The Libertines - The Libertines - Cover
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The Libertines The Libertines


  • Label: Rough Trade
  • Laufzeit: 39 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

War es beim Vorgänger noch so, dass locker ein halbes Dutzend Hördurchgänge notwendig waren, bis man die Platte „verstanden“ hatte, erscheint dieses Album eingängiger.

Drogen, Skandale, abgesagte Konzerte, Bandauflösungen - seit ihrem hochgelobten Debüt „Up The Bracket” (2002) sind die jungen Wilden von The Libertines - Carl Barat, Pete Doherty, Gary Powell und John Hassall - nicht mehr aus den Schlagzeilen der Musikpresse wegzudenken. Jeden Moment musste man mit der Implosion der wie Phönix aus der Asche gestiegenen Band rechnen, so grotesk und lächerlich waren die Meldungen um die vier Briten. Ihre Musik spielte keine Rolle mehr. Viel mehr war zu lesen, wie Sänger und Gitarrist Pete Doherty komplett austickte. Und jetzt gibt es doch einen Nachfolger von „Up The Bracket“. Wie geht das denn?

Sein wir ehrlich, irgendwie hatte man The Libertines schon abgeschrieben. Beinahe wöchentlich flatterten Meldungen auf den Tisch, die dokumentierten, wie Pete Doherty immer mehr im Drogensumpf versank. Trotz diversen Aufenthalten in Drogenkliniken (die er regelmäßig fluchtartig verließ), war keine Besserung in Sicht. So brach er im Rausch in die Wohnung von Bandkumpel Carl Barat ein und klaute was nicht niet- und nagelfest war und sich leicht zu Geld machen lies. Dann hieß es, The Libertines hätten sich aufgelöst und Doherty würde mit anderen Musikern unter demselben Namen weitermachen. Der Haken an der Sache: Die echten Libertines wussten gar nichts davon. Im Oktober 2003 kam dann die Wende. Alan McGee, ehemaliger Boss des Creation Labels (Oasis) und den Umgang mit ausgeflippten Stars gewohnt, nimmt sich der Band als Manager an. Die Libertines geben ihr Live-Comeback in der Urbesetzung und beginnen die Arbeit an neuem Songmaterial. Im Frühjahr 2004 haben die Vier genügend Tracks beisammen, von denen 14 Stück in den Metropolis Studios in London für das neue Album eingespielt werden. An den Reglern wie schon beim Debüt: Ex-„The Clash“-Gitarrist Mick Jones.

Das ist in Kurzform die Geschichte von vier unreifen Jungs, von denen zumindest einer die Schwelle bereits überschritten zu haben scheint. Eine Situation, die für die Zukunft nicht mehr viele Optionen bereithält. Entweder berappelt sich Pete Doherty und wird endlich clean oder er ist seinen Posten bei den Libertines endgültig los. Denn eines scheint sicher: Die restlichen Bandmitglieder werden sich von ihrem Kumpel nicht in den Abgrund ziehen lassen. Dabei kann man sich gar nicht vorstellen, wie eine Libertines-Platte ohne das Gitarrengeschrammel und die schiefen Vocals von Pete Doherty klingen würde. Doch malen wir den Teufel nicht an die Wand, auch wenn Doherty kurz nach der Veröffentlichung des schlicht „The Libertines“ betitelten Zweitwerkes bereits wieder auf Tauchstation gegangen ist.

War es beim Vorgänger noch so, dass locker ein halbes Dutzend Hördurchgänge notwendig waren, bis man die Platte „verstanden“ hatte, erscheint „The Libertines“ auf den ersten Blick eingängiger. Das liegt zu einen an der hochwertigeren Produktion und zum anderen an den um einiges eingängigeren Songs. So ist bereits der Opener - die erste Single „Can’t stand me now“ - ein fulminanter Ohrwurm mit läutenden Gitarrenriffs, glückseligem Chorgesang und einer finalen Mundharmonikaeinlage für die Götter. Doch der grandiose Einstieg hält die Libertines nicht davon ab, auch auf ihrem zweiten Album dem gepflegten Dilettantismus zu frönen. Da werden schon mal die Melodien verschleppt und der Sänger vergallopiert sich in der Tonart, während der Gitarrist seine Finger in den Saiten verheddert. Nennen wir es einfach ein Markenzeichen, ohne das ein Libertines-Album nicht original (bzw. originell) wäre. Oder eine ganz spezielle Mischung aus verschrobenem BritPop („Last post on the bugle“), komischen Sixties-Anleihen („Don’t be shy“), kraftvollem Punkrock („Arbeit macht frei“) und albernen Schunkelnummern („What Katie did“).

So richtig erklären kann man die Massenwirkung der Libertines noch immer nicht. Für Puristen sind und bleiben die Songs der vier Inselbewohner einfach nur schlampiger Garagenrock. Dass gerade diese Schlampigkeit ein ganz besonderer Flair anhaftet, dürfte eines der Geheimnisse dieser Band sein. Lärm, Humor, Ironie und im entscheidenden Moment das passende Riff – das sind die Zutaten für den schmachtenden Rock ’n Roll der Libertines. Am besten nachzuhören im Song „Music when the lights go out“.

Anspieltipps:

  • Tomblands
  • Don’t be shy
  • Campaign of hate
  • Can’t stand me now
  • Music when the light go out
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