Helge Schneider - Mendy: Das Wusical - Cover
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Helge Schneider Mendy: Das Wusical


  • Label: Roof Music
  • Laufzeit: 81 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Da kommt er wieder, der Schneider, der alberne Schweine-Sau-Sack, doh! Du Pillemann, doh! Alberner Sau-Pillemann-Arschloch. Du blöde Kuh, du Schneider du! Mistfink!

„Dat is doch albern! Is doch albern! Der Helge is doch ’n Alberner. Alberner Helge. Ja, ja, is doch albern! Dat is aber auch albern! Ja, albern! Dat is ’n albernes Arsch, doh! Dat is ’ne alberne Stink-Sau, albernes Arschloch, du Sau du! Da kommt er wieder, der Schneider, der alberne Schweine-Sau-Sack, doh! Du Pillemann, doh! Alberner Sau-Pillemann-Arschloch. Du blöde Kuh, du Schneider du! Mistfink! Das weiß ich ganz genau, dass die Nachbarn das sagen… Das sind total Verkehrte, das ist eine falsche Welt und das prangere ich an! Ich finde das nicht gut. Alle sind unecht“. Wer bei diesen Zeilen erschrocken zusammenzuckt, der kennt die kleine, verrückte Welt von Helge Schneider nicht und hat damit seit mindestens 15 Jahren den besten Anarcho-Komödianten Deutschlands verpasst. Dagegen muss etwas getan werden. Vielleicht mit dieser Kritik…

Mit großem musikalischen Können und polarisierendem Humor der Sonderklasse, hat sich der 1955 in Mühlheim an der Ruhr geborene Multiinstrumentalist vom verfrühten Schulabgänger (1970) über Jobs als Straßenreiniger, Verkäufer bei Neckermann, Gabelstaplerfahrer und Landschaftsgärtner, zum Berufsmusiker (1977) hochgearbeitet. Inzwischen kann die „singende Herrentorte“ auf 17 Plattenveröffentlichungen, darunter Kult-Klassiker wie „Es gibt Reis, Baby!“ (1993), „Es rappelt im Karton!“ (1995) und „Eiersalat in Rock“ (1999), diverse Bücher („Zieh dich aus, du alte Hippe“, „Der Mörder mit der Strumpfhose“, „Eiersalat - Eine Frau geht seinen Weg“, „Der Scheich mit der Hundehaarallergie“) und Kinofilme („Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem“, „00Schneider - Jagd auf Nihil Baxter“, „Praxis Dr. Hasenbein“) zurückblicken. Die Live-Konzerte mit seinen Bands „Hardcore“, „The Firefuckers“ oder „Die alten Wurstgesichter mit den unterlaufenen Augen und den unter den Achseln kneifenden, zu engen Jäckchen“ sind genial improvisierte Auftritte zwischen Wahnsinn und Genie.

Nach der ziemlich verkorksten Studio-CD „Out Of Kaktus“ (2003) und einer eiligst hinterhergeschobenen Doppel-CD („The Best Of: 22 sehr, sehr gute Lieder“) ist Schneiders neuestes Projekt eine Auftragsarbeit für das Bochumer Schauspielhaus. Das Bühnenstück „Mendy - Das Wusical“ ist eine Art Hardcore-Trash-Splatter-Musical, in dem Helge nicht nur alle Rollen übernimmt, sondern auch noch als Sänger und Pianist auftritt. Die total abgedrehte Story beschreibt Schneider in knappen Worten: „Das Kind seiner Eltern Gudrun und Heinz (die 17-jährige Wendy) reitet gerne und hat ein Lieblingspferd, Mocca. Doch die Mutter (Lady Mama) ist streng. Vater ist nach einem Rodeounfall an den Rollstuhl gefesselt, wartet auf eine Gehirnoperation und fährt Porsche. Auch das Pferd Mocca hat es nicht einfach. Es wird von den anderen Pferden auf der Weide nicht akzeptiert, seine Herkunft spielt ihm immer wieder einen Streich, denn es stammt aus einfachen Familienverhältnissen („Vater Brauerei-Pferd und Mutter 'ne Putze“). Sie haben auch einen Knecht, der schmutzige Stiefel hat. Er wird plötzlich mit dem Beil aus Versehen getroffen. Nachher wollen sie die Müllsäcke mit ihm vor der Polizei verheimlichen. Dann will der Vater das Pferd seiner Tochter an den Schlachtermeister verkaufen. Das gibt Geld für neue Reifen! Das Kind lässt sich aber eintauschen. Als der Schlachthof brennt, hauen alle ab, nur der Vater, der seine Frau vorher überfahren hat, hat Pech. Happy-End“.

