Böhse Onkelz - Adios - Cover
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Böhse Onkelz Adios


  • Label: Rule 23/SPV
  • Laufzeit: 57 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit „Adios“ setzen die Böhsen Onkelz den eingeschlagenen Weg der vorangegangenen Alben konsequent fort.

Noch will man es nicht richtig glauben. Deutschlands provokanteste Band sagt „Adios“: Die Böhsen Onkelz haben ihre Auflösung bekannt gegeben! Seit diesem 24. Mai 2004, als auf der Band-Homepage vermeldet wurde, dass sich die Frankfurter Rockband aus dem Geschäft zurückziehen würde, herrscht unter den zahlreichen Fans pures Entsetzen und bei nicht minder zahlreichen Gegnern spürbare Erleichterung.

2005, im 25. Jahr ihres Bestehens, werden die Onkelz mit einem großen Abschiedskonzert von der Bühne abtreten. Und schon jetzt kann man sagen, dass der deutschen Rockszene etwas fehlen wird. So oder so. Denn noch nie zuvor hat eine Gruppe die Massen derart polarisiert und in zwei Lager gespalten, wie die Böhsen Onkelz, die den latenten Vorwurf rechtsradikaler Gesinnung nie ganz abstreifen konnten. Schuld daran: Diverse Medienvertreter, die es nicht lassen konnten, die Gruppe in die rechte Ecke zu stellen. Und vereinzelte Fangruppen, die die aggressive Musik und die deutlichen Texte („Lieber stehend sterben, als kniend leben“) der Onkelz für ihr braunes Gedankengut in Beschlag nahmen.

Dass aber auch die Onkelz nicht ganz unschuldig an der Situation sind, zeigt die Geschichte der Band. 1980/81 gründen Kevin Russell (Vocals), Stephan Weidner (Bass), Peter Schorowsky (Drums) und Matthias Röhr (Gitarre) die Böhsen Onkelz. Bevor das Quartett seinen ersten Plattenvertrag unterzeichnet, macht es in der Skinhead-Szene von sich Reden. Songs wie „Türken raus“ sprechen dabei eine eindeutige Sprache. 1984 erscheint mit „Der Nette Mann“ das erste Album, das zwei Jahre später aufgrund gewaltverherrlichender, pornografischer und nationalsozialistischer Tendenzen auf dem Index landet. Die rechte Szene versucht die Band für sich zu vereinnahmen, doch die Onkelz kämpfen dagegen an, in die Neonazi-Ecke gestellt zu werden. Dass die Öffentlichkeit den Frankfurtern aufgrund mitgrölkompatibler Sauflieder wie „Hässlich, brutal und gewalttätig“, „Das Signum des Verrats“, „Nur die Besten sterben jung“ und „Bomberpilot“ nicht so recht glauben will, dürfte nachvollziehbar sein. Noch Jahre, nachdem sich die Band von der Skinhead-Szene losgesagt hat, wird sie von Teilen der Presse, der Musikindustrie und einigen Handelsketten boykottiert.

Anfang der 90er Jahre werden die Onkelz auch aus kommerzieller Sicht immer größer. Die Albumverkäufe schnellen in kürzester Zeit regelmäßig in den sechsstelligen Bereich. Dazu kommt, dass sich viele Ostdeutsche nach der Maueröffnung auf die Platten der Onkelz stürzen. Zusammenhänge zwischen dem Erfolg der Onkelz, die 1992 erstmals die Top 5 der Media Control Charts knacken, und den ausländerfeindlichen Übergriffen in Solingen, Mölln und Hoyerswerda werden unter dem Begriff „Rechts-Rock“ in den Medien lanciert. Es bahnt sich ein Streit zwischen der Band und diversen Medien an. Auch die „Kollegen“ von den Toten Hosen und den Ärzten klagen die Frankfurter offen an. Doch keiner kann die Vier aufhalten. Mitte der Neunziger sind Gold- und Platin-Auszeichnungen zur Normalität für die Böhsen Onkelz geworden. Höhepunkt: Das Album „Viva Los Tioz“ (1998) erobert erstmalig Platz 1 der Hitparade. Der Nachfolger „Ein Böses Märchen“ wird in zwei Tagen mehr als 370.000 Mal verkauft. Die komplett ausverkaufte Deutschlandtournee zieht mehr als 130.000 Besucher an. Längst zählen die Böhsen Onkelz hierzulande zu den absoluten Megasellern und können in Zeiten rückläufiger Verkaufszahlen von der Industrie nicht mehr ignoriert werden. 2003 erhält die Band ihre zweite „Echo“-Nominierung. Es scheint so, als wären die Böhsen Onkelz endlich von der Allgemeinheit akzeptiert worden.

