Courtney Love - America´s Sweetheart - Cover
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Courtney Love America´s Sweetheart


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Courtney Love, die Witwe des verstorbenen Grunge-Masterminds Kurt Cobain (Nirvana), führt nicht gerade ein schmeichelhaftes Markenzeichen, dem sie, allem Unken zum Trotz, immer wieder Ehre macht: Courtney Love ist seit Jahren die prädestinierte Schlampe des Rock ’N Roll, die just zum Release ihrer ersten Soloplatte „America’s Sweetheart“, getreu dem Motto „schlechte Nachrichten sind besser als keine“, mit widerlichen Schlagzeilen in der Presse auftaucht. Dabei geht es (wieder mal) um den Drogenkonsum der Singer/Songwriterin, die versucht hatte, in ihr eigenes Haus einzubrechen und danach mit einer Überdosis in ein Krankenhaus eingeliefert worden war. So eine Entgleisung leistete sich Frau Love nicht zum ersten Mal, wodurch jetzt das Sorgerecht für Francis Bean, die 11-jährige Tochter von Love und Kurt Cobain, ernsthaft in Gefahr geraten ist, da das Mädchen der Obhut der Ex-Hole Bandleaderin entzogen wurde. Schließlich geht man mit dem Thema Drogen in den USA nicht gerade zimperlich um, was Courtney Love, schwups, ein Gerichtsverfahren eingebracht hat.

Doch wer sich mit dem Leben und der Karriere der 1965 als Love Michelle Harrison geborenen „zweitberühmtesten Witwe des Rock“ auseinandersetzt, wird rasch bemerken, dass Courtney Love für ihre Karriere anscheinend alles tut und mit großem Kalkül auf das Spiel mit Skandalen in der Presse setzt. Dabei ist ihr ein gewisses Talent als Schauspielerin („Larry Flint“, „Der Mondmann“, „Basquiat“) und natürlich als Rockmusikerin nicht abzusprechen. In ihrer Band Hole war sie die uneingeschränkte Chefin im Ring, auch wenn man ihr vorwarf, den Alternative-Rock-Klassiker „Live through this“ (1994) ohne Kurt Cobains Unterstützung als Songschreiber niemals hinbekommen zu haben. Doch mit dem Grammy nominierten „Celebrity skin“ (1998), dem letzten Hole-Album, bewies das Rrriot Girl das Gegenteil.

Nachdem Hole im Mai 2002 aufgelöst wurden, begannen die Vorbereitungen zu Loves erstem Soloalbum. Mit dem Budget eines Major Labels im Rücken, wurde zu allererst die viel gebuchte Songschreiberin Linda Perry (Pink, Christina Aguilera) eingekauft, die an neun der 12 Songs auf „America’s Sweetheart“ mitgearbeitet hat. Dazu wurde mit Josh Abraham (Staind, Michelle Branch, Crazy Town), Matt Serletic (Matchbox Twenty, Collective Soul, Aerosmith) und Jim Barber (Nirvana, Ryan Adams, Black Lab) ein Produzenten-Team der Spitzenklasse verpflichtet. Und als ob dies noch nicht genug wäre, trugen die Kollegen Bernie Taupin (Elton John, Alice Cooper) als Texter, Wayne Kramer (MC5) und Kim Deal (Pixies) an den Gitarren, Jerry Best (Dio) am Bass und Samantha Maloney (Ex-Hole) an den Drums ihr Scherflein zum Gelingen des Albums bei. Herausgekommen ist ein höchst melodiöses (Punk-) Rockalbum, das auf beinahe perfekte Weise harten Alternative-Rock mit poppigen Melodien und rotzfrechen Texten verbindet, die sich einzig und allein um den täglichen Exzess einer Courtney Love drehen und deshalb auch nicht näher erklärt werden müssen. Denn was in Frau Love wirklich vorgeht, ist eh kaum nachvollziehbar.

Die dreiviertelstündige Rallye durch Courtney Loves Leben wird durch die erste Singleauskopplung „Mono“ eröffnet. Das Stück rockt mit altbekanntem Hole-Riffing und toller Melodieführung los, während Love den absolut nicht jugendfreien Text geradezu herauswürgt („... I´ve gotta rise above, I´ve got no penis to blame… Give us brilliant boys that we wanna fuck, woman full of ecstasy, hard drugs and bad luck”). So werden Zeichen gesetzt und der Hörer auf Anhieb für sich eingenommen. „But Julian, I'm a little bit older than you“ ist ein schnöder Seitenhieb auf den Strokes Frontmann Julian Casablancas, den man entweder als kalkuliertes Name-Dropping abtun oder einfach als böse grollenden Rocksong genießen kann. Doch unsere Lieblingsschlampe vermag nicht nur zu Rocken wie ein Derwisch. Anno 2004 liefert sie mit „Hold on to me“, „Uncool”, „Sunset strip“ und „Never gonna be the same” lupenreinen Alternative-Pop-Rock ab, der äußerst geschickt Eingängigkeit und Härte verbindet. Das ist schlicht als grandios zu bezeichnen und genau das richtige für diejenigen, die bei Alternative-Rock nicht auf wunderbare Melodien verzichten möchten.

Im Prinzip versteht es Love perfekt, genau an den Stellen, wo Ex-Hole-Kollegin Melissa Auf Der Maur bei ihrem kürzlich erschienenen Solodebüt Pop-Appeal gegen Street Credibility eintauschte, mit einem virtuosen Wechselspiel aus Pop und Hardrock beide Parteien zu befriedigen. Und dies funktioniert tatsächlich einwandfrei. So erinnern die Gitarrenriffs bei „All the drugs“ sehr stark an die Seattle-Götter von Soundgarden, während „Almost golden“ und „Hello“ fette Stadionrockhymnen sind, „I'll do anything“ als apokalyptischer High-Speed-Rock („Give me dick, give me speed, give me white hot hate“) daherkommt, gefolgt von einer zerbrechlich balladesken Hymne „Uncool“, die durch ein wahnwitzig nöliges Stück Slow-Punkrock („Life despite god“) abgelöst wird.

Liebt es oder hasst es, aber was Courtney Love hier abliefert ist schlicht einzigartig. Denn was konnte man schon von einer total durchgeknallten Person erwarten, die mehr durch Skandale, als durch ihr Schaffen in der Öffentlichkeit steht? Wenn man ehrlich ist, nicht viel! Genau deshalb ist „Amercia’s Sweetheart” eine so große Überraschung im positiven Sinne geworden. Das Album ist ein kleiner, fieser Hightech-Rock-Bastard, der es vermag, mit einer hervorragend austarierten Mischung aus Pop und Rock ausnahmslos zu begeistern. Da spielt es auch keine Rolle, ob man den Menschen Courtney Love mag oder nicht.

Anspieltipps:

  • Mono
  • Uncool
  • Sunset strip
  • Hold on to me
  • Almost golden
  • Never gonna be the same
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