Bap - Sonx - Cover
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Bap Sonx


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 62 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Songs, die die Qualitätskontrollen der Bap-Polizei nur mühsam bestehen dürften.

Damit war wirklich nicht zu rechnen. Die Kölner Rock-Institution Bap feiert mit der Veröffentlichung ihres 14. Studioalbums „Sonx“ 25-jähriges Band-Jubiläum und legt dazu nicht das erhoffte bzw. erwartete Meisterwerk vor. Das muss erstmal verdaut werden. Besonders, wenn man sich zu den nicht wenigen Fans der Domstädter zählt. Aber der Reihe nach, denn nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird (5 Euro ins „Phrasenschwein“).

Den Werdegang dieser jungen Truppe zu Beginn der 80er-Jahre mitzuerleben, war für biedere deutsche Verhältnisse unglaublich spannend. Da war endlich eine Band mit Aussage, geilen Songs und richtigen Riffs. Doch trotz der deutlichen politischen Ausrichtung, boten Bap keinen langweiligen Betroffenheits-Rock, sondern eine ausgewogene Mischung aus wunderbar beobachteten Alltagsbegebenheiten, Geschichten aus dem Leben von Sänger und Texter Wolfgang Niedecken und eindeutigen Stellungnahmen zum politischen Tagesgeschehen.

Alben wie „Affjetaut“ (1980), „Für usszeschnigge“ (1981) und „Vun drinne noh drusse“ (1982) waren nicht einfach nur begnadeter Mundart-Rock, sondern kongeniale Zeitzeugnisse einer Republik im politischen Wandel. Songs wie „Verdamp lang her“, „Kristallnaach“, „Ne schöne Jrooß“, „Maat et joot“ oder „Diss Naach ess alles drinn“ trafen schlicht den Nerv der Jugend und hoben Bap innerhalb weniger Jahre auf den Olymp der deutschen Rockmusik. Doch keine große Rockband ohne richtige Krise. Diese holt die Kölner bei den Aufnahmen zum „Ahl Männer, aalglatt“-Album (1986) ein, als sich die Fronten zwischen Niedecken und dem musikalischen Kopf der Band, Klaus „Major“ Heuser (Gitarre) verhärten. Die Band erholt sich nur mühsam von den Querelen. Während Niedecken mit „Schlagzeilen“ (1987) sein erstes Soloalbum veröffentlicht, komponiert Klaus Heuser die Musik für das nächste Bap-Album „Da Capo“ (1988) in Los Angeles. Die Texte dazu schreibt Wolfgang Niedecken in Köln. Doch man rauft sich wieder zusammen. Nach dem guten „X für’e U“-Album (1991) und dem herausragenden „Pik sibbe“-Werk (1993) scheint wieder alles im Lot. Doch im Dezember 1995 trennen sich nach 16 gemeinsamen Jahren Bassist Steve Borg und Percussionist Manfred „Schmal“ Boecker von Bap. Mit den neuen Musikern Werner Kopal (Bass), Jens Streifling (Saxophon, Gitarre, Mundharmonika) und Mario Argandona (Percussion) spielt man das Album „Amerika“ (1996) ein. 1999 steht das 20-jährige Jubiläum als Plattenproduzierende Band an, das mit den Alben „Comics & Pin-Ups“ (Januar) und „Tonfilm“ (September) begangen wird.

Doch was sich so einfach liest, bedeutet den größten Umbruch in der Bandgeschichte. Im Vorfeld der Jubiläumstournee hatten Klaus Heuser und Axel Büchel ihren Ausstieg erklärt. Nach 20 Jahren wollten sie sich anderen Aufgaben und Interessen widmen. Währenddessen wird mit den neuen Bandmitgliedern Helmut Krumminga (Gitarre), Michael Nass (Keyboards) und der Backgroundsängerin Sheryl Hackett in Kronenburg (Eifel) am Material für das außerplanmäßige, eigentliche Jubiläumsalbum „Tonfilm“ gearbeitet. Es folgt mit „Aff un zo“ (2001) eine weitere CD, ehe es wieder zu Umstrukturierungen innerhalb der Band kommt. 2003 verlassen Jens Streifling und Sheryl Hackett Bap, was von Band-Chef Niedecken mit bitteren Kommentaren gestraft wird. Dies ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass Bap im 25. Jahr ihres Bestehens so rau und direkt wie lang nicht mehr klingen. Dabei lagen die ersten Demos bereits im Spätherbst 2002 vor, die im Laufe des Sommers 2003 mit Texten versehen wurden. Von rund 50 Songskizzen wurden dann ungefähr 25 betextet, wovon es 18 bis in den Proberaum schafften, dann 16 bis in die Aufnahmestudios und letztendlich 14 auf das neue Album mit dem programmatischen Titel „Sonx“.

