Razorlight - Up All Night - Cover
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Razorlight Up All Night


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Freunde der Nacht, vergesst die Libertines, die Strokes und den Black Rebel Motorcycle Club, hier kommen Razorlight! Bereits seit Monaten wird von einer neuen Rock-Sensation aus England getuschelt. Musikmagazine machen geheimnisvolle Andeutungen, müssen sich aber ob des späten VÖ-Termins in Deutschland mit Infos zurückhalten. Sonst würden womöglich einige wissbegierigen Leser das Razorlight-Album als Import-CD kaufen, was für einen etwaigen Chart-Entry nicht gerade förderlich wäre. Doch Mitte Oktober ist es endlich soweit und das Razorlight Debütalbum „Up All Night“ ist auch bei uns offiziell erhältlich.

Die in London ansässige Band formierte sich im Sommer 2002, nachdem die Kumpels Johnny Borrell und Björn Agren ein paar Demos aufnehmen wollten und dazu ihre Bekannten Carl Dalemo und Christian Smith-Pancorvo ins Studio einluden. Diese Aufnahmen wurden vom Manager der Band auf Video festgehalten, um damit bei Plattenfirmen vorstellig zu werden. Bis zum Sommer 2003 folgten weitere Demosessions in den Hackney Toerag und Westside Studios, die dann ausschlaggebend für einen Plattenvertrag mit Mercury Records waren. Eines dieser Demos, der Song „Rock ’n Roll lies“, wurde als eine Art Publikumstest als limitierte Single herausgebracht, verfehlte aber die UK Top 40. Derweil wurde die Band von der redlich bemühten Plattenfirma mit der Verpflichtung von Star-Produzent Steve Lillywhite (Ultravox, Siouxsie And The Banshees, Psychedelic Furs, XTC, U2, Pogues, Talking Heads, Morrissey) überrascht. Doch nach einem Monat Arbeit stand lediglich der Song „Stumble and fall“ als Ergebnis zubuche, weshalb Mastermind Johnny Borrell den relativ unbekannten Jack Cornfield für die restliche Produktion verpflichtete, in dessen Sawmills-Studio das Album fertiggestellt wurde.

Knackpunkt der Aufnahmen war es, den dynamisch rauen Live-Sound von Razorlight einzufangen, was nach den ersten Höreindrücken hervorragend geglückt ist. „Up All Night“ klingt kraftvoll und wütend, aber auch melodisch und poppig. Vergleiche mit den Strokes und den Libertines bleiben da gewiss nicht aus. Vor allem, weil Johnny Borrell früher mit Pete Doherty von The Libertines befreundet war und sich sogar für kurze Zeit als Bandmitglied der Krawallbande fühlen durfte, als er für Demoaufnahmen als Bassist einsprang. Die Freundschaft mit Pete Doherty ist zwar längst eingeschlafen, wird aber auf „Up All Night“ thematisiert. So bezieht sich der Song „Don’t go back to Dalston“ auf einen bekannten Umschlagsort für harte Drogen, den er Pete mehr oder weniger deutlich anrät, nicht mehr zu besuchen.

Die 13 Tracks von „Up All Night“, dem in England eine feine Live-DVD beigelegt wurde, entstanden in der Besetzung Johnny Borrell (Vocals, Gitarre), Björn Agren (Gitarre), Carl Dalemo (Bass) und Christian Smith-Pancorvo (Drums). Doch inzwischen wurde der ursprüngliche Schlagzeuger ersetzt, da Christian Smith-Pancorvo den nervenaufreibenden Terminverpflichtungen nicht mehr gewachsen war. Nur zwei Wochen vor der nächsten Tour spielte Smith-Pancorvo seinen letzten Gig mit Razorlight. Da musste schnellstens Ersatz her. In zwei Tagen testete die Band nicht weniger als 62 potenzielle Nachfolger und Andy Burrows hieß schließlich der Glückliche. Hören werden wir Burrows aber frühestens auf dem zweiten Razorlight-Album. Sei’s drum. Es gilt schließlich das Erstlingswerk zu begutachten.

„Up All Night“ eröffnet mit „Leave me alone“ und etwas gebremsten Schaum. Ein fluffiges Piano-Intro trifft auf flirrende Fuzz-Gitarren und polternde Drums. Nicht übel. Doch schon bei „Rock ’n Roll lies“ wird das Gaspedal deutlich forscher gekitzelt und spätestens mit Song Nummer 3 („Vice“) nehmen Razorlight ihre Hörer gefangen. Hier kommt der Sound, den wir seit dem Strokes-Debüt so schmerzlich vermisst haben und von keiner anderen Band annähernd rekonstruiert werden konnte. Razorlight nehmen diese Hürde mit Leichtigkeit und zelebrieren die Reinkarnation von „Is This It“. Das Album rockt, variiert das Tempo an den richtigen Stellen und bietet ausgefeilte Songstrukturen, die sich mit denen der Strokes locker messen lassen können. Und dass Razorlight ihre Instrumente wesentlich besser beherrschen als die Libertines, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Dabei ist es im Prinzip vollkommen egal, ob eine Band aus den Kellern des New Yorker oder Londoner Untergrund stammt. Hauptsache es rockt. Von daher ist die Aufforderung aus dem Booklet „to be played at maximum volume“ ernst zu nehmen. Denn so erschließt sich dem geneigten Hörer ein wahres Rock-Fest.

Die Dramaturgie des Albums ist einfach perfekt. Es scheint, als ob sich die Band mit zunehmender Spieldauer in einen kolossalen Rausch spielt, der mit „In the city“ und „To the sea” in einem finalen Rock ’n Roll O(h)rgasmus endet. Die Reise geht dabei über eher gemäßigt klingende Songs („Up all night“, „Golden touch“), Perlen des Retro-Rock („Don’t go back to Dalston“), hin zu schier unfassbaren Gefühlsausbrüchen mit Gänsehautgarantie („Which way is out“, „Rip it up“). Ein Skandal, dass diese CD erst jetzt in Deutschland erscheint, denn „Up All Night“ ist ein herausragendes Rockalbum, das einen Platz in den Jahres Top 10 sicher haben dürfte und das überbewertete Zweitwerk der Libertines mal eben in die Tasche steckt.

Anspieltipps:

  • Vice
  • Get it and go
  • Stumble and fall
  • Rock ’n Roll lies
  • Which way is out
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