Die Moulinettes - Serendipity Park - Cover
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Die Moulinettes Serendipity Park


  • Label: Paul!/ZOMBA
  • Laufzeit: 38 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

In Edgar Reitz´ 15-stündigem TV-Klassiker „Heimat“ dreht sich im 9. Teil („Herrmännchen“) alles um den künstlerisch veranlagten Jungen Hermann Simon, der das heimische Dorf Schabbach im malerischen Hunsrück verlässt, um in der Großstadt München Musik zu studieren. Als Hermann seiner Familie in besagter Folge das erste Mal von ihm komponierte Musik vorspielt, staunt der Fernsehzuschauer nicht schlecht, ob der eigenartigen Klänge, die sich ihm klappernd, zirpend und reichlich schräg in die Gehörgänge bohren. Schon verrückt, dass dem Rezensenten diese Szene ausgerechnet beim Genuss des dritten Albums der Münchener Band Die Moulinettes in den Sinn kommt.

Das mag daran liegen, dass uns Die Moulinettes auf „Serendipity Park“ auch so einige (unbewusste?) Schrägheiten präsentieren, die den geneigten Hörer ein ums andere Mal auf dem falschen Fuß erwischen, ohne dass man unbedingt von den berühmten „Ecken und Kanten“ sprechen könnte, die ein Album erst spannend machen. Wobei das Werk der Münchner sicher nicht als uninteressant zu bezeichnen ist – kann es doch vor allem auf lyrischer Seite, mit der einen oder anderen unkonventionellen Geschichte, für ein Schmunzeln bzw. angeregtes Blättern im Textheft sorgen („Beim ersten Mal trafen sich unsere Blicke / Beim zweiten Mal trafen sich unsere Hände / Beim dritten mal trafen sich unsere Lippen / Und beim vierten Mal unsere Anwälte“ aus „Unsere Anwälte“).

Musikalisch lässt sich das Album in den Bereich leicht zu verdauender Gitarren-Popmusik einsortieren, die zwar nicht gerade stromlinienförmig daherkommt, aber von Claudia Kaiser, Barbara Streidl, Kiki Lorrig-Wossagk und dem Ende 1998 zur Band gestoßenen Martin Lickleder mit einigen obskuren Details ausgestattet wurde. So vermag ein durchaus starker Song wie „BBQ“ gewiss leidenschaftlich zu rocken; doch nur so lange, bis der Gesang einsetzt, der wie der Freizeitfrauenchor von Bündnis 90/Die Grünen unheimlich auf betroffen macht. Dadurch wird eines der besten Stücke der Platte zu einer Light-Version von Sonic Youth degradiert, was mehr als schade ist.

Das bereits erwähnte „Meine Anwälte“ ergeht sich einem schleppenden Beat und reichlich larmoyanten Chorgesängen, wogegen „Rockin’ after Mitleid“ geschickten Wortwitz mit einem cool swingenden 60s Popgroove verbindet. Das schwermütige „Schlaflied“ ist eine etwas leiernde Ballade mit Elfenchor, die einen entweder zum Wahnsinn treibt oder (besser) innerhalb kürzester Zeit in den Schlaft wiegt. „Dreckiger als auf dem Mond“ versprüht tatsächlich so etwas wie Punk-Attitüde, wenn sich Die Moulinettes in knapp zwei Minuten durch den Song pflügen. Da zahlt sich eine intelligente Song-Anordnung durchaus aus, war man doch beim vorherigen „Schlaflied“ sanft entschlummert. „In der Unheilbar“ ist ein frischer Popsong, der, mit etwas mehr Tempo gespielt, auch von „Wir Sind Helden“ sein könnte. Hier regiert ebenfalls ein schelmischer Bonmot, der sich mit großstädtischen Schickimickitypen auseinandersetzt („In der Unheilbar, wo du bedienst, werden nur Lügen aufgetischt. Und die Gedankenwelt, in der du lebst, gehört mal dringend rausgewischt“). „Am Abgrund Schlange stehen“ kann man ungeniert als fußstampfenden BritPop-Versuch bezeichnen, der direkt in die Country- und Western-Polka „Unterwegs mit dem Duke“ mündet, dessen Verrücktheit einer Band wie The Coral kaum nachsteht.

Wie man sieht bzw. hören kann, geht es auf dem vorliegenden Album recht abwechslungsreich zu. Ansatzweise lugen ein paar sehr feine Melodien („Cary Grant“) und recht ansprechende Arrangements aus den zehn Songs hervor. Dazu gefallen die nicht alltäglichen Texte der Moulinettes. Nur sind Texte in der Rockmusik leider ein flüchtiges Vergnügen. Was bleibt, und über die Qualität einer Platte entscheidet, ist der Sound. Und der kann auf „Serendipity Park“ leider nicht 100%ig überzeugen. Die Musik dreht sich um Rock, 60s Pop und allerhand netter Einfälle, die sich an britischer Schlagermusik und amerikanischem Noise-Rock orientieren, ohne dauerhaft im Gehör hängen zu bleiben. Damit landet die Band wohl nicht in einer MTVIVA Clip-Rotation wie anno 1998, als ihr Überraschungserfolg „Herr Rossi sucht das Glück“ zu einer Art Sommerhit avancierte. Schade drum.

Anspieltipps:

  • BBQ
  • Dieses Lied
  • Unsere Anwälte
  • Rockin’ after Mitleid
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