Der Junge Mit Der Gitarre - Im Affekt - Cover
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Der Junge Mit Der Gitarre Im Affekt


  • Label: Content/EDEL
  • Laufzeit: 55 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Tobias Schacht ist der Junge mit der Gitarre. Und dieser Junge hat etwas zu sagen. Denn obwohl DJMDG erst seinen zweiten Longplayer am Start hat, kann er schon so manche Story über das Haifischbecken Music-Biz zum Besten geben, die schwachen Gemütern gewiss die Lust am Musikerdasein nehmen würde. Doch Schacht traut sich, auf amüsante Weise die Branche hochzunehmen und eine gepflegte „leck mich am Arsch“-Attitüde an den Tag zu legen. Recht so! So beschäftigen sich viele seiner Songs mit Themen wie allzu strengen Musiklehrern, TV Casting Shows, der Musik-Presse, dem Schlager Grand Prix oder seinen treuen Fans aus Heyerode. Oder ganz einfach mit seinem Leben, dessen Spiegelbild die Texte des Albums „Im Affekt“ sind.

Vor zwei Jahren kam in Zusammenarbeit mit Produzent Chris von Rautenkranz (Tocotronic, Die Sterne, Slime) das erste DJMDG-Album „Dagegen“ mit der Single „Meer sehn“ auf den Markt. „Meer sehn“ erhielt beachtliche Radioeinsätze und verbrachte neun Wochen in den Media Control Charts. Trotz dieses Achtungserfolgs gingen die Meinungen über den Jungen mit der Gitarre auseinander. Publikum und Kritiker waren sich untereinander uneins, wie man zu dem Newcomer stehen sollte. Dieser wagte unterdessen den Schritt und nahm am deutschen Vorentscheid zum Grand Prix d' Eurovision de la Chanson 2003 teil. Sicher keine weise Entscheidung, an einem Wettbewerb teilzunehmen, der sich immer mehr der Lächerlichkeit preisgibt, wie auch DJMDG einsehen musste. Deshalb folgt jetzt der Befreiungsschlag. DJMDG erwirkte bei seiner Plattenfirma die künstlerische Hoheit an seinem Schaffen. Und zwar weg von Formaten und Vorstellungen, wie er bitteschön zu klingen habe. Er nahm die Produktion seines zweiten Albums selbst in die Hand und suchte sich aus seinem Umfeld eine feste Band. Am Schlagzeug fungiert ab sofort Marco Möller, der die Band mit seiner Spielfreude mitreißt. Am Bass verdingt sich Stefan Nietzky, der auch mit dem Management des Jungen mit der Gitarre betraut ist und zudem zum festen Team einer Hamburger Promotion-Agentur gehört.

Mit großer Unbefangenheit spielte das Trio Schacht/Möller/Nietzky zwischen November 2003 und Februar 2004 13 Songs für ein Album ein, das mit unverbrauchtem Songwriting und guter Miene zum beschriebenen bösen Spiel für beste Laune beim Hörer sorgt. Schon der Opener „Du wie ich“ steckt mit satten Grooves und einer feinen Melodie an. Eine Stimmung, die bis zum finalen Hidden Track anhält. So lädt „2 Akkorde“ mit süffisantem Text zum gepflegten Schmunzeln ein („Ich brauch nur zwei Akkorde – dann bin ich in der SPEX. Ich brauch nur zwei Akkorde – das bläst die VISIONS weg. Doch sind es dann mal drei, dann gibt es gleich Geschrei. Doch sind es dann mal vier, ja dann wissen wir – das ist ja fast schon Pop (oh nein!)“) oder Tobias Schachts Abrechung mit den Schlager-Fuzzis in „Nie wieder Grand Prix“ („Ich hab den Feind gesehen. Das musste sein. Jetzt kenn ich all den Dreck hinter dem schönen Schein“) zum beipflichtenden Kopfnicken. Lediglich „Schön… Eine Ode an Heyerode“ gibt mit seinem Bloodhound-Gang-Rhythmus („The bad touch“) ein paar Rätsel auf.

Dafür entschädigt „Schattenmann“ als bittersüße Akustik-Ballade mit extra-tollem Chello-Einsatz und „Kindergeld“ als hintersinnige G-dur-Hommage an den Konsum- und Statuswahn junger Menschen, die bereits auf dem Schulhof mit Statussymbolen prahlen müssen, um akzeptiert zu werden. „Mädchen… nimm mich mit auf die weite Reise“ kommt als sehnsüchtiger Love-Song zwischen Herzschmerz und Fernweh daher, der stilecht mit einem Schifferklavier in Szene gesetzt wurde. „Rock-Bassist“ Stefan Nietzky glänzt bei dem Stück übrigens ganz besonders. „Casting Show“ deckt in einen coolen Rock-Reggae verpackt die Machenschaften der ach so beliebten Casting Shows auf und „Der Lehrer kommt“ und „Feuer“ sind zwei geniale Funk-Rocker, die in Anlehnung an den „Feuer“-Text, einfach nur geil sind. Beide Stücke grooven wie Hölle, sodass der Hörer zwangsläufig in wilde Zuckungen versetzt wird. Hier brennt im wahrsten Sinne des Wortes der Baum! Dabei erinnert „Der Lehrer kommt“ sogar an die frühen Spin Doctors. Gott hab’ sie selig.

„Im Affekt“ ist ein unerwartet starkes Album, das seinen Vorgänger „Dagegen“ locker in die Tasche steckt. Mit seiner neuen Band im Rücken rockt DJMDG unbeschwert drauflos und zelebriert dabei die hohe Kunst unpeinlicher, deutscher Rockmusik. Das sollte man wirklich nicht verpassen. Weder auf CD noch auf der bevorstehenden Deutschland Tournee.

Anspieltipps:

  • Feuer
  • Rauschen
  • Du wie ich
  • Kindergeld
  • Casting Show
  • Nie wieder Grand Prix
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