Avril Lavigne - Under My Skin - Cover
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Avril Lavigne Under My Skin


  • Label: RCA/BMG
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Wo kämen wir hin, wenn sich eine 19-Jährige nicht auch ein wenig Füllmaterial erlauben könnte?

Ich gebe zu, dass ich ein bisschen nervös bin. Dabei geht es „nur“ um die neue CD von Avril Lavigne. Doch es fühlt sich an wie damals, als man als Schüler nach dem Unterricht sofort in die Stadt geradelt ist, um sich von seinem Taschengeld mit schweißnassen Händen die neue Platte seiner Lieblingsband zu kaufen. Jetzt zählt der kanadische Wonneproppen nicht unbedingt zu meinen uneingeschränkten Favoriten, aber nicht ohne Stolz kann sich CDstarts zu den Medien in Deutschland zählen, die als erstes über das herausragende Debütalbum eines völlig unbekannten, 17-jährigen Mädchens aus Napanee berichteten. Da sieht man die Dinge natürlich etwas anders. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen, in denen Fräulein Lavigne zu einem Weltstar mit acht Grammy-Nominierungen aufstieg und auf weit über 15 Millionen verkaufter Tonträger zurückblicken kann. Was ich in dem Alter so getrieben habe, verschweige ich lieber....

Jetzt kehrt Avril Lavigne endlich mit neuem Material und dem Album „Under My Skin“ in die Charts und auf die Bühnen dieser Welt zurück. Und, um es gleich vorweg zu nehmen, alle, die darauf hofften, dass das zierliche Persönchen am Erfolgsdruck zerbrechen würde oder mit den Nachwehen eines Burnout-Syndroms zu kämpfen hätte, werden bitter enttäuscht. Das Power-Girl hat nichts von seiner Haltung verloren und startet jetzt erst richtig durch. Und zwar mit einem Dutzend überraschend rockigen Songs, die in Zusammenarbeit mit Avrils kanadischer Gesangskollegin Chantal Kreviazuk (als Gewinnerin des Juno-Awards auch kein unbeschriebenes Ahornblatt) und dem Ex-Evanescence Gitarristen Ben Moody entstanden. Dabei entstand das Rohmaterial in einer zweiwöchigen Session, das dann im Studio von Chantal Kreviazuks Ehemann in Malibu, Kalifornien aufgenommen wurde. Während der Aufnahmen entwickelte sich Avril zu einer echten Studiotüftlerin, die in jeden Schritt, der zur Entstehung des Albums führte, involviert war. Jeder noch so kleine Part, der Klang der Drums oder der Gitarrensound – Avril war der absolute Boss im Studio und bestimmte, wo es lang ging. Dass ihr Markenzeichen – perfekt arrangierter Radio-Pop/Rock – dabei etwas zurückstehen musste und gegen kompromisslos rockende Gitarrenwände ausgetauscht wurde, ist nur einer der Pluspunkte von Avril Lavigne anno 2004.

So geht’s mit „Take me away“ auch gleich erstaunlich hart zur Sache. Das Stück bedient sich an diversen Nu-Rock-Versatzstücken aus lauten und leisen Parts, tiefen Bässen und kraftvollen Gitarrenriffs, die in Kombination mit Avrils Stimme nicht so ausgelutscht klingen wie gewisse Eintagsfliegen des NR-Genres. Im Song „Together” beschreibt Avril eine Beziehung, die enden muss, weil sie niemals funktionieren kann. Der hymnische Singalong baut auf ähnlichen Komponenten wie „Take me away“ auf, bietet aber als Schmankerl eine kleines Pianomotiv, das bei dem wuchtigen Song allerdings auch schwer herauszuhören ist. „Don’t tell me” dürfte als erste Single weitläufig bekannt sein. Mit dem Song drückt Avril aus, dass sie nicht das Mädchen ist, das sich einfach so dem Nächstbesten an den Hals wirft. Nach ein paar Durchläufen entwickelt sich das Stück zu einem unwiderstehlichen Ohrwurm – quasi „Complicated“, nur mit härteren Riffs, aber dafür wieder mit herausragendem Pop-Appeal. „He wasn’t” ist ein schneller Drei-Akkord-Punk-Pop-Fetzer, für den sich Green Day früher nicht geschämt hätten. Sozusagen eine Fortsetzung des „Sk8er Boi“-Themas. Mit „How does it feel” wird es zum ersten Mal etwas ruhiger. Die epische Ballade verzichtet weitgehend auf Kitsch (ein paar Streicher hier und da ausgenommen) und unterstreicht Avrils Können als Songwriterin. Toller Song!

Mit dem Midtempo-Song „My happy ending” wird die Schwächephase des Albums eingeleitet. Zwar besticht der Track durch seine schöne Melodie, die experimentelle Instrumentierung mit viel Hall auf den Drums und den vielschichtigen Gesangslinien, kommt aber über den Status „gehobener Durchschnitt“ nicht heraus. Auch „Nobody’s home“ und das wuchtig-düstere „Forgotten“ (Hilfe! Gothic-Alarm! Nein, war nur ein Spaß) entpuppen sich als kleine Schwachpunkte, obwohl die Tracks schnell ins Ohr gehen und auf rhythmische Grooves zurückgreifen können. Erst mit dem simplen Rocksong „Who knows” findet Avril langsam zu alter Stärke zurück. Aber wo kämen wir hin, wenn sich eine 19-Jährige nicht auch ein wenig Füllmaterial erlauben könnte? So gibt es im letzten Drittel von „Under My Skin“ einen sehr feinen Halb-Akustik-Singalong („Fall to pieces”), eine monumentale Radio-Rockhymne („Freak out“) und die traurige Piano-Ballade „Slipped away”, die vom Tod Avrils Großvaters handelt.

Das zweite Studioalbum von Frau Lavigne ist eine würdige Fortsetzung ihrer Karriere. Es finden sich zwar nicht mehr so viele potenzielle Hitsingles auf der CD, dafür hat die Kanadierin in Sachen Härtegrad ein paar Brickets mehr aufgelegt. Ihre Fans werden mit „Under My Skin“ somit vollauf zufrieden sein. Jetzt muss sich nur noch zeigen, ob der neue Sound den gemeinen Pophörer eher abschreckt und im Gegenzug Fans von härteren Klängen angelockt werden. Doch von soviel Crossover-Potenzial mag wohl noch nicht mal Avrils Label träumen.

Anspieltipps:

  • Together
  • Freak out
  • He wasn't
  • Don't tell me
  • How does it feel
  • My happy ending
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