Auf Der Maur - Auf Der Maur - Cover
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Auf Der Maur Auf Der Maur


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 51 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein in der Musikbranche gern diskutiertes Thema sind Alben von Musikern, die ihr Dasein ansonsten in Bands fristen. Denn egal ob solche Soloausflüge Sinn machen oder nicht, irgendwo ist es verständlich, wenn Künstler nach einer gewissen Zeit aus dem üblichen Schema ausbrechen und einfach mal die Sau rauslassen wollen. Also keine Kompromisse mit Bandkollegen eingehen müssen und den eigenen Ideen freien Lauf lassen können. Aus den vielfältigen Erfahrungen mit eben diesen Soloversuchen lässt sich eine ganz passable Kategorisierung vornehmen, mit der sich der potenzielle CD-Käufer im Vorfeld auf das zu erwartende Abenteuer einstellen kann.

Da sind zum einen Sänger und Gitarristen, deren Solowerke in der Regel größenwahnsinnige Ego-Trips sind, bei denen am liebsten alle Instrumente in Eigenregie eingespielt werden und die Produktion auch noch auf die eigene Kappe geht. Hier lautet die Devise schlicht „Hopp oder Top“. Entweder wird der Hörer mit einem Meisterwerk beglückt oder von einem unzugänglichen Stück Pseudo-Kunst niedergewalzt. Bei der Gattung der Schlagzeuger geht es dagegen etwas kurios zu. Obwohl sie selten im Rampenlicht stehen und „nur“ für den Rhythmus zuständig sind, bringen sie oftmals ungeahnte Talente in Sachen Songwriting und Produktion mit, sodass man von ihren Solo-CDs nicht selten positiv überrascht wird. Bleiben noch die Bassisten, die klassischen Zweite-Reihe-Musiker, von denen eigentlich niemand überhaupt irgendwas erwartet. Doch wie so oft bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel – und eine dieser Ausnahmen ist Melissa Auf Der Maur, die langjährige Bassistin von Hole und den Smashing Pumpkins.

Melissa Auf Der Maur bediente bei Hole, der Band von Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love, für fünf Jahre den Bass, den sie 1994 nach dem tragischen Tod ihrer Vorgängerin Kristen Pfaff übernommen hatte. Nach Ablauf ihres Vertrages verließ sie die Gruppe, um endlich ein eigenes Album aufzunehmen. Aber just in diesem Augenblick kam ein gewisser Billy Corgan, der für seine Smashing Pumpkins einen Ersatz für die ausgestiegene Bass-Frau D’arcy Wretzky suchte. Ein Angebot, das man sich nicht entgehen lässt. Doch nachdem sich die Smashing Pumpkins Ende 2000 auflösten, war der Weg für Melissas Soloalbum frei. Nach einem Jahr Erholungspause kramte sie ihre alten Songskizzen hervor, an denen sie acht Jahre nicht mehr gearbeitet hatte. Sie buchte im heimischen Montreal ein Studio und verpflichtete Chris Goss (Masters Of Reality) als Produzenten, mit dem sie in vier Wochen 12 Songs für ihr Album aufnahm. Prominente Unterstützung erhielt sie dabei von Mark Lanegan (Ex-Screaming Trees), Josh Homme und Nick Oliveri (Queens Of The Stone Age), James Iha (Ex-Smashing Pumpkins), Brant Bjork (Ex-Kyuss, Fu Manchu), Paz Lenchantin (Ex-A Perfect Circle, Ex-Zwan), Twiggy Ramirez (Ex-Marilyn Manson), John Stanier (Ex-Helmet), Adam Willard (Rocket From The Krypt) und Kelli Scott (Failure). Weitere 11 Monaten brauchte es, um die Stücke abzumischen. Doch jetzt, knapp zehn Jahre nach ihrem Debüt als Berufsmusikerin, ist das erste Soloalbum der Kanadierin fertig.

Schön ist es, dass sich die gute Melissa mit ihrem eigenen Material nicht sehr weit von ihren früheren Arbeitgebern entfernt. Abgesehen davon, dass sie zum ersten Mal singt, allein für Songs, Texte und Sound zuständig ist, geht es immer noch um beherzt vorantreibende Rockmusik mit poppigen Melodien und dynamischen Gitarren. Leider kann sie dabei nicht mit der Theatralik einer Courtney Love oder dem Bombast eines Billy Corgan mithalten. Dafür sind ihre Songs streckenweise etwas bieder und konventionell gestrickt. Trotzdem wird auf dem Album ganz anständig gerockt und alles in allem sehr charmantes Entertainment geboten. Schon der Opener „Lightning is my girl” kann als forscher Alternative-Rocker überzeugen, der mit grummelndem Bass und bratzender Gitarre Parallelen zum Sound der aufgelösten Girl-Band Sister 7, bzw. Juliana Hatfield in ihren besten Zeiten aufweist. „Followed the waves“ (vermutlich die erste Singleauskopplung) kommt mit einem aufgeregten Rhythmusgeflecht daher, das mit dunkel grollenden Bässen und einem flirrenden Gitarrensound à la Smashing Pumpkins handfeste Hitqualitäten aufweisen kann. Hier merkt man besonders, dass es sich um ein Album einer Bassistin handelt, da dieses Instrument den Gesamtsound der CD recht deutlich dominiert.

Melissas Gespür für eingängige Melodien wird in den Tracks „Taste you“ und „Would if I could“ unter Beweis gestellt. Die Gitarren werden in ihrer Schärfe etwas zurückgenommen und die Gesangsharmonien fallen sehr poppig aus, sodass ein guter Gegenpart zu den härteren Rocksongs geschaffen wird. Einer davon ist „Beast of honor“, der ein echtes Rock-’N-Roll-Biest mit scharfen Stakkatoriffs, groovendem Bass, gedoppelten Vocal-Spuren und eindeutigem Text („... Smell that cock, aha!“) darstellt. Welchen Einfluss Studiogäste auf ein Album haben können, merkt man an den Stücken „My foggy nation“ und „I need I want I will“, die direkt aus dem Repertoire der Queens Of The Stone Age stammen könnten. Und auch die morbide 2½ Minuten Pianoballade „Overpower thee” ist ein Song in bester Mark-Lanegan-Tradition. Für Abwechslung ist auf der CD also bestens gesorgt.

Somit ist „Auf Der Maur“ ein Album, das Alternative-Rock-Fans einige Freude bereiten dürfte. Die Songs haben durch die Bank ein überdurchschnittlich hohes Niveau und bieten genau die richtige Mischung aus Rock und Pop. Es findet sich unter den 12 Tracks zwar kein Überhit, dafür gibt es aber kleine Perlen wie „Taste you“ zu entdecken, die eine erstaunliche Langzeitwirkung besitzen. Ein Grund, der CD eine Chance zu geben.

Anspieltipps:

  • Taste you
  • Beat of honor
  • Overpower thee
  • Followed the waves
  • I’ll be anything you want
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