Tangerine Dream - Dream Mixes IV - Cover
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Tangerine Dream Dream Mixes IV


  • Label: TDI Music/INDIGO
  • Laufzeit: 70 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
4.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn man sich als junger Mensch für Musik außerhalb der Charts interessiert, stößt man schnell an gewisse Grenzen. Im Radio läuft bloß formatierter Einheitsbrei, der ein Abbild der nationalen Hitparade darstellt. Das Musikfernsehen befindet sich auf einem rasanten Sinkflug vom ehemals innovativen Medium zum mundtoten Abspielkanal seelenloser Videoclips und auch die so genannte Fachpresse tut sich schwer, substanzielle Newcomer bzw. überragende Größen aus der Vergangenheit für ein neues, junges Publikum aufzubereiten. Also was tun?

Aus Erfahrung geht im Zusammenhang mit der Entdeckung „neuer“ Musik nichts über das Stöbern in der Plattensammlung der Eltern bzw. älterer Geschwister. Dadurch wurden schon immer echte Schätze zu Tage gefördert und an die nächste Generation weitergereicht. Egal ob Doors, Beatles, Stones oder Pink Floyd, ohne Eigeninitiative wird es heutzutage nichts mit der Neuentdeckung. Wie wäre es in dieser Beziehung mit der Erforschung elektronischer Musik aus deutschen Landen? Denn hierzulande hat es in den späten 60er-Jahren ein paar wirklich fortschrittliche Acts gegeben. Bands wie Can, Kraftwerk oder die legendären Tangerine Dream.

Die Berliner Band Tangerine Dream wurde im Herbst 1967 von Edgar Froese aus der Taufe gehoben. Froese hatte von Anfang an sehr klare Vorstellungen vom Klang seiner Musik und kalkulierte nie mit irgendwelchen Hitparadenpositionen. So entwickelte sich der Sound von experimentellem Minimalismus in der 60er-Jahren, über Synthie- und Sequenzereskapaden in den 70er-Jahren, hoch gelobter Instrumentalmusik für über 30 Soundtracks in den 80ern (u.a. „Risky Business“, „The Keep“, „Flashpoint“, „Firestarter“, „Legend“) bis hin zu pulsierender Dance-Music in den 90er-Jahren. Die erste Tangerine-Dream-LP „Electronic Meditation“ wurde im Juni 1970 veröffentlicht und war eine verrückte Kombination aus herkömmlichen Instrumenten und durch Effektgeräte gejagte Geräusche von Haushaltsgeräten. Das ´73er Album „Atem“ stellte den weltweiten Durchbruch der Band dar und verschaffte Tangerine Dream einen lukrativen Vertag mit dem Virgin Label. Das erste Album für Virgin („Phaedra“) war ein Meilenstein auf dem Sektor der elektronischen Instrumentalmusik und zog in die Top 20 der britischen Charts ein. Die Nachfolgewerke („Rubycon“ und „Ricochet“) bauten auf demselben Konzept wie „Phaedra“ auf. Mit dem ´76er Album „Stratosfear“ hielten mehr und mehr organische Instrumente wie Gitarre und Piano Einzug und bei „Cyclone“ (1978) präsentierten Tangerine Dream erstmals Vocalparts, was auf scharfe Kritik bei den Fans stieß. In den 90er-Jahren machte die Band vermehrt durch Line-Up- und Plattenfirmenwechsel von sich reden. Wechselte die Besetzung seit 1967 geschätzte drei Dutzend Mal, schrumpfte Tangerine Dream 1990 durch den Einstieg von Edgar Froeses Sohn Jerome zum Duo. In den letzten Jahren produzierten Vater und Sohn Froese fleißig Soundtracks, Live-, Remix- und Studioalben und erhielten für das ´92er-Werk „Rockoon“ die insgesamt siebte Grammy-Nominierung.

1998 gründeten die Froeses das Schallplattenlabel „TDI Music“, auf dem jetzt der inzwischen vierte Teil der vor allem im Ausland so beliebten Reihe „Dream Mixes“ veröffentlicht wird. Die Remix-Serie schlägt eine Brücke zwischen alt und neu, zwischen modernen Sounds und der Bandvergangenheit. So steht zwar am Anfang der meisten Titel des zehn Songs umfassenden Samplers ein musikalisches Fragment aus der langen Geschichte von Tangerine Dream, das jedoch durch De- und Rekonstruktion unter Zuhilfenahme zeitgemäßer Klänge und Studiotechniken zu etwas gänzlich Neuem gemacht wurde. Dadurch erfindet sich das Duo immer wieder neu, ohne auf aktuelle Trends zu schielen. Moderne Stilmittel werden lediglich mit dem Ziel genutzt, eine homogene Einheit aus nahezu zeitloser Musik zu erschaffen. Auf diese Weise präsentiert uns das Froese-Duo eine Mischung aus geheimnisvollem Ethno-Trance („Perplex parts“) auf wabernden Synthesizer-Wolken („Losing the perspective“), garniert mit einigen Break-Beat-Einlagen („Messenger) und vereinzelten Vocal-Parts („Floating higher“). Dieser Soundmix fließt wie aus einem Guss aus den Boxen, sodass es wenig Sinn macht, einzelne Stücke zu sezieren. Was hier zählt, ist der Gesamteindruck und das Feeling während der ganzen 70 Minuten Spielzeit.

Tangerine Dream sind auch knapp 37 Jahre nach der Bandgründung in der Lage, atmosphärische Soundlandschaften zu kreieren, mit denen sich Anhänger elektronischer Musik identifizieren können. Entweder als Entspannungsmusik oder als gemütlicher Soundtrack zu einer gepflegten Sportzigarette. Wobei das eine das andere nicht ausschließt.

Anspieltipps:

  • From Kiev with love
  • Meta morph magic
  • Perplex parts
  • Messenger
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