Marcy Playground - MP3 - Cover
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Marcy Playground MP3


  • Label: Reality Entertainment/SONY
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn zwischen zwei Alben schlappe fünf Jahre liegen, dann ist die Karriere des besagten Künstlers entweder voll durch die Decke gegangen oder irgendwas so richtig schief gelaufen. Im Fall der aus Minneapolis stammenden College-Rocker von Mary Playground gilt wohl eher letzteres. Kurz gesagt: Das kommt davon, wenn man bereits mit dem Debütalbum einen Independent-Hit vorweist („Sex and candy“, 1997) und dieses Kunststück mit dem Nachfolger nicht wiederholen kann. Dann beginnt der übliche Plattenfirmen-Blues, der sich oftmals über Jahre hinzieht und einen Künstler komplett außer Gefecht setzt. Schön, wenn eine Band einen solchen Kampf übersteht und weiterhin Lust auf Musik hat. Denn Mary Playground ist keine Hitsingles abwerfende Geldmaschine, sondern eine kleine, aber feine Post-Grunge-Kapelle, die sich abseits der Charts am wohlsten fühlt.

Zusammengehalten wird das Trio von John Wozniak (33), der sich für das Songwriting, den Gesang, das Gitarrenspiel und die Produktion der Alben verantwortlich zeigt. Dazu zählen Dylan Keefe (Bass) und Gonzalo Martinez De La Cotera (Drums) zum aktuellen Line-Up. In dieser Besetzung spielte die Band Anfang 2003 ein paar Demos in John Wozniaks Kellerstudio in Pennsylvania ein, die man kurzerhand auf der Band-Homepage veröffentlichte. Die Reaktionen der Fans waren überwältigend und diverse Plattenfirmen wurden auf das Material aufmerksam. Doch dann kam es zur Katastrophe. Die Heizungsrohre in Wozniaks Haus froren ein und platzen – natürlich als niemand in der Nähe war. Tagelang lief das Wasser in den Keller und zerstörte das gesamte Studio Equipment, persönliche Aufzeichnungen und nicht zuletzt hunderte unveröffentlichte Songs auf Kassette, CD, DAT Tape und Festplatte, darunter das Material für das neue Marcy-Playground-Album. 20 Jahre Songwriterkarriere waren auf einen Schlag ausgelöscht.

In den Wochen nach dem Unglück versuchte John Wozniak das Songmaterial zu rekonstruieren, was dazu führte, dass er bisweilen mitten in der Nacht aus dem Schlaf hoch schreckte, weil ihm Fragmente von Stücken wie „Jesse went to war“, „Barfly“, „Hotter than the sun“, „Brand new day“, „Rock and roll heroes“ und „Flag and finger“ durch den Kopf gingen. Auf diese Weise waren Mitte Februar 2003 acht von 24 Songs wiederhergestellt, von denen letztendlich 14 auf der doppeldeutig „MP3“ betitelten Platte gelandet sind. Und auch mit diesem Album macht das Trio deutlich, dass es zum Besten gehört, was in den USA unter College Rock oder Post-Grunge firmiert. Zwar ist das Material überwiegend von simpler Natur, doch genau da liegt die Stärke von Marcy Playground: Eingängige Melodien mit rockiger Instrumentierung und hintersinnig frechen Texte zu schreiben.

So startet „MP3“ mit einer grandiosen Grunge-Reminiszenz, die viele Bands in den Neunzigern locker in die Tasche gesteckt hätte („Spoonfed“), zu der sich mit „Blood in alphabet soup“ ein Song gesellt, der so unfassbar nach Nirvana zu „Nevermind“-Zeiten klingt, dass selbst Kenner der Grunge-Ikonen zweimal hinhören müssen, um Original und „Fälschung“ unterscheiden zu können. Dazu kommen ein paar pfiffige Drei-Akkord-Fetzer („Punk rock superstar“), poppige Spaßsongs („Rock and roll heroes“), jede Menge Breitwandrocker („Hotter than the sun“) und einige düstere Balladen („Jesse went to war“), von denen die grandios makabere Rockoper „Death of a cheerleader“ mit wahrhaft bösen Lyrics den Vogel abschießt: „She was so pretty, everyone said. The more so the pity that she was found dead. And now the flag only flies at fifty percent in the school yard where she once went. Push 'em back, push 'em back. Way back, way back. B-E-A-G-G-R-E-S-S-I-V-E! And the death of a cheerleader take me by surprise. How the death of a cheerleader can open eyes. Yellow carnations and roses galore were sent to the mother and placed by the door and in the spot where her daughter had taken her life. Was a sweet sixteen photo on homecoming night. Push 'em back, push 'em back. Way back, way back. B-E-A-G-G-R-E-S-S-I-V-E! And the death of a cheerleader takes me by surprise. How the death of a cheerleader can open eyes and it's sad that she had to die to open eyes. Nobody doubted her future was vast. Nobody noticed she grew up so fast. It's a shame that her future's a thing of the past. Tomorrow's the funeral you know. L-E-T-S-G-O!”.

Des weiteren bietet „MP3“ mit „No ones boy“ einen schleppenden Rocker, bei dem eine Mischung aus Neil Young (Gitarren) und den BritPop-Bösewichtern von Oasis (Vocals) herauszuhören ist. „Brand new day“ kommt als wunderschöner Pianosong mit mehrstimmigen Gesang und extra-toller Hookline à la Counting Crows daher, als diese noch in der Lage waren, solche zu schreiben und „Flag and finger“ ist eine bitter-süße Abrechnung mit Amerika im verschrobenen Stil eines John Wozniak.

Das lang ersehnte Comeback von Marcy Playground ist voll geglückt! Trotz aller Hindernisse hat John Wozniak (man muss schon sagen) wieder mal ein Bündel herausragender College-Rocksongs aus dem Ärmel geschüttelt, die zum Besten seiner Karriere gehören. Man kann nur hoffen, dass diese Band mit dem neuen Vertrieb im Rücken soviel Öffentlichkeit und damit Verkaufszahlen zusammenbekommt, dass sie ihren Fans noch lange erhalten bleibt. Denn in der Form von „MP3“ ist Marcy Playground (fast) unschlagbar.

Anspieltipps:

  • Spoonfed
  • Brand new day
  • Flag and finger
  • Rock and roll heroes
  • Blood in alphabet soup
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