Lambchop - Aw C´mon No You C´mon - Cover
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Lambchop Aw C´mon No You C´mon


  • Label: City Slang/EMI
  • Laufzeit: 92 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Guns ’N Roses, Bruce Springsteen und Tom Waits haben es vorgemacht - jetzt legt das Ensemble um Mastermind Kurt Wagner nach: An ein und demselben Tag veröffentlichen Lambchop aus Nashville, Tennessee gleich zwei Alben. „Aw C’mon“ und „No You C’mon“ werden als Nachfolger des Meisterwerks „Is a woman“ (2002) ins Rennen geschickt und trotzdem gilt auch nach dem Erfolg des Vorgängers das alte Lambchop-Rezept: Kein Album ist wie das vorherige. War die Band anfangs noch in Alternative-Country Gefilden angesiedelt, entwickelte sie sich über orchestrale Arrangements, ausufernden Gitarrenalben und pianolastige Minimalwerke zu den Anführern eines neuen Pop-Avantgardismus.

Ursprünglich als separate Veröffentlichungen geplant, erscheinen die Lambchop-Werke Nummer sieben und acht kostengünstig in einer Verpackung, so wie Outkast es gerade mit „Speakerboxxx / The Love Below“ vormachen und sehr großen Erfolg damit haben. Bandleader Kurt Wagner sieht die beiden CDs als Essenz der Stimmungen der letzten drei Alben, wobei die Entstehungsgeschichte typisch für den Workaholic Wagner ist, der sich anscheinend nie eine Pause gönnt. So nahm er das Angebot an, für das internationale Filmfestival in San Francisco den Stummfilmklassiker „Sunrise“ von F.W. Murnau zu vertonen. 15 Songs entstanden auf diese Weise, inspiriert von der dramatischen Filmhandlung. Die Songwriting-Klausur ging jedoch noch weiter. Soweit, dass zu Beginn der Aufnahmen zum neuen Lambchop-Album aus 49 Titeln ausgewählt werden konnte. 24 haben es nun auf die zwei Konzeptwerke geschafft und Bandchef Wagner kann stundenlang referieren, warum welches Album so ist wie es ist und warum welcher Song an welcher Stelle steht. Weshalb die Songs plötzlich im Lichte des 22-jährigen Gitarristen William Tyler stehen, aber trotzdem keine Gitarrenmonologe zu hören sind und warum das bei „Is a woman“ im Mittelpunkt stehende Piano auf einmal zur Nebensache wird. Doch neben all diesen Fragen ist nur eines wirklich wichtig: Jeder Song kann zu einem Freund werden, wenn der Hörer es will. Zudem ist kein Track wie ein Lambchop-Song je zuvor. Alles wird anders, doch alles bleibt Lambchop.

Ob das Instrumental-Intro „Being Tyler“ von „Aw C’mon“ inhaltlich etwas mit Gitarrist William Tyler zu tun, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Trotzdem ist die Überraschung groß. Erstmals gibt es Instrumentals im Lambchop-Universum! Und Streicher, so fett und fleischig, dass sie zunächst auf dem Moll-Songwriting von Wagner wie Fremdkörper wirken. Aber wie so vieles, ist auch dies nur eine Frage der Gewöhnung. Denn schon beim wunderschönen „Four pounds in two days“ funktionieren die Geigen in Kombination mit Gitarre und Piano vorzüglich. Dazu singt Wagner mit ungewohnt sonorer Stimme, als gäbe es einen Preis für den besten Nick-Cave-Soundalike zu gewinnen. Beim atmosphärischen „Steve McQueen“ schwingt gar eine gute Portion Soul im Stile eines Van Morrison mit und das countryeske „The long official“ präsentiert traumhafte Gitarrenharmonien, sodass auch hier gut auf Vocals verzichtet werden kann.

Bereits nach wenigen Titeln wird deutlich, dass Lambchop einen ganz neuen Weg eingeschlagen haben, den man im ersten Augenblick als seichte Popmusik abtun könnte. Doch das Geheimnis von Lambchop-Alben liegt in ihren „Grower-Qualitäten“. Sprich, den Hörer mit zunehmender Spieldauer immer stärker in den Bann zu ziehen, bis man ihn fest im Griff hat und er vollkommen in den Klangwelten versunken ist. Und so wähnt man sich plötzlich im schwülen Nashville, während draußen die Schneeflocken auf der Scheibe tanzen.

Auch „No You C’mon“ wird von einem Instrumental-Song eröffnet, nur dass „Sunrise“ um einiges beschwingter daherkommt, als sein Gegenstück. „Low ambition“ ist dagegen kruder Jazz-Pop, aus dessen düsterer Grundstimmung der Refrain wie ein herbstlich schwacher Sonnenstrahl herausragt. „There is still time“ ist ein von romantischer Eleganz geprägtes Liebeslied, während die Band bei „Nothing adventurous please“ die Rock-’N-Roll-Sau rauslässt, was die unheimliche Wandlungsfähigkeit von Lambchop unter Beweis stellt. Im Schweinsgalopp pflügen die Musiker durch den Song, der phasenweise wie ein Extrakt aus Lou Reeds „New York“-Trilogie klingt und werfen damit die Stimmungslage auf einen Schlag über den Haufen. Doch das macht gar nichts. So bleiben die Alben spannend und der Hörer hat in 90 Minuten einiges zu entdecken.

Mit diesem Doppelalbum, das eigentlich keins sein will, ist Lambchop erneut ein kleines Meisterwerk gelungen, das seine Blüten im Verborgenen, außerhalb der Hitparaden treiben wird. Zwar kommt es bei der Vielzahl der Songs vor, dass nicht jedes Stück zu 100% überzeugt, doch das ist angesichts der vielen Perlen auf „Aw C’mon“ und „No You C’mon” durchaus zu verschmerzen. Unterm Stricht bieten Lambchop höchst anspruchsvolle Popmusik wie sie heutzutage nur selten zu finden ist. Allein diese Tatsache führt dazu, dass „Aw C’mon / No You C’mon” als Pflichtkauf gilt.

Anspieltipps:

  • Low ambition
  • Steve McQueen
  • There is still time
  • Timothy B. Schmidt
  • Four pounds in two days
  • Nothing adventurous please
  • Nothing but a blur from a bullet train
  • Women help to create the kind of men they despise
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