Witt - Pop - Cover
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Witt Pop


  • Label: Ventil/SPV
  • Laufzeit: 53 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Joachim „Der goldene Reiter“ Witt ist das Stehaufmännchen im deutschen Musikzirkus. Weit über 20 Jahre im Geschäft, zählte er zu den erfolgreichsten Acts der „Neuen Deutschen Welle“, ehe er, wie die meisten Protagonisten der damaligen Zeit, aus den Augen der Öffentlichkeit verschwand. In den späten 90er-Jahren erlebte Witt mit den Alben „Bayreuth I“ (1998) und „Bayreuth II“ (2000) seine künstlerische wie kommerzielle Widerauferstehung. Vor allem die Single „Die Flut“, die er zusammen mit Peter Heppner (Wolfsheim) einspielte, wurde zu einem fulminanten Chartstürmer. Texte und Musik der beiden Alben waren ziemlich düster gehalten und teilweise von brachialer Härte. Dass die Presse Joachim Witt zusammen mit Bands wie Rammstein als Aushängeschild der „Neuen Deutschen Härte“ anpries, war aber eher als schlechter Witz anzusehen. Ganz abgesehen davon, dass man die Symbolik der beiden „Bayreuth“-Werke als durchaus fragwürdig und bewusst provokant bezeichnen kann.

Doch anscheinend hat der Hamburger großen Spaß daran, seine Alben mit einer guten Portion Streitpotenzial auszustatten, denn mit seiner aktuellen CD „Pop“ schlägt seine Karriere erneut einen Haken, auch wenn der Titel mit einem ironischen Augenzwinkern zu sehen ist. Doch diese Kurskorrektur kommt sicher nicht von Ungefähr, nachdem das Album „Eisenherz“ (2002) keinen großen Anklang beim Publikum fand. Wohl auch ein Grund dafür, dass „Pop“ auf Witt’s eigenem Label Ventil im Vertrieb von SPV erscheint und nicht mehr über den Branchenriesen Sony in die Läden kommt.

„Pop“ präsentiert auf 13 Songs verteilt, flauschige Keyboard-Teppiche à la HIM, dezente elektronische Spielereien aus dem Abfalleimer von Enigma, widerliche Drums aus dem Computer, ätzende Beats wie wir sie seit Sigue Sigue Sputnik nicht mehr gehört haben, ab und an ein paar recht wuchtige Gitarren aus dem Rammstein-Ausschuss und einen Joachim Witt, der gesanglich zwischen Schlager-Affe, martialischem Metal-Gegrunze und verzweifeltem Wimmern wechselt. Hört sich schlimm an? Ist es leider auch! Höhepunkt dieses niveaulosen Treibens ist eine Coverversion des Schlager-Klassikers „Mein Freund der Baum“ von Alexandra. Mit viel „Humtata“, tiefer Stimme und klebrigen Synthies, wird hier deutsches Liedgut auf das übelste zerstört, sodass man sich für den so genannten Künstler beinahe schämen muss. Weitere Beispiele für Witt’s Barbarei gibt es zuhauf. Traurig nur, dass sich die sympathische Jasmin Tabatabei als Duettpartnerin für so einen Mist hergegeben hat und beim Song „Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist“ mitwirkt. In Kombination mit Herrn Witts Grabesstimme wird das Stück zu einer grotesken Gothic-Pop-Parodie, die nun wirklich keiner braucht.

Was um Himmelswillen möchte uns der Künstler mit diesem Werk sagen? Was bitte sollen ein stampfendes Nichts wie „Draussen vor der Tür“ oder Metal-Bretter wie der Opener „Krieger des Lichts“ beim Hörer bezwecken? Wie kommt man auf die Idee, so dreist bei Rammstein zu klauen, wie beim düsteren „Fluch der Liebe“? Rätsel über Rätsel. Doch Witt quält uns weiter. „Für den Moment“ ist eine Akustikballade mit lustig-schaurigem Text („Eins zu sein mit allem und von allem endlos viel. Implantat der Lust, gib mir einen Kuss und mehr...“), „Ich will mehr“ bietet moderne Marschmusik für ewig Gestrige, „Du wirst bald Geschichte sein“ klingt ein wenig nach den Pet Shop Boys, wäre da nicht Witt’s grimmiger Gesang. Da kann sich der Rezensent ein Schmunzeln kaum verkneifen. Disco-Beats, kombiniert mit Till-Lindemann-artigem Gesang (Rammstein), da muss man erstmal drauf kommen. „Später“ ist schwofiger Schunkel-Pop, „Vorwärts“ ist ein von E-Gitarren verzierter Elektro-Marsch und „You make me wonder“ im wahrsten Sinne des Wortes sonderbares Elektrogeschwurbel, für das jede New-Wave-Band verprügeln würde. Damit endet die Kunst.

Joachim Witt macht es dem Hörer wirklich nicht leicht. Völlig ziel- und konzeptlos wuchtet sich der ehemalige NDW-Star durch ein wirres Album, das selbst allerkleinsten Lichtblicken keine Chance gibt. Denn selbst wenn sich mal ansatzweise eine brauchbare Melodie offenbart („Sag was du willst“), wird diese durch uninspiriertes Gedudel zugekleistert, bis man auch auf diese keine Lust mehr hat. Was also soll man damit anfangen? Eine Frage, die uns wohl auch der Künstler nicht beantworten kann.

Anspieltipps:

  • Sag was du willst
  • Krieger des Lichts
  • Für den Moment
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