Brian Wilson - Gettin´ In Over My Head - Cover
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Brian Wilson Gettin´ In Over My Head


  • Label: Rhino Records/WEA
  • Laufzeit: 53 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Pet Sounds” (The Beach Boys), „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (The Beatles) und „Their Satanic Majesties Request” (The Rolling Stones) – drei Alben, die maßgeblich für die Psychedelic-Phase in der Popmusik der späten Sechziger stehen. Drei Werke, die zur Pflichtausstattung einer jeden Plattensammlung zählen wobei sich die Experten noch heute streiten, wer von den genannten Bands das wichtigste Popalbum der Epoche ablieferte. Nicht wenige tendieren dabei zum ersterschienenen „Pet Sounds“, das den harmlosen Surfer Sound der Beach Boys revolutionierte und Mastermind Brian Wilson endgültig als ernstzunehmenden Songwriter etablierte.

Brian Wilsons geniales Talent für super-eingängige Melodien ist durch seine Lebensgeschichte, die von Nervenzusammenbrüchen, exorbitantem Drogenkonsum, Depressionen und Schizophrenie geprägt ist, beinahe in Vergessenheit geraten. Das „verrückte Genie“, das mit 24 Jahren sein Meisterwerk ablieferte und kurz darauf am noch ambitionierteren Nachfolger, dem sagenumwobenen „Smile“-Album, gnadenlos scheiterte, verschwand nämlich für lange Jahre aus dem Licht der Öffentlichkeit und kehrte erst in den 90er-Jahren wieder zurück. 1995 veröffentlicht er mit seinem alten Weggefährten Van Dyke Parks, der ihm bereits bei den „Smile“-Sessions half, das Album „Orange Crate Art“. Er schreibt für seine Töchter Carnie und Wendy, die dem erfolgreichen Pop-Trio Wilson Phillips angehören und legt 1998 mit der CD „Imagination“ nach. Anfang 2000 traut er sich gar auf Tournee und scheint wieder völlig genesen. Jetzt, sechs Jahre nach seinem letzten Album, erscheint ein weiteres Soloalbum, für das Brian Wilson sich prominente Unterstützung ins Studio holte.

„Gettin' In Over My Head“ wird neben einer exzellenten Begleitband von drei ganz großen Namen des Musikbusiness flankiert. Gitarrengott Eric Clapton spielt mit Wilson den „City Blues”, Sir Elton John fragt verwundert „How can we still be dancin'?“ und Ex-Beatle Sir Paul McCartney konstatiert „A friend like you“. Vor allem die Arbeit mit dem ehemaligen Konkurrenten, der heute freimütig zugeben kann, dass es „Sergeant Pepper“ ohne „Pet Sounds“ nie gegeben hätte, war für Brian Wilson eine wahre Freude: „Mit Paul McCartney zu arbeiten war wundervoll“, erzählt der Kalifornier. „Schon nach drei Takes war alles im Kasten, wir haben dann noch ein bisschen zusammen gesessen und über die Beach Boys und die Beatles geredet. Da gibt es großen gegenseitigen Respekt”. Dazu passt, dass das (etwas eigenartige) Cover für „Gettin' In Over My Head“ von Peter Blake, von dem das berühmte „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“-Plattencover stammt, entworfen wurde. Darüber hinaus enthält das Werk mit dem Titel „Soul searchin'“ ein posthumes Duett mit Brians verstorbenem Bruder Carl Wilson. Carls Sologesang wurde aus einer früheren Aufnahmesession kurz vor seinem Tod (1998), die nie veröffentlicht wurde, in eine komplett neue Aufnahme integriert, zu der Brian einen Solopart und alle Harmony-Vocals beisteuerte.

Doch dieser Track ist nur einer von vielen Songs auf „Gettin' In Over My Head“, die schon früher komponiert, bisher aber nicht zuende produziert worden waren. 40 Jahre nach dem ersten Nummer 1 Hit der Beach Boys kommen die Fans nun auch in den Genuss dieser kleinen Schätze. Und wer weiß, vielleicht kommt zu Weihnachten auch das langersehnte Box-Set zu den „Smile“-Sessions auf den Markt, die rund 37 Jahre später zu einem „richtigen“ Album fertiggestellt wurden. Mit seinem neuen Soloalbum gibt Brian Wilson jedenfalls schon einen Vorgeschmack auf das, was da noch in seinen Archiven lagert. 13 Songs, die modern und zeitgemäß klingen, aber gleichzeitig die Aura zeitloser Klassiker verbreiten.

So sind auch heuer die Melodien eher simpel, selbst wenn das eine oder andere vertrackte „Smile“-Element hervorlugt („The waltz“). Der harmonische Gesang ist perfekt produziert und die Band spielt auf den Punkt. Zwar lärmt Eric Clapton mit seinen in London eingespielten und per moderner Technik eingebauten Gitarrensoli unverhältnismäßig (Rock ’n Roll???), Elton John gibt den knödelnden Pianomann und Paul McCartney fällt gleich gar nicht auf. Dafür entschädigen geniale Momente, wie das original aus den 60s reproduzierte „Desert drive“ (Gänsehaut!), das fulminante „Make a wish“, das verspielte „Rainbow eyes“ und das breitwandige Epos „Don’t let her know she’s an angel“. Witzig ist auch „Saturday morning in the city“, bei dem der Text nur mühsam mit den Harmonien in Einklang zu bringen ist. Da müssen schon mal ein paar Silben gestreckt bzw. verschluckt werden.

Mit „Gettin' In Over My Head“ ist Brian Wilson ein feines Album geglückt, das einige herausragende Songs beinhaltet und durchweg auf gutem bis sehr gutem Niveau genossen werden kann. Die Kunstfertigkeit, Melodien für die Ewigkeit zu schreiben, hat der ehemalige Beach Boy also nicht verlernt, auch wenn diese Momente immer rarer werden. Mit diesem Werk erlebt dieses Können eine neuerliche Renaissance.

Anspieltipps:

  • Fairy tale
  • Desert drive
  • Soul searchin’
  • A friend like you
  • You’ve touched me
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