Eben jene „Sonx“ kommen in einem durchaus zeitgemäßen Gewand daher, das die Band näher an das aktuelle Musikgeschehen heranrückt. So präsentiert man im Opener „Wie, wo un wann?“ einen bedrohlichen Grundton aus tiefer gestimmten E-Gitarren und flächigen Keyboards, als wäre eine Nu-Rock-Kapelle am Werk. Deutlich flotter, aber ebenso rockig klingt „Jedenfalls vermess“. Eine wesentlich optimistischere Stimmung verbreitend, setzt der Song auf hymnische Verse und raue Gitarrenriffs. „Rövver noh Tanger“ ist einer dieser typischen Geschichtenerzählersongs (Neudeutsch: Singer/Songwriter) von Wolfgang Niedecken. Doch wo vor zehn Jahren noch mit Bedacht zur Sache gegangen wäre, bollert nun ein mächtiger Bass gepaart mit super-fetten Gitarren aus den Boxen. Mit „Für Maria“ liefert Herr Niedecken im Anschluss ein lupenreines Selbstplagiat ab. Eine altbekannte Mitschunkel-Melancholie und ein genauso altbackenes Textkonzept wird mit den Akkorden des Bap-Klassikers „Jraaduss“ gepaart und fertig ist ein Song, den man vor 15 Jahren mit dem Zusatz „potenzieller Hit“ ausgestattet hätte.

„Ich wünsch mir, du wöhrs he“ fällt mit seinem ungewohnten Rhythmus aus dem Rahmen, bringt aber etwas Abwechslung in die vorliegende Songsammlung. „Wann immer du nit wiggerweiss“ ist völlig zurecht als erste Single ausgewählt worden. Mit eingängiger Melodie, bei Bruce Springsteen geklauten Pianoparts und krachenden Gitarren ist das Stück eine amtliche Vollbedienung für alle Bap-Jünger. „Et es vorbei“, der letzte Song, den der abgewanderte Jens Streifling für Bap geschrieben hat, verfügt ebenfalls über eine eingängige Melodie und diesen leichten Nu-Rock Grundton, der das ganze Album durchzieht. Niedeckens Sprechgesang klingt zwar etwas zu bemüht, aber Hauptsache Gitarre und Bass schlagen eine tiefe Schneise, sodass spätestens jetzt jeder weiß: Anno 2004 wird im Hause Bap gerockt!

Dass dabei auch einige Stücke auf die Platte gelangt sind, die der Qualitätskontrolle der Bap-Polizei nur mühsam bestehen dürften („Unger Krahnenbäume“, „Unger Linde enn Berlin“, „Jedanke em Treibsand“), kann man der Band noch nicht mal anlasten. Denn wer macht sich schon die Mühe, im 25. Jahr seines Bestehens eine stilistische Kurskorrektur vorzunehmen? Und wer sich aus der Journalistenschar trotzdem traut, den Kölner Songschreiber zu kritisieren, bekommt im Schlussstück „Die Welt ess jrausam“ gleich die passende Antwort geliefert. Mit diesem Song rechnet Niedecken mit allen ahnungslosen Klugscheißern ab, die meinten, über Musik schreiben zu können („... Zehn vüür drei un’er sitz immer noch do un singe Laptop stiert en ahn. Ald widder’n Naach, en der’e definiert, dat alle Andere kein Ahnung hann. Er kennt sich uss en der Theorie un en der Fachlitaratur un je noh Tagesform, sujar em Ungerschied zwesche Moll un Dur. Wenn se doch endlich ens em „Ace Of Spades“, dämm momentane Place-to-be, kapiere dääte, wer dä Star he ess, et wirklich Genie, vüür wessen Namen eines Daachs Knallköpp wie Truman Capote verblasse, dann löösche se lang all vüür ihm op de Knee“). In diesem Sinn höre ich jetzt lieber auf. Passt schon! Wie immer alles toll, Udo, äh, Wolfgang!

Anspieltipps:

  • Et ess vorbei
  • Absolut ziellos
  • Ein für allemohle
  • Einfach ussortiert
  • Wann immer du nit wiggerweiss
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