Hanson - Underneath - Cover
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Hanson Underneath


  • Label: Cooking Vinyl/INDIGO
  • Laufzeit: 62 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Mein schönstes Ferienerlebnis mit: Hanson! Es waren einmal drei Brüder aus Tulsa, Oklahoma, die im zarten Alter zwischen 12 und 17 Jahren mit „MmmBop“ einen Welthit hatten. Sie belegten die Titelseiten sämtlicher Teenie-Magazine und waren so putzig süß anzuschauen, wie sie im Videoclip zu ihrem Hit auf Skateboards durch die Gegend tollten, dass Töchter und Mütter die Drei ins Herz schlossen. Doch es dauerte nicht lange, da waren Isaac, Taylor und Zachary wieder von der Bildfläche verschwunden und von ihrer Plattenfirma fallengelassen. Aber die Hanson-Brüder waren schlaue Füchse und erkannten früh den Nutzen des Internets. Ihre Homepage zählte fortan zu den meist frequentierten Seiten des World Wide Web, sodass ihre Fans stetig darüber informiert waren, was ihre Lieblinge gerade so trieben. Und so kam es, dass nach drei Jahren harter Arbeit, für die meisten Leute wie aus dem Nichts, ein neues Album der drei Racker in den Läden stand.

Inzwischen sind Isaac, Taylor und Zachary Hanson im besten, ähem, Mannesalter und voller Überzeugung, auch ohne Plattenfirma im Rücken nochmals voll durchstarten zu können. Auf ihrem eigenen Label 3 CG Records, das von einem Time-Warner-AOL-Ableger vertrieben wird, veröffentlichen die ehemaligen Kinderstars ihr drittes, offizielles Studioalbum „Underneath“ (sieht man von ihrem Independent-Debüt aus dem Jahr 1995, einem Weihnachts- und einem Live-Album ab), das in den USA bereits sehr wohlwollend von Fans und Kritikern aufgenommen wurde.

In alter Tradition holten sich die Hansons wieder diverse Produzenten und Co-Songwriter mit Rang und Namen ins Studio. So schrieb Matthew Sweet (The Thorns) am Titelsong „Underneath“ mit, „Lost without each other” entstand zusammen mit Gregg Alexander (New Radicals) und „Deeper” wurde mit der langjährigen Freundin Michelle Branch eingesungen. An den Knöpfchen drehten keine Geringeren als Greg Wells (Rufus Wainwright, Michelle Branch), Bob Marlette (Marilyn Manson, Alice Cooper), John Shanks (Melissa Etheridge, Sheryl Crow) und Danny Kortchmar (Don Henley, Billy Joel). Als Ergebnis stehen 13 neue Songs zu Buche, von denen bereits acht von der „Underneath Acoustic Live EP“, einem über das Internet vertriebenen Appetitmacher auf das Album, bekannt sind.

Zeigte sich das Trio schon auf „This Time Around“ (2000) als gereift, entfernt sich „Underneath“ noch deutlicher vom Teen-Pop des Debüts „Middle Of Nowhere“ (1997). Das Album klingt sehr erwachsen und bietet besten amerikanischen „Middle of the Road“-Pop/Rock. Und durch die alleinige Kontrolle über ihr neues Material, zeigen sich Hanson wohl zum ersten Mal seit zehn Jahren von ihrer ursprünglichen Seite. Der Vorwurf einer „Kelly Family de Luxe“ ist jedenfalls unhalthaltbar geworden. Zwar sind die Drei auch nach dem Stimmbruch nicht zu herausragenden Solosängern mutiert, aber an ihren mehrstimmigen Gesangslinien gibt es nichts auszusetzen. Dazu kommt ihr Instinkt für locker flockige Melodien und bisweilen herausragende Harmonien, die heuer in richtig knackige Rock-Riffs münden („Dancin’ in the wind“) oder in unwiderstehlichem Radio-Pop/Rock eingebettet werden („Penny & me“). Es ist also dringend angebracht, sich von etwaigen Vorurteilen freizumachen.

Hanson schwimmen sich auf „Underneath“ als eigenständige Songschreiber frei und legen dabei mitunter komplett verschiedenes Material vor. Denn wo gerade noch gerockt wurde („Strong enough to break“), erklingt schon bald hymnischer Westcoast-Pop in Perfektion („Underneath“), wird ein verträumter - aber kitschfreier - Lovesong dargeboten („Misery“), zollt man dank Gregg Alexander dem punkigen Pop eines Elvis Costello Respekt („Lost without each other“) oder wird mal eben einer der feinsten Gitarrenpopsongs des Jahres aufgerufen („Deeper“). Ebenfalls positiv zu bemerken ist, dass das Material durchgehend organisch klingt (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Wurlitzer, Bläser) und weitgehend auf Studio-Schnickschnack verzichtet wurde. Wirklich schlechte Songs finden auf „Underneath“ demnach nicht statt. Es gibt zwar hier und da Lückenfüller („When you’re gone“, „Crazy beautiful“) bzw. seichtere Nummern („Broken angel“), doch sieben Punkte für ein Hanson-Album - das hätte in der Redaktion keiner für möglich gehalten. Und noch immer soll es Ungläubige geben.

Deshalb lautet die Empfehlung, unvoreingenommen an das Album heranzugehen und eine frische Briese AOR-Musik von drei Burschen zu genießen, die vor gar nicht allzu langer Zeit debil grinsend auf Skateboards durch Einkaufscenter kurvten und jetzt ernstzunehmende Musik machen. Ähnlich wie ein junges Mädel aus Kanada. Wie hieß es noch gleich? Aber das ist eine andere Geschichte....

Anspieltipps:

  • Misery
  • Deeper
  • Penny & me
  • Dancin’ in the wind
  • Strong enough to break
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