Die Fantastischen Vier - Viel - Cover
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Die Fantastischen Vier Viel


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 55 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Neben Texten, die entweder direkt aus dem Leben kommen und/oder zum Nachdenken anregen (sollen), ist auch der musikalische Teil des Albums vom Feinsten.

„Der Reim entspringt einer Neigung des Menschen, mit seiner Sprache zu spielen; genauer: Worte mit gleichklingenden Bestandteilen zusammenzustellen. Schon Kinder tun das, wenn sie einander mit ihrem Namen necken: Paul, Paul - Lügenmaul; Ihre Auszählverse bilden sie oft mit Hilfe des Reims, und was sie an kleinen Liedern singen, ist oft nichts weiter als hübsch gereimter Unsinn - und doch beginnt mit alledem der Reim bereits ein Mittel dessen zu werden, was wir Dichtung nennen“.

Dieses Zitat vom Album „Vier gewinnt“ (1992), auf dessen Grundlage die Textbeiträge der schwäbischen HipHopper basieren, beweist auch bei ihrem aktuellen Werk „Viel“ seine Gültigkeit. Wobei sich die Frage stellt, ob wirklich alles kindischer Unsinn ist, was Thomas Dürr alias „Thomas D.“, Michael Schmidt alias „Smudo“, Andreas Rieke alias „And.Ypsilon“ und Michael Beck alias „DJ Hausmarke“ zusammengereimt haben - dies auch vor dem Hintergrund des Songs „Mein Schwert“, der von der Macht der Worte handelt und mit martialischer Musik, die suggeriert, dass Krieg, Mittelalter und Inquisition um einen herum toben, unterlegt ist.

Neben Texten, die entweder direkt aus dem Leben kommen und/oder zum Nachdenken anregen (sollen), ist auch der musikalische Teil des Albums vom Feinsten. Keine 08/15-Beats, Samples und Scratches, sondern wirklich gut gemachter Sound unterlegt die rasant vorgetragenen Texte. Von Reggae bis Cool-Jazz ist alles vorhanden, was das Herz begehrt. Dieses bestens bewährte Konzept, das die vier Burschen hier zum wiederholten Mal in die Tat umsetzen, hat das, was man Klasse nennt. Dass dies Gültigkeit besitzt, kann der Hörer gleich beim ersten Stück „Bring it back“ hören, wo selbst die Pseudokonkurrenz aus Frankfurt, in Persona von Sabrina Setlur, auf Einladung der Fantas (!) gegen den Stuttgart-Rap vom Leder ziehen darf. Die Stuttgarter zeigen hier das nötige Selbstbewusstsein und damit den großen Klassenunterschied zwischen der Frankfurter Posse und den Nesenbach-Rappern.

Der als Single ausgekoppelte Titel „Troy“ hat seine Hitparadenqualitäten bereits unter Beweis gestellt und sich einen Stammplatz auf den Endlosbändern der Musikredakteure (die leider zu nichts anderem mehr fähig sind, als Endlosbänder zu erstellen, die dann wochenlang runtergenudelt werden) gesichert. Tiefsinniger wird es im Lied „Geboren“, das vom Werden, Sein und Gehen des Individuums handelt und die Frage der existentiellen Sinnlosigkeit stellt, ohne sie zu beantworten. Das Stück kommt mit einer im Gegensatz zum Text stehenden, musikalischen Leichtigkeit daher, die einen trotz des ernsten Textes zum lachen bringt, weil wohl jeder von uns einen Bekannten hat, auf den der Text mindestens zum Teil zutrifft. Im Grunde können fast alle Texte mit Tiefsinn und intelligenter Zweideutigkeit in Verbindung gebracht werden, weshalb sich der Autor darauf beschränkt, jedem, der sehr guten deutschen HipHop hören möchte, zu empfehlen, sich dieses Album zuzulegen und in aller Ruhe die Worte und die Musik auf sich wirken zu lassen.

Nach langer Pause haben sich die Urväter des deutschen HipHop getraut, ein neues Album vorzulegen. „Getraut“ deshalb, weil sie nach eigenem Bekunden alles erreicht haben, was man als HipHopper in Deutschland erreichen kann. Die Verkaufszahlen von vor zehn Jahren werden sie eh nicht mehr erreichen. Deshalb kann das Augenmerk nur noch auf der Perfektionierung ihrer Kunst liegen. Und wenn dies auch in Zukunft so gelingt wie auf „Viel“, müssen die Fantas nicht mehr bange sein, ein neues Album zu veröffentlichen.

Anspieltipps:

  • Troy
  • Bring it back
  • Pipis und Popos
  • Ruf die Polizei
  • Jede Generation
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