Probot - Probot - Cover
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Probot Probot


  • Label: Southern Lord/EFA
  • Laufzeit: 53 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Unter den beinharten Metal-Fans zählt Foo-Fighters-Vorsteher Dave Grohl zu den Totengräbern des Heavy Metal. Schließlich gehörte er als Nirvana-Drummer zur Speerspitze der Grunge-Bewegung, die sich zwar an harten Rockklängen orientierte, aber allen Pseudo- und Spandex-Hosen-Rockern über Nacht den Garaus machte. Deshalb war es nicht unbedingt verwunderlich, dass die ersten Reaktionen ziemlich misstrauisch ausfielen, als vor ungefähr vier Jahren erste Gerüchte aufkamen, dass eben dieser Grohl eine Art Tribut-Album an den Heavy Metal der 80er-Jahre produzieren wollte. Was will der vermeintliche Star des Alternative-Rock mit dieser Aktion beweisen, fragte sich die kollektive Metal-Gemeinde besorgt.

Doch bevor sich jemand irgendwelchen Vorverurteilungen hingibt, sollte man wissen, dass der Musiker Dave Grohl von Hardcore-, Trash- und Underground-Metal-Bands aus der Zeit von 1982 bis 1989 geprägt wurde. Bands wie D.R.I., Venom, The Obsessed, Voivod, Celtic Frost oder Slayer. Daher rührt auch der Wunsch, aus einem privaten Hobby, nämlich zu Hause in Grohl’s Keller aufgenommene Metal-Riffs, in ein Album zu verwandeln. Angeödet von Popsongs der Marke „Learn to fly“ (vom ´99er-Album „There Is Nothing Left To Lose”), spielte Dave Grohl im Januar 2000 sieben Instrumental-Nummern ein, die er im Anschluss Produzent Adam Kasper vortrug. Dieser zeigte sich von dem Material sehr angetan und riet Grohl, für die Songs ein paar Gastsänger zu engagieren. Daraufhin stellte der Foo-Fighters-Mastermind eine Liste mit seinen Lieblingssängern zusammen, wobei er merkte, dass die bisherige Riff-Sammlung noch ein wenig dünn war. Grohl schrieb deshalb zusammen mit Ex-Zwan-Gitarrist Matt Sweeney ein Bündel zusätzlicher Nummern, wobei er bereits beim Songwriting darauf achtete, zu welchem Sänger der jeweilige Song passen könnte.

Als nächstes ging es daran, Grohls Wunschsänger von dem Projekt zu überzeugen. Er verschickte rund um die Welt Emails und Päckchen mit Demo-Tapes, in der Hoffnung, dass die Adressaten aus den Songgerüsten ein fertiges Stück Hartmetall schmieden würden. Dabei hatten Wunschprotagonisten wie Conrad „Cronos” Lant (Venom), Lee Dorrian (Cathedral, Napalm Death), Wino (St. Vitus, Obsessed, Spirit Caravan, Place Of Skulls) oder Tom G. Warrior (Celtic Frost, Apollyon Sun) völlig freie Hand, was Songtexte, Melodien und zusätzliche Instrumente betraf. Damit unterscheidet sich das „Probot“-Projekt wohltuend von den meisten Cover- und Kollaborationswerken wie z.B. Santanas „Supernatural“-Album. Dazu erscheint das Werk nicht etwa auf einem Major-Label, sondern stilecht auf dem Indie-Label Southern Lord. Der Label-Boss von Southern Lord spielt übrigens in der Retro-Doom-Band Goatsnake, deren Sänger seit 15 Jahren mit Dave Grohl befreundet ist. Dadurch wird der Underground-Gedanke und Zusammenhalt im Heavy Metal konsequent unterstrichen und der Geist des Metal behutsam gepflegt. Selbst das Cover-Artwork, entworfen von Michel „Away“ Langevin (Voivod), steht ganz in der Tradition der Metal-Plattencover der 80er-Jahre. Metal-Herz, was willst du also mehr?

Nachdem der Hörer die eiserne Grundregel des Heavy Metal befolgt hat („alle Regler nach rechts!“), bricht nach einem 45-sekündigen Intro das grohlsche Metal-Inferno mit „Centuries of sin” los. In bester Venom-Manier gibt es standesgemäß bollernde Drums und trashige Speed-Metal-Gitarren, die von einem entfesselnd shoutenden Conrad „Cronos” Lant (Venom) eingebrüllt wurden. Mit „Red war”, eingesungen von Max Cavalera (Soulfly, Sepultura), folgt einer der wenigen Schwachpunkte des Albums. Neben ultra-brutalem Gebolze darf es nämlich ruhig etwas mehr sein. Doch die Entschädigung für diesen kompositorischen Schwächling folgt auf dem Fuße. „Shake your blood”, mit Lemmy Kilmister von Motörhead an Bass und Mikro, ist derbster Rock ’N Roll wie wir ihn von Lemmys Krawallbande so lieben. Von einem hoppelnden Bass-Groove getragen, sägen sich die Gitarren durch drei Minuten Schweinerock der coolsten Sorte. Stark!

„Access babylon” mit Mike Dean (Corrosion Of Conformity) ist ein auf 90 Sekunden komprimierter Wutausbruch, wogegen „Ice cold man” mit Lee Dorrian (Cathedral, Napalm Death) einfach nur perfekter Doom-Metal ist. Das von Wito (St. Vitus, Obsessed, Spirit Caravan, Place Of Skulls) dargebotene „The emerald law” ist fein ausgeklügelter Emo-Doom, falls es so was gibt. Das Stück rumpelt los wie eine alte Dampflok, gewinnt immer mehr an Tempo und Härte, bis es sich auf einem bestimmten Level eingegroovt hat. Da kann sich so manche Stoner-Rock-Kapelle noch was abgucken. Celtic Frosts Tom G. Warrior darf mit „Big sky“ das unbestrittene Groove- und Riff-Monster des Albums mit seinen eindringlichen Vocals begleiten. Ist es Zufall oder liegt es an Grohls Zusammenarbeit mit den Queens Of Stone Age, dass „Big sky“ so unverschämt nach den Wüstensöhnen um Nick Oliveri und Josh Homme klingt? Das für Voivods Snake geschriebene „Dictatosaurus“ ist ein relativ eingängiger Metal-Groover, wogegen „My tortured soul” mit Eric Wagner von den legendären Trouble ein fett rockendes Hard-Rock-Ungetüm ist.

Dave Grohls Trip in die eigene Jugend ist purer Spaß an der Freude, der ganz böse hätte schief gehen können. Doch allen Bedenken zum Trotz, hat es der Grunge-Veteran geschafft, seinen Helden exakt die Musik auf den Leib zu schneidern, für die sie in der Szene bekannt und geliebt sind: nämlich puren, kompromisslosen Metal in allen Variationen, der in seinem vierjährigen Entstehungsprozess nichts an Frische eingebüßt hat und allen Grunge-Kids, die das Album nur wegen des fetten Dave-Grohl-Stickers gekauft haben, wie ein Tritt in den Allerwertesten vorkommen mag. Hell yeah!

Anspieltipps:

  • Big sky
  • Dictatosaurus
  • The emerald law
  • My tortured soul
  • Shake your blood
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