The Crash - Melodrama - Cover
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The Crash Melodrama


  • Label: Evidence/WEA
  • Laufzeit: 42 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Manchmal ist es purer Zufall, der über Erfolg oder Misserfolg eines Albums entscheidet. Bei der finnischen Band The Crash ist es ähnlich gelagert. In seiner Heimat zählt das Quartett aus Turku zu den absoluten Superstars, die mit jeder Veröffentlichung oberste Chartplätze einnehmen. Im restlichen Europa werden die Alben dagegen nur mit Verspätung auf den Markt gebracht, ohne dabei einen Blumentopf zu ernten. Doch das wird sich jetzt ändern! Seitdem das Internet-Auktionshaus eBay den zwei Jahre alten Song „Star“ in seiner TV-Werbekampagne nutzt, ist die Nachfrage nach den Finnen und ihrem dritten Album „Melodrama“ sprunghaft gestiegen. Jetzt wird das Werk auch in Deutschland veröffentlicht und, wie es schlaue Leute von der Plattenfirma eingefädelt haben, mit „Star“ als Bonus-Track versehen.

The Crash sind bereits seit Anfang der 90er-Jahre aktiv, wurden aber erst 1998 von der finnischen Warner Music Dépendance unter Vertrag genommen. Im selben Jahr erschien das Debütalbum „Comfort Deluxe“, das Ende 2000 auch hierzulande in die Läden kam. Doch während sich die Deutschen noch mit dem Debüt auseinandersetzten, kam in Finnland bereits der Nachfolger „Wildlife“ (mit dem Song „Star“) auf den Markt, der den Stil von „Comfort Deluxe“ konsequent weiterführte: Melancholisch versponnener Synthie-Pop mit bewussten Anleihen bei 80er-Jahre Disco- und New-Wave-Sounds. Ein Markenzeichen, auf das auch das dritte Album „Melodrama“ zurückgreift. In Finnland ist „Melodrama“ gleich auf Platz 2 der Album-Charts eingestiegen und setzte damit die Erfolgsgeschichte von The Crash nahtlos fort. Aufgenommen wurde das Werk im Sommer letzten Jahres im Petrax-Studio im finnischen Hollola, in der Nähe von Lathi. Das in einem umgebauten Bauernhaus befindliche Studio verschaffte den Naturburschen aus Turku die nötige Ruhe, um konzentriert an den Basictracks zu arbeiten, die unter Live-Bedingungen zusammen mit Producer Jyrki „Urgu“ Tuovinen eingespielt wurden. Doch werden die 11 neuen Songs auf „Melodrama“ dem deutschen Publikum gefallen? Die Chancen stehen nicht schlecht, denn wer, außer den Deutschen, feierte eine der schrecklichsten Dekaden in Sachen Mode und Musik mehr ab?

Womit wir beim Thema wären. Teemu Brunila (Vocals, Gitarre), Samuli Haataja (Bass), Erkki Kaila (Drums) und Tomi Mäkilä (Keyboards) machen den Titel ihres dritten Albums zum Programm und liefern eine Ansammlung melodramatischer Synthie- und Keyboard-Possen ab, wie sie kitschiger nicht sein könnten. „OMD meets Van Halen” - damit lässt sich dieser schier unglaubliche Ausritt in finsterste Zeiten der Popmusik umschreiben. Oder „BritPop goes Disco“. Aber wenn man ehrlich ist, dann fehlen einem eigentlich die Worte für das Treiben der Finnen. Ähnlich wie bei den britischen Kollegen von The Darkness steht der Hörer vor dem Rätsel, ob das, was die Herren Musiker auf dem Silberling fabrizieren, ernst gemeint ist oder ob sie sich einen neckischen Spaß mit dem geneigten Konsumenten erlauben.

So wimmert Sänger Teemu Brunila mit markantem „Quietschboys“-Organ zu unglaublich billigen Synthesizerwölkchen, die, und das ist die große Überraschung, durchaus feine Melodien unterm Plastikmantel verstecken („Trouble“, „Best of the best“, „What if I meet you“, „Star“), aber eben während der überwiegenden Zeit mit grausamsten 80er-Jahre-Wave („Still alive“) zugemüllt werden. Ein Sound, bei dem die berühmte Disco-Kugel eine Wiederauferstehung erlebt, damit John Travolta vor dem geistigen Auge im gleißenden Blitzlicht zu Space-Funk-Soul-Tracks wie „Gigolo“ abtanzen kann. Oder es werden längst vergessen geglaubte Erinnerungen an Georgio Moroders verquasten Disco-Quark („Flash“) wachgerufen. Ja, und da wird einem plötzlich bewusst: The Crash meinen das wirklich ernst!

Unterirdische Peinlichkeiten wie „Oh what a thing“, „Moonlight for lovers“ oder „It’s contagious“ gehen Hand in Hand mit uneingeschränkten Pop-Kleinoden („Trouble“, „Star“, „Catfight“) und versauen dadurch nachhaltig den Gesamteindruck eines potenziellen Durchbruchalbums. Deshalb gilt für alle äußerste Vorsicht, die aufgrund des eBay-Spots mit dem grandiosen „Star“ meinen, den Sound einer Band einschätzen zu können. Das geht im Fall von „Melodrama“ nämlich böse in die Hose.

Anspieltipps:

  • Star
  • Trouble
  • Catfight
  • Still alive
  • What if I meet you
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