Bekanntlich soll man immer dann aufhören, wenn es am schönsten ist. Deshalb haben sich auch die Onkelz ganz konsequent und bewusst für eine Trennung auf dem Zenit ihres Schaffens entschieden. Bereits vor einem Dreivierteljahr war klar, dass „Adios“ das letzte Studioalbum der Band sein würde. Acht Wochen vor der Veröffentlichung haben es dann auch die Fans erfahren. Aufgrund ihrer Geschichte waren die Onkelz immer ein extrem verschworener Haufen. Diesen Eindruck hat man inzwischen nicht mehr. Auch wenn die Band live noch immer wie ein Fels in der Brandung steht, scheint aus der Freundschaft eine mehr oder weniger kühle Geschäftsbeziehung geworden zu sein. Scheinbar erleichtert und von ungewohntem Optimismus geprägt, zelebrieren die Vier deshalb auf „Adios“ ihren Abschied – und die deutsche Musiklandschaft verliert ein liebgewonnenes Feindbild.

Mit dem Eröffnungssong „Feuer“ überraschen die Onkelz gleich zu Beginn. Das Stück klingt nach einer wohlkalkulierten „Rammstein meets Kiss“-Nummer („4, 3, 2, 1, Feuer!“), geht aber gut ab und rockt das Haus. Doch die Onkelz ziehen das Tempo mit „Immer auf der Suche“ noch mehr an - ein starker Uptempo-Song mit herausragender Gitarrenarbeit, der das Thema Drogenabhängigkeit aufgreift. Weiter geht’s mit der Stakkato-Hymne „Superstar“, die zu Recht die „Deutschland Sucht Den Superstar“-Thematik aufs Korn nimmt. Einer der besten Songs des Albums! Zeit für etwas ruhigere Töne bietet „Sowas hat man…“. Die rockige Halbballade mit der kultverdächtigen Textzeile „vom Prolet zum Prophet“ kommt allerdings nur schwer aus dem Quark und bietet nicht mehr, aber auch nicht weniger als klassisches Onkelz-Songwriting. Ebenfalls als typischer Onkelz-Song zu identifizieren ist „Ja, ja“, ein lockerer Uptempo Rocksong mit Gute-Laune-Faktor 10 und der altbekannten Feststellung „Ja, ja heißt leck’ mich am Arsch!“. „Lass mich gehen“ wirkt durch seine vielen Breaks etwas zerrissen. Die Songstruktur wechselt laufend zwischen melancholischen Klängen und wüstem Rock ’n Roll mit amtlichen Geschrei. Ganz nett.

Es folgt der nächste Höhepunkt von „Adios“: „Fang mich“ überzeugt als hymnische Uptempo-Nummer mit hart rockenden Gitarren und fettem Refrain. So will man die Vier hören! Das halb akustische „Einmal“ dürfte die definitive Feuerzeugballade der kommenden Tour sein. Obwohl sich der Song mit dem Thema Spiritualität beschäftigt und darüber fabuliert, dass ein Mensch mit sich im Reinen sein sollte, wenn der Tod bevorsteht, geht der Track sofort ins Ohr. Keine typische Mitgrölhymne, sondern bemerkenswertes Songwriting. Typische Provokation Marke Böhse Onkelz: „Hass-tler“ - eine Wortkreation aus Hustler, Hass und Hitler - kommt mit ungewöhnlichen Disco-Beats und bleischweren Gitarrenriffs daher. Der Song scheint eine Art Abrechung mit ihrer (rechten) Vergangenheit zu sein. Nicht nur deshalb zählt der Song zu den interessantesten auf der CD.

