The Strokes - First Impressions Of Earth - Cover
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The Strokes First Impressions Of Earth


  • Label: RCA/SonyBMG
  • Laufzeit: 52 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ob das Ganze einfach grandios oder nicht mehr als gehobener Durchschnitt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ein bisschen spinnert sind wir Deutsche ja. Zum Beispiel ist bei uns seit September dieses Jahres „Freitag = Musiktag“, weil dadurch angeblich mehr CDs verkauft werden. Aus diesem Grund erscheinen am 30. Dezember 2005 schon die ersten CDs für das Jahr 2006, mit denen der Rest der Welt erst in der ersten Januarwoche beglückt wird. Juhu, endlich ist Deutschland mal bei irgendwas vorne!

Okay, normalerweise würde das Thema gar keinen interessieren, wäre da nicht ein Album, auf das die Rockwelt mit größter Spannung wartet: Das dritte Werk der Strokes! Nanu, ein absolutes Top-Thema und dann so ein unglückliches Datum? Eigentlich bringt die Musikbranche ihre vermeintlichen Top-Produkte doch lieber in geballter Form im März/April und von September bis November auf den Markt. Und jetzt so ein unscheinbarer Zeitpunkt im tiefsten Winter?

Ein Veröffentlichungstermin so früh im Jahr hat natürlich nicht nur Nachteile. Dienlich ist zum Beispiel eine quasi konkurrenzfreie Promo-Situation, da die meisten Labels noch im wohlverdienten Winterschlaf sind, nachdem sie im Jahresendgeschäft jeden erdenklichen Schrott in die Verkaufsregale der CD-Dealer gewuchtet hatten. Danach herrscht eine höhepunktarme VÖ-Ebbe bis März. Und genau da liegt die Chance. Denn wo es kaum relevante Veröffentlichungen gibt, ist es viel leichter, in die Gunst einer ausführlichen Berichterstattung in den großen Musikmagazine zu kommen. Es gibt aber auch Nachteile. So wie der Deutsche im Sommer nicht ins Kino geht, kauft er in der kalten Jahreszeit scheinbar keine CDs. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein im Winter erschienenes Album im Laufe der Monate in Vergessenheit gerät und dann nicht mehr in den werbewirksamen Bestenlisten zum Jahresende auftaucht.

Julian Casablancas (Vocals), Albert Hammond Jr. (Gitarre), Nick Valensi (Gitarre), Nikolai Fraiture (Bass) und Fabrizio Moretti (Drums) dürfte all dies ziemlich wurscht sein. Ihnen geht es um die Musik und nicht um irgendwelche Marketingstrategien. Diese zwangen sie dazu, den Nachfolger ihres großartigen Debüts „Is This It?“ (09/2001) etwas übereilt aufzunehmen. So erschien „Room On Fire“ (10/2003) bereits 23 Monate später. Doch zieht man davon die Zeit für Promotion und Tourneen ab, mussten die Sessions rasch über die Bühne gehen. Obwohl das Album keinesfalls schlecht war, traute sich kein Kritiker die erst vor kurzem hochgejubelte Band zu kritisieren. So fielen Reviews schon mal um einen bis zwei Punkte zu wohlwollend aus. Auch die Band zeigte sich verunsichert und zog für die Produktion des dritten Silberlings „First Impressions Of Earth“ die Konsequenzen. Acht Monate wurde kostengünstig im eigenen Studio geschrieben, arrangiert, geprobt und aufgenommen. Das Produzentenzepter ging dabei von Gordon Raphael auf David Kahne (Paul McCartney, The Presidents Of The United States Of America, Sugar Ray) über. Gemixt wurde von Andy Wallace (Bruce Springsteen, Nirvana).

Anfang September 2005 war es dann so weit. Während der Welt die erste Single „Juicebox“ präsentiert wurde, karrte man die Pressevertreter nach New York, wo das halbfertige Album vorgestellt wurde. Inzwischen liegen alle 14 Tracks der neuen CD vor, die zu ergründen eine der spannendsten Aufgaben des noch jungen Jahres 2006 sein wird. Zum Beispiel, wenn im Intro des Openers „You only live once“ das Gerüst von Queens „I want to break free“ aufgegriffen wird, ehe die typischen Quengel-Gitarren einsetzen oder wenn das an die Batman-Melodie gemahnende Bass-Thema den Song „Juicebox“ nach vorne treibt oder wenn „Razorblade“ unverblümt die Refrainmelodie von Barry Manilows Hit „Mandy“ klaut. Dann fragt man sich schon verwundert: „Dürfen die das?“ Die Antwort lautet: „Ja!“ Denn genau solche Spielereien fehlten „Room On Fire“. Sie lassen den Hörer nun viel leichter in ein Album eintauchen, das sich wie ein minutiös austariertes LoFi-Kunstwerk vor einem aufbaut.

Da stehen skizzenhafte Stücke („Ask me anything“) neben pompösen Rocksongs („Heart in a cage“), poppigen Hymnen („Ize of the world“) und New Yorks Antwort auf die britische Wave-Pop-Welle („Electricityscape“). Dabei bekommen es The Strokes immer wieder ganz wunderbar hin, ihren rauen Garagensound mit zwingenden Melodien und Julian Casablancas nölendem Gesang zu verbinden. Etwa bei „On the other side“, in dem Herr Casablancas streckenweise so krächzend singt, als hätte Liam Galagher Schnupfen oder in „15 Minutes“, bei dem er The-Pogues-Frontröhre Shane McGowan alle Ehre macht. Ähnliches spielt sich auch bei „Fear of sleep“ ab – einer von vielen Tracks, bei denen man sich anfänglich fragt, wohin die musikalische Reise gehen soll, weil das Gitarre/Schlagzeug/Bass-Gemisch ähnlich wie beim vorherigen Song und wie der Song davor klingt. Doch dann hauen die New Yorker wieder einen ihrer packenden Refrains raus und die Gitarren zerren einen sogartig in einen verschwitzten Keller-Club in irgendeiner dunklen Gasse New Yorks.

Ob das Ganze nun einfach grandios oder nicht mehr als gehobener Durchschnitt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Denn in Zeiten, in denen schwer mittelmäßige Alben britischer Bands nur deshalb eine unglaubliche Aufmerksamkeit genießen und folglich total überbewertet werden, weil der Frontmann ein drogensüchtiges Wrack ist, fällt eine definitive Beurteilung des dritten Strokes-Albums nicht ganz leicht. Aber wir erlauben uns einfach mal ein „sehr gut“.

Anspieltipps:

  • Razorblade
  • Heart in a cage
  • Electricityscape
  • Vision of division
  • You only live once
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