stück etwas seicht, aber das macht in den meisten Fällen einfach einen guten Popsong zum mitsingen aus. „A year ago today“ entstand zusammen mit Paul Wiltshire und Mark Holden und ist eine traurige Hommage an Deltas Tante Sandra und der verstorbenen Mutter eines sehr nahen Freundes. Entsprechend wuchtig wird hier auf die Tränendrüse gedrückt. Sicherlich Geschmackssache, aber die Harmoniewechsel sind nicht zu verachten. „Longer“ ist eine weitere („True North“)-Ballade, die auf Pianoklängen und einer akustischen Gitarre aufbaut. Nicht wirklich schlecht, aber unterm Strich als Füller anzusehen. „Will you fall for me“ ist dann der Abschluss des Albums. Ursprünglich als Bandsong geplant, wurde der Track mit abgespeckten Mitteln eingespielt, was ihm deutlich besser zu Gesicht steht. Das Grundgerüst besteht aus einem Klavier und Deltas Stimme. Dazu kommen ein paar behutsame Streicher und fertig ist der emotionale Schlusspunkt von „Innocent Eyes“. Einem Album, das nicht als alltägliches Werk eines Teen-Popstarts bezeichnet werden kann. Dazu klingen die Songs und Delta Goodrems Vocal-Performance einfach zu erwachsen. Bei den Aufnahmen wurde Wert auf ein organisch klingendes Album gelegt, das bei allem Pop-Appeal auch ältere Hörer anspricht. Dazu halten sich die leider auch vorhandenen Ausfälle erfreulich in Grenzen, sodass man ein sympathisches Stück Popmusik serviert bekommt, das allemal sechs Punkte verdient und mit „Lost without you“ ein echtes Juwel beinhaltet.

Anspieltipps:

  • Born to try
  • Not me, not I
  • Running away
  • In my own time
  • Lost without you
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