Marillion - Marbles - Cover
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Marillion Marbles


  • Label: earMusic/EDEL
  • Laufzeit: 99 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

„Marbles“ ist wie Weihnachten und Ostern am selben Tag.

Die Zeiten sind hart. Auch oder ganz besonders für Berufsmusiker. Also muss man sich neue, pfiffige Vertriebsmethoden ausdenken, um seine Tonträger an den Mann und die Frau zu bekommen. Eines der außergewöhnlichsten Konzepte hat sich die britischen Kultband Marillion einfallen lassen. Als die Engländer vor drei Jahren ihr „Anoraknophobia“-Album produzierten und das Geld nicht ausreichte, sprangen die treuesten Fans in die Bresche und schossen Geld für eine CD vor, die es noch gar nicht gab. Ein ähnliches Schicksal ereilte die Band im letzten Jahr, als sie im Spätsommer auf ihrer Homepage ein neues Studioalbum für das Frühjahr 2004 ankündigten.

Jeder, der wollte, konnte das Album gegen Zahlung von knapp 24 englischen Pfund (ca. 35 Euro) vorbestellen und damit die Produktions- und Werbekosten finanzieren. Als Belohnung sollten alle Finanziers, die bis zum 31. Dezember 2003 geordert hatten, vier Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung eine spezielle „Deluxe Version“ des Werkes erhalten. Darüber hinaus würden alle Geldgeber im Booklet namentlich aufgeführt. Mit dieser Methode konnte die Band völlig stressfrei und autark von irgendwelchen Direktiven nerviger Plattenfirmen an dem „Marbles“ betitelten Album arbeiten. Und es hat sich gelohnt! Über 13.500 Vorbestellter sicherten sich anstatt einer herkömmlichen CD ein luxuriös aufgemachtes Doppelalbum in einer atemberaubenden Verpackung, die ganz sicher einen beträchtlichen Teil der Bruttoeinnahmen von rund 324.000 Pfund (ca. 483.000 Euro) verschlungen hat. Doch was nützt der ganze Zauber, wenn die Musik am Ende nichts taugt?

Ein gewisses Risiko ist bei solch einer Vorbestellung gewiss dabei, auch wenn die blanken Fakten mehr als überzeugend klingen: 15 Songs, 99 Minuten Spielzeit und ein 130-seitiges Mega-Booklet mit überragendem Artwork. Doch schon der Opener „The invisible man“ nimmt einem die Unsicherheit. Das über 13 Minuten lange Stück suhlt sich im progressiven Pink-Floyd-Stil der späten Phase, mit ausufernden Synthesizerarrangements, Hammond-Orgel-Riffs und Steve Hogarths leidenschaftlicher Stimme, was zusammen für einen perfekten Spannungsaufbau sorgt. Allein zur Ergründung dieses extrem komplexen Songs bedarf es einiger Hördurchgänge. Mit „Genie“ folgt ein melodietrunkener Midtempo-Song, der im ersten Moment etwas dahinzuplätschern scheint, aber dann in einen grandiosen Refrain mündet. Dazu ist Steve Rothery’s Gitarrensolo im „The Edge“-Stil aller Ehren wert. Mit „The unforgivable thing” fahren Marillion erneut schwere Kost auf. Das Stück baut sich etwas behäbig auf und braucht gut und gerne vier Minuten, um sich richtig zu entfalten. Doch dann läutet Steve Rothery mit einem Gänsehaut erzeugenden Gitarrensolo die Wende in Richtung eines hymnisch-melancholischen Kleinods ein.

Möwen kreischen, das Meer rauscht: Zeit für „Ocean cloud“, einem weiteren Prog-Rock-Meisterwerk, das vor atmosphärische Dichte zu bersten droht. Satte 18 Minuten, die zum Träumen oder gepflegten „mit offenem Mund staunen“ einladen. Bei „The damage“ (und später auch bei „Drilling holes“) legen Marillion ihre Vorliebe für die Beatles an den Tag. Zwar handelt es sich bei „The damage“ um den rockigsten Song des Albums, aber die Parallelen zu den Liverpooler Pilzköpfen sind unüberhörbar. Harmonien, Vocals, Gitarrensound und überhaupt die ganze Stimmungslage atmen den Geist der Beatles. Beeindruckend! „Don’t hurt yourself“ ist ein unerwartet gradliniger Pop/Rocksong mit leichten R.E.M.-Anleihen, der eine viel bessere Singleauskopplung abgegeben hätte, als das schwer zugängliche „You’re gone“, das man als einzigen Schwachpunkt des Albums ausmachen kann. Das Stück baut auf widerlichen Computer-Beats und Drumloops auf, um eine Chance in den mit Pop-Eintagsfliegen verstopften Charts zu haben. Doch hat die Band solche Anbiederungen wirklich nötig? Außerdem, wo ist die Melodie bei „You’re gone“? Freunde, das musste nicht sein!

Doch die Versöhnung folgt auf dem Fuße. „Angelina“ ist eigentlich eine relativ unspektakuläre Ballade, die aber mit traumhaften Synthieklängen unterlegt wird und einen brillanten Refrain zu bieten hat. Steve Hogharth erinnert stimmlich an Morton Harket von a-ha, was hervorragend zu dem getragenen Stück passt. Nach dem letzten, der unscheinbaren Zwischenspiele „Marbles I – IV“, findet das monumentale Prog-Monster mit „Neverland“ sein spektakuläres Ende. Die vertonte Peter-Pan-Geschichte zieht nochmals alle Register progressiver Rockmusik und sorgt für wohliger Schauer beim Hörer.

Im Marillion-Sound der letzten, sagen wir mal, zehn Jahre ist eine deutliche Entwicklung zu erkennen, die nun mit „Marbles“ ihre Krönung erfährt. So hat das Schaffen des Quintetts inzwischen nicht mehr viel mit den Anfängen der Band zu tun. Die Band legt offensichtlich keinen Wert mehr auf kompakte Songs mit Charttauglichkeit. Dafür sind die Arrangements im Laufe der Jahre einfach zu komplex und progressiv geworden. Doch was auf vorherigen Alben mitunter etwas bemüht und unausgegoren klang, wird nun perfektioniert und in einem tiefgründigen Meisterwerk gebündelt. „Marbles“ bietet hoch emotionale Musik, die für jeden Prog-Fan ein wahres Fest darstellt. Dabei klingt das Werk weder altbacken noch Retro. Man hört die lange Produktionszeit mit modernsten Mitteln deutlich heraus, denn hier wurde nichts dem Zufall überlassen oder mit faulen Kompromissen bedacht.

Wie lange ist es her, dass man sich ein Album voller Spannung, mit dem (man muss schon sagen) Begleitbuch in der Hand, immer und immer wieder anhören konnte? Ich kann mich nicht daran erinnern. Deshalb ist „Marbles“ wie Weihnachten und Ostern am selben Tag. Und der Autor dieser Zeilen freut sich, dass auch sein Name im Booklet dieses Überwerkes aufgeführt ist.

Anspieltipps:

  • Genie
  • Angelina
  • Ocean cloud
  • Fantastic place
  • The invisible man
  • Don’t hurt yourself
  • The only unforgivable thing
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