Patti Scialfa - 23rd Street Lullaby - Cover
Große Ansicht

Patti Scialfa 23rd Street Lullaby


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 53 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Mensch ist ja durchaus voyeuristisch veranlagt, weshalb beim zweiten Soloalbum von Patti Scialfa zunächst nicht die Musik im Vordergrund steht, sondern erstmal nur die reine Neugier überwiegt: Hat Scialfas Ehemann, Bandchef und Superstar Bruce Springsteen an dem Werk mitgewirkt? Bekommen wir gar Songs zu hören, die nicht auf das letzte Werk von Herrn Springsteen passten oder eventuell einen Vorgeschmack auf das kommende Album vom „Boss“? Liebe Fans von Bruce Springsteen, die Antwort lautet ganz klar: jein!

Selbstverständlich hat Mr. Springsteen seiner Frau bei den Demos für ihr zweites Album geholfen. Und natürlich hat er auf einigen Songs mitgespielt. Doch unterm Strich ist „23rd Street Lullaby“ ein absoluter Alleingang von Patti Scialfa, zu dem sie nur Musiker einlud, mit denen sie seit Jahren befreundet ist und die ihren Werdegang von der gefragten Studio- und Live-Musikerin bis hin zum festen Mitglied in der E-Street Band von Bruce Springsteen begleiteten. Dieser Prozess ging gar soweit, dass sie bereits aufgenommene Songs mit den Kollegen der E-Street Band von anderen Musikern neu einspielen ließ. So wurden die 12 Stücke von „23rd Street Lullaby“ in Zusammenarbeit mit Steve Jordan (Keith Richards, Jon Spencer Blues Explosion, Sheryl Crow, Bob Dylan, Billy Joel) produziert. An den Aufnahmen waren zudem Gitarrist Nils Lofgren (Neil Young, Bruce Springsteen, Rod Stewart), Soozie Tyrell (Gesang), Clifford Carter (Keyboards), Jane Scarpatoni (Cello) und Avantgarde-Gitarrist Marc Ribot beteiligt. Alle Songs des Albums stammen aus der Feder von Patti Scialfa, Co-Produzent Steve Jordan spielte ebenfalls Schlagzeug.

Auf „23rd Street Lullaby“ taucht Scialfa tief in ihre eigene Biographie ein und skizziert die musikalischen Memoiren einer turbulenten Lebensphase in den 70er- und 80er-Jahren. Die Songs des Albums sind dabei wesentlich selbstbewusster als die ihres Debüts „Rumble Doll“ (1993) und alles andere als ein Schnellschuss. „Ich wollte eine Geschichte erzählen und ich wollte dies auf musikalische Art und Weise tun“, sagt Patti Scialfa. „Also musste ich die Handlung das ganze Album über weiter verfolgen. Andererseits hatte ich aber bereits alle Songs fertig geschrieben, bevor ich ins Studio ging.“ Dadurch wurde das Album zu einer Art Reise, die in Pattis Jugend beginnt, als sie nach ihrem Abschluss an der New York University in die große Stadt kam, um sich als Musikerin die ersten Sporen zu verdienen. Scialfa: „Du gehst von zuhause weg, du verlässt deine Umgebung, in der du auf eine bestimmte Art wahrgenommen wirst. Du gehst in eine größere Stadt und erkundest sie. Du entdeckst dich selbst, erfindest dich neu. Das ist der Bogen, den die Songs auf diesem Album spannen“.

Somit steht Scialfas Platte ganz in der Tradition einer Singer/Songschreiberin, die mit intimen Texten und einer zum Dahinschmelzen schönen Instrumentierung über ihre Befindlichkeiten Auskunft gibt. Da gibt es noch echte Melodien und eine wunderschön „warm“ klingende Produktion zu entdecken. Das mag beim ersten Hörern vielleicht nicht zünden, benötigt eventuell den Einsatz von Kopfhörern, doch früher oder später kristallisiert sich der Unterschied zu anderen, aktuellen Songwriter-Alben heraus. Wie dem der Kollegin Alanis Morissette, die auf ihrem jüngsten Werk „So-Called Chaos“ erschreckend altbacken, selbstzufrieden und energielos wirkt, oder dem neuen Patti-Smith-Studioalbum „Trampin’“, das bis auf drei, vier Songs keine frischen Impulse freizusetzen vermag.

Patti Scialfa beherrscht dagegen die ganze Klaviatur zwischen Rock, Pop und Blues und legt ein ausgereiftes Spätwerk vor, an dem Mainstream-Fans dieselbe Freude haben sollten, wie Anhänger von puristischer Songwritermusik. Trotz einer sehr optimistischen Grundstimmung, die an die Springsteen-Werke „Tunnel Of Love“ und „Lucky Town“ erinnert, haben die Songs keine penetrante Wirkung, die den Hörer sofort anspringt und ihn vereinnahmen will. Dieses Album, mit seinen kleinen Geschichten, will langsam entdeckt werden, was auch an den Hörer einen gewissen Anspruch setzt. Doch wer sich auf „23rd Street Lullaby“ einlässt, wird diese Ambitionen gerne erfüllen.

Anspieltipps:

  • Rose
  • Yesterday’s child
  • Young in the city
  • 23rd Street lullaby
  • You can’t go back
  • Each other’s medicine
Neue Kritiken im Genre „Folk“
Diskutiere über „Patti Scialfa“
comments powered by Disqus