„Onkelz vs. Jesus“, die erste Singleauskopplung, ist ein locker flockiger Rocksong, der schnell ins Ohr geht und ebenfalls die Geschichte der Band revuepassieren lässt. Mit der Textzeile „wir sind die Onkelz und bekannter als Jesus“ setzen die Frankfurter eine ihrer markanten Duftmarken. „Überstimuliert“ ist ein harter Groove-Rocker, der gegen die Werbeindustrie wettert. Trotzdem klingt der Track in den ruhigen Passagen nach schwachbrüstigem 80er-Jahre Politrock. Die Gitarrenparts sind dagegen erste Sahne. Komische Kombination. „Prinz Valium“ mischt psychedelische Klänge zwischen die ratternden Gitarrensalven. Der Refrain ist gewohnt hymnisch. Der Text behandelt die Onkelz-typische Gossengeschichte „von ganz unten nach ganz oben“. Füllmaterial.

„Ihr hättet es wissen müssen“ ist der obligatorische Abschiedssong mit viel Pathos und epischer Spielzeit. Das Stück groovt entspannt vor sich hin und berichtet „vom Ende der Reise“. In solchen Momenten kann man den Onkelz vorwerfen, dass sie ihre Musik kühl kalkulieren, obwohl oder gerade weil sie ihren Fans in diesen Momenten genau das gebe, was sie wollen. Der Schlusschor mit seinen schunkeligen „Na, na, na, na, na“-Gesängen ist dann aber doch etwas zuviel des Guten. Noch fünf Minuten, erst dann ist es geschafft. Mit einer ziemlich überflüssigen Instrumentalnummer („A.D.I.O.Z.“) beschließen die Onkelz ihr letztes Studiowerk. Aus! Schluss! Vorbei!

Mit „Adios“ setzen die Böhsen Onkelz den eingeschlagenen Weg der vorangegangenen Alben konsequent fort. Ihr künstlerischer Schlusspunkt besticht durch technisch perfekt gespielte Rockmusik und ausgereifte Kompositionen. Respekt! Allerdings ist dies nicht (mehr) die Musik, für die die Fans „ihre“ Onkelz lieben gelernt haben. Es ist zwar totaler Blödsinn, einer Band die eigene musikalische Entwicklung vorzuwerfen, doch einige der 15 Songs auf „Adios“ klingen einfach zu vollkommen, ja teilweise wie am Reißbrett entworfen. Zwar sind die Texte sind hörbar erwachsener, trotzdem haften ihnen noch immer eine gute Portion Pathos und jede Menge Klischees an.

Fazit: Die Durchschlagskraft, die man sich für ein Abschiedsalbum gewünscht hätte, kann „Adios“ nur streckenweise verbreiten. Dafür bekommt der Fan ein weises Alterswerk dargeboten, das hier und da ein paar Ausfälle zu verzeichnen hat (noch nie haben die Onkelz so viele Songs für ein einzelnes Album geschrieben!) und nicht mehr so ungestüm nach vorne rockt, wie diverse Klassiker aus den späten 80er-, frühen 90er-Jahren. Dafür zeigen sich die Frankfurter auf dem Höhepunkt ihres musikalischen Könnens. Nun ja, die BO-Fans brauchen sich jedenfalls keine Sorgen machen. „Adios“ ist ein durchaus gelungenes Album. Und wem, wie dem Rezensenten, ein wenig die rohe Energie früherer Tage fehlt, wird sicher schon bald in den Genuss eben dieser kommen: Nächstes Jahr, wenn vom großen Abschiedskonzert zum 25jährigen Bandjubiläum ein aufwendiges Mega-Box-Set aus drei CDs und mindestens ebenso vielen DVDs erscheint. Dann sind die Fans glücklich und die Onkelz haben zum letzten Mal Zahltag…

Anspieltipps:

  • Ihr hättet es wissen müssen
  • Onkelz vs. Jesus
  • Fang mich
  • Superstar
  • Einmal
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