Umbra Et Imago - Memento Mori - Cover
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Umbra Et Imago Memento Mori


  • Label: Spirit/INDIGO
  • Laufzeit: 55 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Independent-Musik ist ja eine durchaus feine Sache, auch wenn sich der gemeine Mainstream-Hörer nicht selten nur wenig unter den diversen Spielarten des Untergrund vorstellen kann. Da nützt auch eine eilig hinzugezogene Klischeefibel namens „Rock-Lexikon“ reichlich wenig, die uns anhand reiner Äußerlichkeiten durch den Musik-Dschungel führen will. Selbst wenn man den typischen Punker an seinen grell-bunten Outfits und der wilden Irokesenfrisur erkennt und der geneigte Gothic-Grufti gerne mit leichenblasser Haut und in pechschwarze Klamotten gehüllt durch die Fußgängerzonen schleicht, sagt uns das noch nichts über die musikalischen Vorlieben dieser beiden Spezies. Doch gerade die Gothic-Rockfans stellen eine hochinteressante Gemeinde dar, die in zunehmenden Maße in der Öffentlichkeit stattfindet.

Zwar hat man irgendwo schon mal was von Bands wie The Cure oder den Sisters Of Mercy gehört, aber zu absoluten Megasellern hat es selbst bei diesen Bands nicht gereicht. Doch seit einiger Zeit rumort es in der Independent-Szene. Die Gothic-Musik wird zunehmend populärer, indem sich der ursprüngliche Düster-Sound mit dem Mainstream aus Pop und Rock vermischt. Inzwischen findet die ehemals reine Underground-Musik immer häufiger in den Charts statt, auch wenn sie dort eher von Pseudo-Gothic-Bands wie Nightwish, HIM, Within Temptation oder Evanescence repräsentiert wird. Auf jeden Fall tut sich was im Staate Dänemark. Dazu gehört auch, dass die deutsche Gothic-Institution Umbra Et Imago im 13. Jahr ihres Bestehens dieser Tage mit dem zehnten Album „Memento Mori“ in die Plattenläden dieser Welt drängt.

Umbra Et Imago (übersetzt: wesenloser Schatten) wurde Ende 1991 als bewusster Gegenpunkt zur aufstrebenden Gothic-Kultur gegründet und überraschte mit spontaner Experimentierfreude und schamlosen, sexuellen Anspielungen im Bereich der elektronischen Musik. Die Exzentrik der Band war legendär, gelegentlich gefürchtet, auf alle Fälle charismatisch, einzigartig und stark polarisierend. S/M-Phantasien wurden zum Aushängeschild, in der damals stark asexuellen Indie-Szene und nach und nach in der breiteren Öffentlichkeit hoffähig gemacht. 1992 erschien das erste Album „Träume, Sex und Tod“, ein Jahr später der Longplayer „Infantile Spiele“, der Umbra Et Imago zum Durchbruch verhalf. Durch diverse Line-Up-Wechseln findet Mitte der 90er-Jahre ein Umbruch im Sound statt, der den Alben fortan harte Gitarrenklänge beschert. Der Band tut dies nur gut, kann sie doch in vielen europäischen Ländern sowie auf dem amerikanischen Kontinent beachtliche Erfolge feiern. Mit ihrem neuen Album „Memento Mori“, das in den eigenen Twilight Sound Studios in Karlsruhe eingespielt wurde, versucht die Gruppe nun erneut frischen Wind in ihr Schaffen zu bringen. Auf dem Werk prangert die Band die Missstände dieser Welt mit schonungsloser Ironie an und sagt „Nein!“ zu den Absurditäten der Gegenwart. Aber natürlich darf auch auf diesem Album die aufreizende und provozierende Erotik, die man seit 13 Jahren von Umbra Et Imago kennt, nicht fehlen: der musikgewordene Schrei nach dem erlösenden Exzess, brachial und aufwühlend.

Das 60-minütige Grufti-Vergnügen wird durch den hymnischen Rocker „Märchenlied (Liebeslied)“ eröffnet. Von majestätischen Keyboard-Teppichen getragen, wabert die romantische Rock-Suppe aus den Boxen und verbreitet eine wohlige Mischung aus düsteren Klängen und Gänsehaut-Vocals. Bei „Sweet Gwendoline“ werden elektronische Sounds mit brachialen Gitarrenriffs verbunden. Dazu rrrrrolt das R, als ob die Gesellen von Rammstein am Werk wären. „Sagt nein“ kommt als moderner Rock-Marsch daher, der mit knatternden Gitarrensalven und wummernden Bass direkt in die Magengrube des Hörers zielt. „Der Prälat“ oder auch der Titeltrack „Memento mori“ sind dunkle Rock-Opern mit zäh schleppenden Rhythmen und operettenhaftem Gesang, wogegen „Schlag mich“ ein extrem pikanter Song mit Geheimtipp-Status ist. Das Stück hat die Band mit ihrer Freundin, der amtierenden Boxweltmeisterin Regina Halmich, aufgenommen, die sich im Background austobt („Schlag mich, ich will die Zucht! Nur du darfst mich schlagen!“).

Obwohl die Gitarren ziemlich forsch rocken und das R in bester Rammstein-Manier gerollt wird, wirkt „Memento Mori“ über weite Strecken wie eine Light-Ausgabe der umstrittenen Nu-Metal-Band aus Berlin. Dabei arbeiten sich Umbra Et Imago routiniert durch die 12 Songs, die ohne größere Ausfälle als gekonnte Vollbedienung für Fans und Genreliebhaber bezeichnet werden können. Ob das allerdings reicht, um neue Fans dazu zu gewinnen, muss bezweifelt werden. Denn sonderlich Aufregend ist das alles nicht. Sei’s drum. Die Anhängerschar wird das 10. Album der Düster-Rocker sich dankbar aufnehmen.

Anspieltipps:

  • Schlag mich
  • Märchenlied
  • Der Wahnsinn
  • Ein letztes Mal
  • Sweet Gwendoline
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