Tocotronic - Pure Vernunft Darf Niemals Siegen - Cover
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Tocotronic Pure Vernunft Darf Niemals Siegen


  • Label: L’age D’or
  • Laufzeit: 58 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Verwirrt schaut der Rezensent umher, als er die neue Tocotronic in seinen CD-Spieler einschließt. Sie sollte eigentlich ihren Platz für die nächste Woche nicht ändern, so die anfängliche Euphorie über den Titel. Anfangs wurde „Bierli“ als Arbeitstitel bekannt gegeben - eine Anspielung auf den wohl bescheuertsten deutschen Albumtitel aller Zeiten. Nun ist es wohl einer der Besten: „Pure Vernunft darf niemals siegen“, der sehr an alte „KOOK“-Zeiten erinnert.

In weniger als zwei Wochen wollen die Tocos ihr siebtes Album eingespielt haben. Anders als bei der vorherigen CD „Tocotronic“, die über 18 Monate brauchte, um von den meisten Kritikern verrissen zu werden. Zu künstlerisch, zu pseudo, hatten jene damals befunden. Und nun der nächste Schock im Fan-sein von Tocotronic. Haben die den Drummer rausgeschmissen? Der kann ja spielen, spielt Achteln auf der Bassdrum und es klingt auch noch. Nein, Arne blieb. Dann eine zweite Gitarre? Verwirrung. Hastig wird das Booklet durchstöbert und der Name Rick McPhail wird genannt. Moment, da war doch was? Da gab es doch den „The Rick McPhail Song“ auf der zweiten Tomte-CD „Eine sonnige Nacht“. Gestern noch Musiker bei Venus Vegas, macht er heute ein Trio zum Quartett und eine musikalisch eher mittelmäßige Band anspruchsvoll. Retten kann er nicht alles, aber das meiste. Das Gitarrenintro bei „Gegen den Strich“ ist ansatzweise sauber gespielt. Der Rest stimmt. Einige Schnitzer von Dirk von Lowtzow geben einem dieses ganz bestimmte Tocotronic-Gefühl zurück. Ja, Fans sind konservativ, und?

Auch die Grundthematik ist immer noch herauskristallisierbar: Deutschland muss sterben! Endlich ein Schritt in die Richtung und gegen den neuen populären Lifestyle-Nationalismus, der hauptsächlich von MIA gepflegt wird. „Ich mag’s wenn sich die Wut entfacht / Und ich mag deine Zaubermacht“ heißt es in „Aber hier leben, nein danke“ und somit werden gleich durch die ersten Zeilen, die man vom Album hört, die zentralen Themen preisgegeben: Leidenschaft und Wut. Verpackt in Bildern und Wortspielen, dem Träumen ist man besonders ausgeliefert, wenn man der Instrumentalmusik lauscht, wie bei „Cheers For Fears“, dass auch eine Akustikversion von irgendwelchen bekannten Elektronikstücken sein könnte.

Moment! Englische Titel? Elektronische Musik? Das klingt doch eher nach den Nebenprojekten der Tocos als nach Pop-Rock in Concert. Die Arbeit am „Weißen Album“ hat für Veränderung gesorgt, aber das macht nichts. Als Konsens zwischen „Tocotronic“ und „KOOK“ kann „Pure Vernunft darf niemals siegen“ sehr gut leben, darf sich auch gerne weiterentwickeln. Auch das Gespür für Refrains und Melodien ist ausgeprägter als jemals zuvor, allein der Refrain von „Der achte Ozean“ lädt zum Mitsingen ein. Da ist es plötzlich auch egal, dass Dirk selbst die zweite Stimme singt: „Gib mir deine Hand / Küss mich Küss mich / Bis ich nicht mehr kann / Führ mich in Treibsand“. Dagegen fällt „Keine Angst vor Niemand“ nahezu akustisch aus. „Gegen den Strich“ lässt den Hörer erneut zum Booklet greifen, um den Text mitzulesen, auch auf der Suche zwischen den Zeilen. Eine Sekundärliteratur wäre jetzt angebracht. Der Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben, gelingt dem Texter immer wieder aufs neue und plötzlich findet sich der Rezensent in jedem Text, in jeder Zeile, in jedem Wort wieder. Die Musik lässt den Verstand dazu tanzen. Bittere Realität vereilt, verweilt: „Pure Vernunft darf niemals siegen / Wir brauchen dringend neue Lügen / Die uns durchs Universum leiten / Und uns das Fest der Welt bereiten / Die das Delirium erzwingen / Und uns in schönsten Schlummer singen / Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen / Und tiefer Qualen sich erbarmen / Die uns in Bambuskörben wiegen / Pure Vernunft darf niemals siegen“ Ein beherztes Lalala folgt und schon hört man die Fanchöre auf den Konzerten. „Wir sind so leicht, dass wir fliegen“.

Die uralte Frage der Fans stellt sich erneut: Sind Tocotronic schon Pop? Was ist aus den alten Zeiten geworden, als man fand, dass Digital besser sei und Tocotronic zeitgemäß grungig waren. Nun, dieses Album besiegelt die Entwicklung der Band endgültig, kein Weg zurück. Der König ist tot, es lebe der König. Tocotronic-Hören ist nicht mehr lässig, man trägt keine Cordjacken; Tocotronic-Hören ist schick, man trägt gerne schwarz und liest Sartre. Die Texte untermalen das existentialistische Image der Band, die Bilder verdeutlich ungemein. All das mag ich – ja bitte. Und wenn ich jetzt noch was vergessen habe, dann ist es ein Name: Jan Müller.

Anspieltipps:

  • Der achte Ozean
  • Gegen den Strich
  • Pure Vernunft darf niemals siegen
  • Cheers for Fears
  • Alles in Allem
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