Eminem - Encore - Cover
Große Ansicht

Eminem Encore


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 77 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Karriere von Eminem liest sich wie ein modernes Märchen, das mit dem autobiographischen Film „8 Mile“ (2003) zu Recht verfilmt wurde.

Vorhang auf für den größten Popstar dieser Zeit. Der einzige Künstler, der noch „richtige“ Verkaufszahlen vorweisen kann. Amerikas Staatsfeind Nummer 1. The Real Slim Shady: Mr. Marshall Bruce Mathers III. Doch ist es vielleicht der letzte Vorhang für den Skandal-Rapper aus Detroit? Nicht wenige sagen nämlich, dass sich seine Masche verbraucht und er im Vergleich zur jüngeren Konkurrenz deutlich nachgelassen hat. Und was läge nach fünf erfolgreichen Jahren näher, als sinkendes Interesse bei den Kids. Was ist also dran am angeblich schleichenden Abstieg des Bad Boy of Rap?

Die Karriere von Eminem liest sich wie ein modernes Märchen, das mit dem autobiographischen Film „8 Mile“ (2003) zu Recht verfilmt wurde. 1972 erblickt Eminem in St. Joseph das Licht der Welt. Der Superstar wächst in zerrütteten Familienverhältnissen auf – ohne Vater und mit einer völlig überforderten Mutter, die mit ihrem Sohn ziellos durch die Gegend reist. Schon früh kompensiert der kleine Marshall seinen Frust mit Rap-Musik und beginnt mit 14 Jahren selbst zu rappen. Die Familie ist inzwischen in Detroit heimisch geworden und Marshall Mathers erkämpft sich als Eminem den Respekt der örtlichen HipHop-Szene. Bis Mitte der 90er Jahre wirkt er an verschiedenen HipHop-Projekten mit, ehe er mit „Infinite“ sein erstes Solo-Tape auf einem Independent-Label herausbringt. Inzwischen Vater der kleinen Hailie, erweckt er mit seinen Battle-Rhymes auf der „Slim Shady EP“ das Interesse des großen Interscope-Labels (im Vertrieb von Universal Records), die ihn in Person von HipHop-Legende und Produzenten-Veteran Dr. Dre unter Vertag nehmen. Eminem und Dre verstehen sich auf anhieb und produzieren in den nächsten Jahren mit „The Slim Shady LP“ (1999), „The Marshall Mathers LP“ (2000) und „The Eminem Show“ (2002) einen Millionseller nach dem anderen. Mehr als 30 Millionen verkaufte Tonträger gehen in dieser Zeit über die Ladentische.

In diesen vier Jahren erlebt die Öffentlichkeit regelmäßig Skandale im Zusammenhang mit Eminem. Sei es seine verstoßene Mutter, die ihren Sohn auf 30 Millionen Dollar verklagt, die Scheidung von seiner Frau Kim, inklusive Streit um die gemeinsame Tochter und einem Selbstmordversuch seiner Ex, das Schul-Massaker von Littleton, für das US-Politiker Eminem indirekt verantwortlich machen oder das öffentliche Herumfuchteln mit einer Pistole – Marshall Mathers steht permanent im Mittelpunkt und beteiligt sich auch fleißig am üblichen „Sport“ in Rap-Kreisen, dem gegenseitigen Dissen, das nicht selten in handfesten Auseinandersetzungen ausartet, bei denen es in der Vergangenheit mehrere Morde gegeben hat. Berühmteste Opfer sind 2Pac und The Notorious BIG. Allerdings gibt es einen Unterschied, wenn sich Eminem in die publicityträchtigen Spielchen einmischt. Er sucht sich regelmäßig so schwache Kontrahenten aus, die diese Bezeichnung gar nicht verdient haben. Egal ob Everlast, Fred Durst (Limp Bizkit), Moby, Britney Spears oder Christina Aguilera, seine bisherigen Diss-Empfänger waren bereitwillige Opfer, von denen er nichts zu erwarten hatte. Peinlich, peinlich.

