Tiles - Window Dressing - Cover
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Tiles Window Dressing


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 68 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Anhänger der leichten Muse quittieren den Begriff Prog-Rock oft mit einem gequälten Lächeln. Selbst die ganz harten Rockfans kann man mit dieser Stilart ins Boxhorn jagen. Kein Wunder, wenn sich Songs von epischer Länge wie Monster vor dem Hörer auftürmen und durch zahlreiche Breaks und Tempovariationen mehr verwirren als begeistern. Da ist es durchaus erlaubt zu kapitulieren und die Flucht zu ergreifen. Oder man gibt sich einen Ruck und versucht es einfach noch mal. Wie wäre es da zum Beispiel mit dem neuesten Werk aus dem Hause Tiles, einer der hochgelobtesten Vertreter dieses Genres?

Die amerikanische Progressive-Rock-Band Tiles wurde im Februar 1993 von Chris Herin gegründet. Ein Jahr später erschien das von Publikum und Kritikern gefeierte Debütalbum „Tiles“, auf das zwei weitere Studioalben und eine Live-CD folgten. Musikerkollegen wie Gene Simmons (Kiss), Ian Anderson (Jethro Tull) und Mike Portnoy (Dream Theater) bescheinigten der Band großes Können als Songwriter und ein enormes Erfolgspotenzial. Dass sich der kommerzielle Erfolg bisher in Grenzen hielt, ist daher nur schwer zu erklären. Doch mit „Window Dressing“ nehmen Paul Rarick (Vocals), Pat DeLeon (Drums), Jeff Whittle (Bass) und Chris Herin (Gitarre) jetzt einen neuen Anlauf, die längst verdienten Meriten einzufahren.

Gleich zu Beginn ihres vierten Albums machen Tiles klar, wo der Prog-Rock-Hammer hängt, indem sie mit dem über 17 Minuten langen Titelstück „Window dressing“ loslegen. Der mit Abstand längste Song des Albums wandelt auf den Spuren von solchen Prog-Rock-Göttern wie Dream Theater oder Rush und bietet typische Breaks und Tempowechsel im Überfluss, aus denen sich nach ca. fünf Minuten eine versponnene Melodie entwickelt. Der Sound variiert während der gesamten Spielzeit zwischen harten Gitarren-Einschüben und traumhaften Keyboard-Passagen im Pink-Floyd-Stil. Hier hat also auch Produzent Terry Brown (IQ, Rush, Fates Warning) ganze Arbeit geleistet.

Das Schöne an „Window Dressing“ ist aber: Tiles können auch kürzer! Mit nicht minder progressiven Kompositionen wie „Paitings“, „Remember to forget“ oder „All she knows“, die unter der 5-Minuten-Marke bleiben, beweisen die Amerikaner, dass man progressive Elemente sehr wohl in knackige Rocksongs verpacken kann, bei denen weder Härte noch Melodien auf der Strecke bleiben. So besticht „Capture the flag“ durch das vielseitige Gitarrenspiel von Chris Herin, während „Tear-water tea“ mit wunderschönen Harmonien und dem gefühlvollen Geigenspiel von Gastmusiker Matthew Parmenter überzeugt. Etwas schräg wird es dagegen bei den drei Instrumentalstücken der Platte. „Stop gap“ liefert eine jähe Kombination aus Keyboard, Geige und wilder Percussion, „Unicornicopia“ ist ein klassisches Piano- und Geigen-Stück aus der E-Musik-Abteilung und „A.02“ lädt zu einem mittelalterlichen Exkurs auf der Akustikgitarre ein. Diesen gesangslosen Dreier hätten sich Tiles getrost sparen können.

Ansonsten liefert das Album acht starke Songs, die dem Genre alle Ehre machen. „Window Dressing“ zelebriert abwechslungsreichen Prog-Rock, der weitestgehend auf nerviges Gefrickel verzichtet und eine angenehme Mischung aus ruhigen Titeln („Slippers in the snow“) und richtig zur Sache gehenden Hardrockern bietet. Wem also das letzte Dream-Theater-Album inzwischen zu den Ohren herauskommt oder die Wartezeit bis zur Rush-Tour verkürzen will, ist mit dieser CD sehr gut bedient. Deshalb auf zum nächsten CD-Dealer, denn das Album erscheint in zwei Formaten: Einmal als normale Version im Jewel Case und als limitierte Doppel-CD im Pappschuber mit ausgewählten Live-Aufnahmen der ´99er-Tour. Wenn das kein Argument ist.

Anspieltipps:

  • Paitings
  • All she knows
  • Tear-water tea
  • Capture the flag
  • Window dressing
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