Incubus - A Crow Left Of The Murder... - Cover
Große Ansicht

Incubus A Crow Left Of The Murder...


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 59 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
7.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit „A Crow Left Of The Murder...” sind Incubus den Red Hot Chili Peppers gefährlich nahe gekommen.

Die vergangenen drei Jahre zählten zu den aufregendsten in der 12-jährigen Karriere der kalifornischen Rockband Incubus. Für ihren dritten Longplayer „Morning view“ (2001) erhielt das Quintett aus Calabasas in allen Medien überschäumende Kritiken. Die Verkaufszahlen schossen in den Himmel und die in so einem Fall einsetzende Promo-Maschinerie führte die Band zwei Jahre lang um den Globus. Als sich die Musiker Ende 2002 ausgelaugt in den wohlverdienten Urlaub verabschiedeten, kehrte allerdings keine Ruhe um die Band ein. Bassist Dirk Lance verließ Incubus und wurde durch Ben Kenney von The Roots ersetzt. Gitarrist Mike Einziger und Drummer Jose Pasillas gründeten das Side-Project „The Time-Lapse Consortium“ und Sänger Brandon Boyd vollendete sein erstes Buch „White Fluffy Clouds“. Dazu gab es Vertragsstreitigkeiten mit der Plattenfirma und eine riesige Erwartungshaltung des gesamten Band-Umfelds, die es zu befriedigen galt.

Doch Incubus haben für sich ein Mittel gefunden wie sie dem Alltagsstress entfliehen können, um die notwendige Ruhe für Songwriting und Aufnahmen zu haben. Wie schon bei den Sessions zum Vorgänger, mieteten sich die Kalifornier ein Haus, in dem sie über Monate ungestört an ihren Ideen basteln konnten. So entstanden in den Bergen oberhalb von Malibu 20 Songs, von denen letztendlich 14 Stück auf dem „A Crow Left Of The Murder...“ betitelten Album gelandet sind. Eröffnet wird der von Brendan O’Brien (Pearl Jam, Bruce Springsteen, Aerosmith, The Offspring) produzierte Reigen von der ersten Singleauskopplung „Megalomaniac“, die nach einem vertrackten Intro in einen virtuosen Rocksong umschwenkt. Mit einer Mischung aus progressiven Gitarrenklängen und einer guten Portion Aggressivität, entwickelt sich ein fett groovendes Riff-Monster, das jede Alternative-Disco in eine kollektive Hüpfburg verwandeln dürfte. Es folgen mit dem Titeltrack „A crow left of the murder“ ein schwungvoller Groove-Rocker und mit dem Midtempo-Song „Agoraphobia” das wohl poppigste Stück des Albums.

Das schleppende „Talk shows on mute” nimmt sich der orwellschen Schreckensversion „1984“ an und kann vor allem durch seinen smoothen Mittelteil und den gefühlvollen Vocals von Brandon Boyd überzeugen. „Beware! Criminal” ist ein groovebetonter Funk-Eskapismus im R.H.C.P.-Stil und auch bei „Sick sad little world” groovt der Bass wie Hölle. Das mit über sechs Minuten Spielzeit in experimentelle Gefilde ausufernde Stück ist die Essenz eines 20-minütigen Studio-Jams und kommt demnach mit einigen Instrumental-Frickeleien daher, die sicher nicht jedermanns Sache sind. Doch der Song steht sicher nicht ohne Grund an zentraler Stelle des Albums. „Sick sad little world” ist der lebende Beweis für überbordende Spielfreude und ein Streifzug durch psychedelische Klangwelten, die nur eine handvoll Bands beherrschen. Bei „Pistola” wird das Tempo etwas angezogen und die Gitarren haben wieder mehr Schärfe. Der Song dürfte den Besuchern des Lollapaloza-Festivals bereits bekannt sein, da sich der simple Rocker sehr gut als Live-Song eignet und deshalb seine Feuertaufe bereits hinter sich hat. „Southern girl” dagegen, ist eine sonnige Halb-Ballade mit schönen Gesangsharmonien und epischen Gitarrenwolken, während „Priceless” als polternder Funk-Rocker mit grandiosem Gitarrensolo aus den Boxen wummert. Mit „Made for TV movie” präsentieren Incubus kurz vor dem Ende noch eine der besten Kompositionen des vorliegenden Werks. Mit einer atemberaubenden Dichte aus wabernden Psychedelik-Gitarrenwänden und sattem Chorgesang erzeugt das Quintett pure Gänsehaut bei Hörer.

Mit „A Crow Left Of The Murder...” sind Incubus den Red Hot Chili Peppers gefährlich nahe gekommen. Die Grooves und der Vibe stehen dem Oeuvre der kalifornischen Kollegen in nichts nach. Intensität und Experimentierfreude übertreffen sogar die letzten Werke der Mannen um Anthony Kiedis, die sich mehr in Richtung Popmusik entwickelt haben. Im Vergleich zu den R.H.C.P. kommen die Incubus-Songs nicht so schnell auf den Punkt und geizen auch ganz gerne mit einer eingängigen Melodie. Die Suche nach „echten“ Singles gestaltet sich deshalb etwas schwierig. Als zusammenhängende Einheit können die 14 Songs dafür ohne wenn und aber überzeugen. Darüber hinaus begeistern die Musiker mit herausragenden Kunstfertigkeit, die es ihnen immer wieder erlaubt, kleine Soloausflüge in die Stücke einzubauen. So ragt mal ein besonders gelungenes Bass-Solo heraus, erfreut einen ein ungewöhnliches Wah-Wah-Gitarren-Lick oder wird man von einem mitreißenden Jazz-Drum-Sound weggeblasen. Von der Vocal-Leistung eines Brandon Boyd ganz zu schweigen. Zusammen ergibt dies eine beeindruckende Vorstellung, die mit einem beneidenswerten Sinn für dynamische Sounds und ideenreiche Songstrukturen besticht.

Anspieltipps:

  • Pistola
  • Priceless
  • Megalomaniac
  • Made for TV movie
  • Sick sad little world
Neue Kritiken im Genre „Rock“
5.5/10

Songs Of Experience
  • 2017    
Diskutiere über „Incubus“
comments powered by Disqus