Thomilla - Freeze - Cover
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Thomilla Freeze


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 73 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Dass ausgerechnet die verschlafene Schwabenmetropole Stuttgart zu den hiesigen HipHop- und Rap-Hochburgen gehört, entbehrt sicher nicht einer gewissen Komik. Doch ausgehend vom Land des Trollingers, der Spätzle und der traditionellen Kehrwoche, setzte sich die aus den Staaten herüber geschwappte HipHop-Welle Anfang der 90er-Jahre auch in den deutschen Charts durch. Angeführt von den Fantastischen Vier, die ihre Vorreiterrolle lange Jahre mit mehr oder weniger berechtigter Kritik bezahlen mussten, trat der neue Sound einen unglaublichen Siegeszug an, der zwar inzwischen ziemlich abgeebbt ist, aber immer noch eine relativ große Fangemeinde besitzt. Und auch wenn das angesehene „Four Music“-Label der Fanta 4 der alten Heimat schon längst den Rücken gekehrt hat und ins pulsierende Berlin umzog, fördert die Stadt im Talkessel immer noch interessante Künstler zu Tage.

Ein Vertreter dieser Garde ist der 30-jährige Stuttgarter DJ, Produzent und Benztown-Productions-Chef Thomilla (bürgerlich: Thomas Alexander Albrecht). Bekannt durch sein Projekt Turntablerockers, zusammen mit Fanta 4 Mitglied Michi Beck, und seinen Remixen für Künstler wie Massive Töne, Thomas D, 5 Sterne Deluxe, OutKast, Raphael Saadiq & Q-Tip, Bounty Killer oder N'Dea Davenport, zählt Thomilla zu den heimlichen Stars des Genres. Mit „Freeze“ erscheint nun sein zweites Soloalbum, mit dem er seinen ganz persönlichen Entwurf von kickendem Uptempo-Pop vorstellt. Dabei ist „Freeze“ eine Art Schnittmenge aus dem Turntablerocker- und Benztown-Sound, was in Anbetracht des Debütalbums „Genuine Draft“ (2000) wie eine komplette Veränderung wirkt, für Thomilla aber eine konsequente Entwicklung darstellt. Hier wirkt HipHop nicht mehr als reiner Musikstil fort, sondern bildet das Fundament für die Produktionsweise und das Feeling des Tracks. Nicht nur deshalb hat Thomilla bei „Freeze“ fast gänzlich auf Samples verzichtet. So sind viele Skizzen an der Gitarre entstanden, was für einen unüberhörbaren Rock-Einschlag bei einigen Songs sorgt. Doch wer mal ein DJ-Set von Thomilla miterlebt hat, weiß, dass er auch hier Stücke von Nirvana und den White Stripes mit Rapmusik von KRS-1 und Dancefloor-Classics von C&C Music Factory zusammenmischt.

Nirgendwo, als in der Popmusik, ist es wichtiger, dass ein Song sofort zündet bzw. ein Album von Beginn an beim Hörer einschlägt. Das weiß auch Thomilla, der mit „Now you know – Feat. Soffy O. & Sékou“ sofort durchstartet und frischen, eingängigen Tanzflächenstoff abliefert. Soffy O., bekannt von Tok Tok, und der Rapper Sékou aus dem Benztown-Camp geben mit der Uptempo-Nummer den offenen Vibe für das ganze Album vor. Die erste Singleauskopplung „Freaky girl“ ist ein Update von „Geht ab“, dem 2000er Clubhit von Thomilla und Afrob. Auch „Freaky girl“ ist von einer ähnlich zwingenden Partystimmung durchdrungen – allerdings noch um ein paar Beats per Minute verschärfter. Über den Stylemix aus Electro, Miami Bass und Pop rappt und singt die Londonerin Ayak, die man aus der Beck´s Gold Werbung kennt. Der sechsminütige Funk-Groove „Ping Pong“ ist für Thomilla das Herzstück des Albums, obwohl der Track bereits im vorderen Drittel auftaucht. Der hypnotische Dance-Groove packt einen vom ersten Moment an und lädt zum gepflegten Abtanzen ein.

„Blue prints“ ist ein Dancehall-Reggae infizierter Track, über den vor vier Jahren noch Gentleman und Daddy Rings sangen, der nun aber vom Konstanzer Skarra Mucci mit dreckigen und doch smoothen „4 to the floor”-Lyrics versehen wird. Das folgende, mit Kumpel Michi Beck produzierte „I heard you were dead“ bildet die Brücke zwischen dem Solokünstler und dem Turntablerocker DJ Thomilla. Das Stück liefert Stakkato-Grooves zu verfremdeten Vocals und sphärischen Synthie-Wolken. Auch mit DJ Friction (Freundeskreis) verbindet Thomilla eine lange musikalische Freundschaft, die bei dem an Kraftwerk angelehnten Roboter-Electro „The body“ ihren Höhepunkt findet. Die in Hamburg lebende Özlem singt auf dem hitverdächtigen „Slap that bitch“, dem Höhepunkt des Albums. Özlem, die schon mit will.i.am von den Black Eyed Peas zusammenarbeitete, sorgt für eine herausragende Vocal-Leistung zu durchdringenden Beats und flächigen Synthie-Sounds. Mit Techno- und House-Produzent DJ Tonka hatte Thomilla schon seit Jahren eine Kollaboration geplant. Beim housigen Song „Not satisfied“ hat es endlich geklappt. Das Stück reflektiert mit einem Augenzwinkern den Vibe von Berlin-Mitte. Mit dem souligen „Dedicated“ klingt das Album dann langsam aus. Zusammen mit Fetsum, dem multilingualen Allstar aus dem Stuttgarter Raum, bietet Thomilla auf dem Track akustische Gitarren (!) zu mega fetten Beats, die sich überraschend gut vertragen. Der Schlusssong ist ein weiterer Höhepunkt eines gut austarierten Dance-Pop-Albums, das ein Höchstmaß an Credibility und einfach gut produzierten Dancefloorstuff bietet.

Anspieltipps:

  • Ping Pong
  • Let’s jack
  • Freaky girl
  • Now you know
  • Slap that bitch
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