Verteilt auf zwei CDs, liest Helge Schneider im Alleingang sein „Wusical“ und kommt dabei auf insgesamt auf 27 Charaktere (u.a. die Pferde „Thorsten“, „Boris“ und „Dr. Rainer Klimke“, „das Pausenpolizeihähnchen“, „das Pferd Flying Tambourine“ und „Der kleine Muck“). Die unfassbar alberne Geschichte, die öfters komplett aus dem Ruder läuft, geht „back to the roots“, in die frühen Hörspieltage des Mülheimers, und bietet ein 80-minütiges Splatter-Hörspiel für ganz hartgesottene Schneider-Fans. Nach einer einleitenden Klavierouvertüre nimmt das in 21 Akte unterteilte Stück seinen Lauf. Es beginnt bei Wendy zu Haus. Es ist früher Morgen. Und schon nach wenigen Minuten stellt sich heraus, wer der heimliche Star des Musicals ist: Die Mutter, die mit einer Reibeisenstimme à la Tom Waits pure Gänsehaut verursacht. So nimmt sie sich ihre Tochter Wendy zur Brust, als diese vor der Schule noch Reiten gehen will, ihr Zimmer aber nicht aufgeräumt hat. Das klingt bei Helge Schneider dann so: „Sieh dein Zimmer an, du Sau! Du Scheiße du! Es ist ein Saustall, räum es auf!“. Doch auf das Angebot der Tochter, ihr Zimmer nach der Schule aufzuräumen, geht „Lady Mama“ nicht ein. Nein, sie will vielmehr selber auf Mocca reiten – und zwar ohne Sattel. „Da wird sich das Pferd aber bedanken, Lady Mama“, sagt Wendy, als ihr Vater im Rollstuhl in die Küche kommt. „Hallo Papa, so früh schon auf den Beinen?“, begrüßt sie ihn.

In diesem Stil reiht sich eine absurde Szene an die nächste. Etwa wenn der stotternde Knecht mit dreckigen Stiefeln das Haus betritt, worüber Wendy sich bitter beschwert. Daraufhin „schlägt die Mutter Wendy mit dem Schneebesen total kaputt“. Es folgt ein tränenrührendes Pianozwischenspiel, in dem sich Wendy über ihre doofe Mutter auskotzt („Ja, ich arme Wendy, was mach ich bloß? Mir geht es scheiße, meine Mutter ist beschissen…“). Derweil soll Mocca, das Pferd an den Schlachter verhökert werden, der aus ihm Sandalen machen will. Mit der Kohle will sich Vater neue Niederquerschnittsreifen beim Porsche-Center Essen bestellen. Wendy weiß von alldem nichts und gesteht ihrem Pferd, dass sie es „richtig liebt“. Mocca ist besorgt: „Unter richtige Liebe fällt auch Sexualität. Oh nein, ich könnte ihr am Ende wehtun!“.

Ein absolutes Highlight ist die Stall-Szene („Wir fiiiicken!!“), in der der Knecht „Lady Mama“ im Stall poppt, während die Pferde zusehen und ihn anfeuern („Gib’s ihr, mach ihr den Hengst!“). Plötzlich kommt der Vater dazu und erwischt die beiden in flagranti. Demoralisiert rollt der Vater ins Haus zurück und geht zu Wendy ins Zimmer, wo sie Mathe-Hausaufgaben macht, aber nichts auf die Reihe bekommt („das ist doch alles gar nicht logisch“). Vergeblich versucht er ihr zu erzählen, dass er sich umbringen will, weil er zuvor seine Frau mit dem Knecht beim Ficken erwischt hat. Doch aus Wendys Kinderkassettenrecorder dröhnt der Schneider-Hit „Katzeklo“, sodass sie nichts mitbekommt. Beim Essen packt Mutter Gudrun die Wut, als der Knecht mit dreckigen Stiefeln hereinkommt und verkündet „die alte Stute ist zum letzten Mal besamt“. Wegen wiederholter Nichtbeachtung der „Stiefelabstreifkante“ weißt sie ihn zurecht. Als auch noch Wendy ihr widerspricht („du widersprichst deiner Mutter? Na warte!“), schnappt sie sich ein Küchenbeil und jagt sie durch die Küche. Aus Versehen trifft die Mutter den Knecht mit dem Beil in den Rücken. Der Knecht stirbt („warum nur, warum nur, warum nur?“). Vater sieht was geschehen ist („na toll, na toll, na toll!“) und Mutter handelt. Sie nimmt das Beil und hackt die Leiche in kleine Stücke („ich brauche Müllsäcke!“). Dabei schwärmt sie von ihrer großen Liebe Ludwig van Beethoven („ach Ludwig, du wärst der Richtige für mich gewesen, du kleiner Fieser du. Du Chauvinist, du Sau, fick dich doch selbst! Arschloch!“).

An dieser Stelle soll die Beschreibung vom wilden Treiben um Wendy, Heinz, Gudrun, Mocca und dem Schlachter enden. Doch die Geschichte hat noch einiges mehr zu bieten, von dem hier nicht zuviel verraten werden soll (z.B. wenn der Vater mit der Mutter des Knechts Porno-Videos schaut). Fazit: Dieses kongeniale Hörspiel ist ein Muss für alle Helge-Schneider-Fans und die, die es werden wollen. Schneider zieht alle Register seines Könnens und macht seine letzten, eher schwachen Studioalben vergessen. Und selbst wenn man sich nicht für Musicals bzw. Hörspiele begeistern kann, lehrt uns der Meister mit einem versteckten Running Gag: „Blues ist immer gut“.

Anspieltipps:

  • Stall
  • Vor dem Haus
  • Beim Schlachter I
  • Küche und Wohnraum II + III
  • In der Küche bei Wendy zu Hause
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