Patti Smith - Trampin´ - Cover
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Patti Smith Trampin´


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 64 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Patti Smith, die rebellische Lady der alternativen Rockmusik, eilt gnadenlos auf das 60. Lebensjahr zu. Und ein Blick in das Booklet ihres neunten Albums „Trampin’“ zeigt deutlich, dass die Spuren von fast dreißig Jahren Rock ’n Roll auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen sind. Dabei ist es gar nicht mal der Lebensstil, sondern die Tragödien im familiären Umfeld, die der Singer/Songwriterin zugesetzt haben. So verstarben 1994, mitten in den Vorbereitungen zum „Gone Again“-Album (1996), ihr Ehemann Fred „Sonic“ Smith, ihr Bruder und mit Robert Mapplethorpe und Richard Sohl zwei ihrer besten Freunde. Doch Patti steckte nicht auf und stürzte sich in die Arbeit. Sie brachte in der Folgezeit regelmäßig neue Alben wie „Peace And Noise“ (1997) oder „Gung Ho“ (2000) auf den Markt, ehe sie sich mit der Werkschau „Land (1975 - 2002)“ von langjährigen Vertragspartner RCA/BMG trennte.

Patti Smith’ Karriereanfänge reichen in die frühen 70er-Jahre zurück, als sich die Patti Smith Band langsam formiert. Mit Schlagzeuger Jay Dee Daugherty und Gitarrist Lenny Kaye gehören noch heute zwei Urmitglieder zum festen Ensemble, die auch das Debütalbum „Horses“ (1975) einspielten. Das von John Cale (Velvet Underground) produzierte Werk machte die 1946 in Chicago geborene Smith auf einen Schlag zur Vorzeige-Rock-Poetin und launigen Unruhestifterin der amerikanischen Rock-Szene. Nach dem ´79er-Album „Wave“ ziehen sich Patti und Ehemann Patrick aus dem Music-Biz zurück. Doch als das Geld ausgeht, bringt Smith mit „Dream Of Life“ (1988) ein neues Album auf den Markt. Auch wenn sich Patti-Smith-Platten nie überragend verkauft haben, reichten die Einnahmen offensichtlich für ein sorgenfreies Leben in der Provinz von Detroit aus.

Das neue Album „Trampin’“ hat Patti zusammen mit ihrer Band, bestehend aus Lenny Kaye (Gitarre), Jay Dee Daugherty (Drums), Tony Shanahan (Bass, Keyboards) und Oliver Ray (Gitarre) produziert und im Herbst letzten Jahres in den Loho Studios in New York City aufgenommen. Es enthält elf neue Stücke, auf denen auch erstmalig Patti Smith’ Tochter Jesse am Piano zu hören ist. Eröffnet wird der Reigen mit „Jubilee”, einem typisch schleppenden Blues-Rock wie wir ihn von Frau Smith kennen: Mahnender Sprechgesang, düster grollende Bässe und schneidige Gitarrenriffs werden zu einem polternden Rocksong verarbeitet. „Mother rose“ ist dagegen eine poppige Ballade mit schönen Harmoniewechseln – vielleicht etwas zu brav für Patti-Smith-Verhältnisse – aber durchaus akzeptabel. „Stride of the mind“ rockt forsch nach vorn, entwickelt sich dann aber zu der Sorte Song, bei dem man ständig darauf wartet, dass etwas passiert, aber bis zum Ende eben leider nichts passiert. Langweile pur. Genau so „Cartwheels“. Das halb-akustische Stück mäandert müde vor sich hin, ohne dass der Funke auf den Hörer überspringt.

Interessanter gestaltet sich da schon „Gandhi“, das als geheimnisvolles Mantra daherkommt. In dem über neun Minuten langen Song tritt Smith wie eine Geisterbeschwörerin in bester Jim-Morrison-Manier auf und legt damit mal eben einen der besten Songs ihrer Karriere vor. Mit diesem kleinen Meisterwerk wird die Wende zum Guten eingeleitet. Driftete das Werk anfänglich unentschlossen umher, findet Patti Smith nun immer besser zu ihren Stärken. Intime Balladen („Trespasses“) wechseln sich mit spirituellen Gesängen („Radio Baghdad“), zornige Rocksongs („Cash“) mit sinnlichen Popsongs („Peaceable kingdom“) ab. Das Ganze wird beschlossen mit dem namensgebenden Pianostück „Trampin’”, das von seiner Eindringlichkeit an das Spätwerk eines Johnny Cash erinnert, der ebenfalls in der Lage war, nur zu Klavier- oder Orgelbegleitung Gänsehautatmosphäre zu erzeugen. Also doch „alles gut“? Jein!

Auch wenn Patti Smith ihre Visionen mit einigem Verve vorträgt, bietet das Album kein Material, das den Hörer zu Jubelstürmen hinreißt. Smith-Fans haben sicher keinen Grund zur Klage, doch als neutraler Hörer hat man eher das Gefühl, dass hier nicht mehr als solide Rock-Kost mit einigen, wenigen Highlights („Radio Baghdad“, „Gandhi“) angeboten wird. Damit ist „Trampin’“ selbstredend um einiges besser, als manch anderes Machwerk in diesen Tagen, aber noch lange kein herausragendes Werk bzw. ein potenzieller Klassiker.

Anspieltipps:

  • Cash
  • Gandhi
  • Trampin’
  • Radio Baghdad
  • Peaceable kingdom
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