The Cure - Join The Dots: B-Sides And Rarities - Cover
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The Cure Join The Dots: B-Sides And Rarities


  • Label: Fiction/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 300 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Der von mir sehr geschätzte Geschichtenerzähler Max Goldt gab einmal den weisen Satz von sich, man solle einen Künstler nicht ausschließlich an seinen Spitzenleistungen messen, sondern auch an seinem Ausschuss. Und genau aus diesem Grund genießen auch B-Seiten Compilations ihre Daseinsberechtigung auf diesem Planeten und sind nicht nur mit gehässigen Sätzen á la „die wollen doch nur Kohle damit machen“ abzutun.

Wenn sich eine Band eine solche Compilation ungestraft erlauben kann, dann ist es wohl The Cure: Seit über einem Vierteljahrhundert nisten sich die Jungs mit ihrer Mischung aus Gothik, Pop und Rock nun schon konstant in den Ohren der Musikliebhaber ein. Sie ahnen gar nicht, wie viele Menschen, die Ihnen heute unscheinbar am Bankschalter gegenüberstehen, in den 80er-Jahren mit Struwelfrisur und Lippenstift im Gesicht versehen laut „Boy`s dont cry“ intoniert haben. Nicht einmal die Kollaboration mit den Punkern von Blink 182 konnte Robert Smith zuletzt von seinem Thron stoßen. Zudem genießen ja The Cure den recht angenehmen Ruf, B-Seiten zu produzieren, die qualitativ den A-Seiten um nichts nachstehen, diese oftmals sogar noch toppen. Sie passten einfach dem Perfektionisten Robert Smith nicht so recht in den jeweiligen Album-Kontext.

Doch jetzt mal ganz ehrlich: Wer hätte gedacht, dass sich dieser Moment jemals einstellen würde, in dem die Welt die mit „Join the dots“ betitelte Sammlung an B-Seiten und Raritäten der Briten in Händen halten kann? Zu lange herrschte Rätselraten unter den Fans und Freunden der Band ob des Releases dieses Werkes, die Geschichten um diese Compilation entwickelten sich schon zu einer Art urbanen Legende. Nur die Pläne rund um Robert Smiths Soloalbum und die oftmalig verkündete Auflösung der Band konnten in dieser Gerüchteküche noch annähernd mithalten.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt: Während Robert Smith und Co. bereits eifrig mit Star-Produzent Ross Robinson an neuen Songs feilen, zeigte sich die Plattenfirma gnädig und brachte nun über 70 Songs von 1978 bis 2001 in soundtechnisch überarbeiteter Form unters Volk. Wenn man den Satz „Das Auge hört mit“ mal wörtlich nimmt, haben The Cure schon gewonnen: Denn „Join the dots“ wartet mit einer Ausstattung zum Zungenschnalzen auf: Die vier Silberscheiben sind in ein edles Box-Set eingebunden, ein 76-seitiges Booklet klärt über jeden einzelnen Song auf und versorgt die Käufer noch mit zahlreichen Illustrationen aus 27 Jahren Bandgeschichte.

Doch für die Punkte-Vergabe soll an dieser Stelle einzig und allein die Musik sorgen: Bei einer Gesamtspielzeit von über 4 ½ Stunden würde eine herkömmliche CD-Besprechung wohl epische Ausmaße annehmen, deshalb können wir uns die vier Scheiben nur im Schnelldurchlauf zur Brust nehmen: Für die Highlights auf CD Nummer Eins sorgen zweifellos das vielen Fans schon bekannte “10:15 Saturday night”, „The exploding boy“, das seiner Zeit weit voraus war, sowie das herrlich orchestrale “A few hours after this”. Der äußerst schräge Song „Do the hansa“ hingegen hätte es verdient, durchaus noch weitere 25 Jahre den Status als verstaubte und rare B-Seite zu genießen. Zur Ehrenrettung der Band sei gesagt, sie geben im Booklet zumindest zu, dass bei den Aufnahmen zu dem Song alkoholische Getränke mit im Spiel waren...

Die Schaffenszeit von 1987 bis 1992 wird auf dem zweiten Silberling abgedeckt. Und hier erwarten einen mit „Breath“ und „Chain of flowers“, beides B-Seiten der „Catch“-Single, die ersten zwei richtigen Kracher dieser Compilation. Das Robert Smith ein begnadeter Balladenschreiber ist, beweist er auch auf „To the sky“ mehr als eindruckvoll. Der Song war bisher nur 1989 auf einem Sampler der Plattenfirma zu finden. Mehr als überflüssig hingegen sind die gleich im Triplepack auftretenden Version des Doors-Covers „Hello I love you“.

Die dritte Scheibe vereint die Stärken der Band wohl am besten: „Halo“ wäre ebenso wie seine A-Seite „Friday I`m in love“ wohl ein Welthit geworden, die Live-Version des Jimmy Hendrix-Klassikers „Purple Haze“ zeigt eindrucksvoll, dass die Jungs auch härtere Tönte anschlagen können. Doch es sind vor allem zwei Soundtrack-Beiträge, die herausragen: „Burn“ aus dem Streifen „The Crow“ entführt den Hörer fast sieben Minuten auf eine Reise in die düstere Klangwelt des Robert Smith und der „Dredd Song“ war mit der einzige Grund, sich den Action-Langeweiler „Judge Dredd“ mit Silvester Stallone anzusehen.

Womit wir schon beim „Problemkind“ dieser Compilation wären, denn die CD 1996 – 2001 findet bei den Fans den wenigsten Anklang. Zu Unrecht, beweisen doch alleine Songs wie „Waiting“ oder „A pink dream“, welch starkes Album nicht „Wild mood swings“ unter Zuhilfenahme dieser Songs nicht geworden wäre. Der akustische Mix von „Maybe someday“ stellt sein Original auf dem „Bloddflowers“-Album weit in den Schatten und „Signal to noise“ erstrahlt in reduzierter Version als die vielleicht glänzendste Songperle unter seinen 70 Mitbewerbern. Dass The Cure nach all den Jahren noch zu Überraschungen fähig sind, zeigt abschließend der Mark Plati-Mix von „A forest“, der dem 85er-Song die nötige Frischzellenkur verpasst.

Fazit: Fans dürfen aufatmen, das lästige CD-Wechseln beim Durchhören der Singles und Forschen nach längst vergriffenen Bootlegs hat endlich ein Ende. Und ebendiese Fans dürfen sich zur oben genannten Wertung insgeheim noch zwei Punkte dazuzählen! Die Nichtvergabe der Höchstnote dient lediglich dazu, Nicht-Kenner der Band vom übereiligen Kauf dieses 4-CD-Sets abzuhalten! Denn Reinhören ist im Vorfeld sicher angesagt, The Cure sind halt nicht jedermanns Sache...

Anspieltipps:

  • The exploding boy
  • A few hours after this
  • Breath
  • Chain of flowers
  • Burn
  • Waiting
  • Signal to noise (acoustic mix)
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