Archive - Noise - Cover
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Archive Noise


  • Label: EastWest/WEA
  • Laufzeit: 58 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Was ist das auch für ein Wetter hier draußen. Die Sonne scheint, der Asphalt glüht und die Menschen tragen gerade soviel wie nötig. Strahlende Kinder stehen vor Eisbuden, schwitzende Tölen urinieren auf Kopfsteinpflaster und Verliebte säumen die Innenstadt. Es ist warm. Die Sonne wird die Haut der Menschen bräunen. Und mittendrin Herr Müller. Der weiß nicht, warum er sich freuen sollte. Hört ja auch Archive, die ihren Songs lapidar-hasserfüllte Titel wie „Noise“, „Fuck U“ und „Waste“ geben. Das ist keine elegische Pseudo-Depression, wie sie Grunge-Epigonen und Pathos-Fritzen wie Nickelback oder Staind auf ihren Mittelmäßigkeiten von Werken evozieren wollen. Das ist ehrlich. Und groß. Klanglich erscheint das hier mehr als trocken, aber nicht altbacken, sondern von einer entwaffnenden Echtheit und Präsenz, die die Songs – hier oft mehr als 6 Minuten – durch kalte Sphären, traurige Kaskaden und Leinwände voller Verzweiflung führen. Das ist nie larmoyant, sondern einfach da. So muss sich Herr Müller fühlen, wenn er nicht weiß, wie er sich fühlen soll. Wie an diesem Sommertag.

Das, was sich rein musikalisch auf „Noise“ abspielt, ist nur noch wenig mit den Begriffen „Songs“, „Melodien“ oder „Hooklines“ zu umschreiben. Archive haben vor allem ein Gebot, nämlich so zu klingen, wie noch niemand zuvor. Die Unfähigkeit, eingeordnet zu werden, in ein Schema gepresst zu werden. Das gelingt gut, und gerade deshalb tut man sich als Rezensent schwer, diesem Werk hier mit Worten beizukommen. Die Frage zu stellen, ob es gut ist, beispielsweise, ist schon fast anmaßend. Schließlich klingt „Noise“ nicht schön, sondern rau, zynisch und ungefiltert. Die Rhythmik ist ausgefeilt und vertrackt, die „Songs“ steigern sich oft in ein einziges Inferno, einen Gefühlscocktail aus Hass, Resignation und irgendwo, hinter dunklen Nebelschwaden versteckt auch ein kleines bisschen Hoffnung.

An diesem Sommertag, wo alles grün und schön und hell ist, fragt sich Herr Müller dann doch, warum es Musik, wie sie auf „Noise“ gespielt wird, überhaupt gibt und was das eigentlich für einen Sinn hat. In erster Linie sind es doch die Musiker selbst, die hier ihren Frust ablassen und ungefiltert an den Hörer weiterreichen. In Songskizzen, die ausufern, und Interludes, die Fragen offen lassen. Nein, ein fröhlicherer Mensch wird Herr Müller nicht durch diese Platte, eher im Gegenteil. Aber was Archive hier gelungen ist, steht nun mal fest: Ein Album ohne den Tadel, dass irgendwo irgendetwas abgekupfert wurde. Hier steht individuelle, progressive Musik, eben Kunst über allem und daher haben Archive schon einmal selbst nichts falsch gemacht. Jetzt liegt es an Hörern wie Herrn Müller, ob sie „Noise“ fasziniert oder einfach kalt lässt. Herr Müller entscheidet sich spontan für ersteres.

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