Inzwischen ist Eminem ein eigenständiger Unternehmer und Produzent. Für sein Label Shady Records signte er seine Detroiter Kumpel D-12, dazu 50 Cent, G-Unit und Obie Trice. Diese machen selbstredend auch auf Em’s vierter Major-Platte „Encore“ mit und setzen in Songs wie dem düster groovenden „Never enough“ und dem finalen „Encore/Curtains“ ein paar willkommene Kontrapunkte zum hyperventilierenden Rap-Style des Meisters. Dieser zeigt sich auch heuer voll in seinem Element und liefert insgesamt 20 Tracks ab. Darunter kleine Schweinereien wie „Ass like that“, das Eminem von leicht orientalischen Klängen angehaucht, als arabisch radebrechenden MC zeigt, der von den optischen „Vorzügen“ seiner weiblichen Kollegen schwärmt. Ob Jessica Simpson, Gwen Stefani oder Mary Kate und Ashley Olsen. Auch Britney Spears, Janet Jackson und Hilary Duff bekommen ihr Fett weg.

„Like toy soldiers“ verbrät in bester „Stan“-Manier ein eingängiges Sample (in diesem Fall den Refrain von Martikas 80er Jahre Gassenhauer „Toy soldiers“), um die ansonsten unauffällige Waffenstillstandsbotschaft als potenzielle Single aufzuwerten. Provokanter ist da schon „Mosh“, das inhaltliche Herzstück des Albums. Der Song rechnet gnadenlos mit George W. Bush ab. Eminems Beitrag zum US-Wahlkampf kommt zwar etwas zu spät, macht aber seine Einstellung unmissverständlich klar. Starker Tobak – musikalisch wie textlich – oder einfach Eminem at his best!

Danach folgt mehr oder weniger Dienst nach Vorschrift. In „My 1st single“ macht sich Em über seine Plattenfirma und der Rest der Welt lustig, „Mockingbird“ ist seiner Tochter Hailie gewidmet und kommt als einfühlsame Ballade daher, „Spend some time“ (Featuring 50 Cent, Obie Trice und Stat Quo) ist ein anstößiger und zudem frauenfeindlicher Klischee-Rap mit typischem Eminem-Humor und „Puke“ gehört der Abteilung „bewusste Provokation“ an. Eminem kotzt herzhaft und ausgiebig ins Klo und schimpft sich die Seele aus dem Leib. Über wen oder was? Who cares! Als kreativen Tiefpunkt auf „Encore“ kann man getrost „Just lose it“, die erste Auskopplung anführen. Der Track klingt wie eine aus übrig gebliebenen Versatzstücken alter Hits zusammengeschusterte Möchtegern-Hitsingle. Dazu kommt im dauerrotierenden Videoclip eine mehr als peinliche Verarschung des selbsternannten „King of Pop“, Michael Jackson. Wieder mal macht es sich Em sehr einfach, indem er auf einen Kollegen einhaut, der bereits am Boden liegt und sich kaum wehren kann. Lustig ist das nicht. Für die Zukunft muss sich Eminem schon etwas anderes einfallen lassen. Dies gilt auch für die Musik des Meisters.

Eminem ist ein Weltstar und hat viele Dinge nicht mehr nötig. Es scheint, als hätte eine Art Verwaltungszustand eingesetzt, bei dem das Erreichte konserviert und ohne viel Risiko reproduziert wird. Eine Stagnation auf, zugegeben, recht hohen Niveau, die eine inzwischen eingetretene Übersättigung an Eminems Comey-Dissereien und atemlosen High-Speed-Raps („Evil deeds“) allerdings nicht verhehlen kann. Inhaltlich geht es um (fast ausschließlich) dasselbe, wie sonst auch: Em hasst seine Mutter, verachtet seinen Vater, liebt seine Tochter und macht sich über seine Kollegen lustig. Dazu pumpen die annähernd selben Beats wie 1999 über eine schnieke Old-School-Produktion von Dr. Dre. Stillstand im Hause Eminem. Letzte Ausfahrt Detroit. Man darf gespannt sein, ob und wie es mit einzigen einigermaßen ernstzunehmenden weißen Rapper weitergeht.

Anspieltipps:

  • Mosh
  • Puke
  • Rain man
  • Evil deeds
  • My 1st single
  • Spend some time
Neue Kritiken im Genre „HipHop/Rap“
7/10

Gebäck In The Days: Live In Hamburg
  • 2017    
Diskutiere über „Eminem“
comments powered by Disqus