Damien Rice - O - Cover
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Damien Rice O


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 61 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„O“ ist ultra intensives Gefühlskino, das jeder Fan von Singer/Songwritermusik haben muss.

Kritiken aus der Ich-Perspektive sind doof, aber manchmal nicht zu vermeiden. So auch in diesem Fall, denn beinahe wäre es unentdeckt an mir vorübergegangen: „O” von Damien Rice – eines der besten Singer/Songwriteralben des letzten Jahres. Nun ja, ab und zu muss einem halt der Zufall auf die Sprünge helfen. Und so lächelte mich eines Tages dieses komische Plattencover mit Kindergekritzel an, auf dem ein fetter Aufkleber mit gar wichtigen Meldungen prangte. In kurzen, prägnanten Sätzen machten darauf Kritiker von ’Hot Press’, des ’Guardian’, der ’Sunday Tribune’ und ’Times’, des ’Independent’ und des ’Q’-Magazins auf das Werk aufmerksam. Allgemeiner Tenor: Auf keinen Fall verpassen! Großartiges Songwriting! Bestes Debütalbum des Jahres! Kann man sich da ernsthaft gegen einen Erwerb wehren?

Damien Rice wurde Anfang der 70er Jahre in Dublin, Irland geboren. Erste musikalische Erfahrungen sammelt er mit der Band Juniper, mit der er mehr als zehn Jahre durch die Lande zieht. Doch als es ernst wird und die Band einen Plattendeal angeboten bekommt, verlässt Rice seine Kumpels. Er zieht 1999 in die Toskana, um vor dort aus quer durch Europa zu tingeln. Seinen Lebensunterhalt verdient sich Rice Straßenmusiker. Ein Jahr später ist er zurück in Dublin – und bereit für ein Album. Er schickt Demos an Plattenfirmen und der Filmmusikschreiber/Produzent David Arnold (Björk, Paul Oakenfold, Garbage, George Michael) wird auf ihn aufmerksam. In Arnolds Studio nimmt Rice sein Album auf, das unter dem simplen Titel „O“ im Februar 2002 in Irland auf den Markt kommt. Es schießt in die Top 10 und erhält kurz darauf eine Platin-Auszeichnung. Anlass, das Werk nun auch in England auf den Markt zu bringen, wo es ebenfalls Furore macht. 18 Monate später, nominiert für vier irische Music-Awards, steht es auch in Deutschland in den Regalen der Plattenläden.

Doch warum die ganze Aufregung? Ganz einfach, weil es Damien Rice auf seinem Debütalbum geschafft hat, echte Emotionen in seine Songs zu packen. Gnadenlos öffnet er Herz und Seele und transportiert seinen Kummer in die Welt hinaus. Er leidet öffentlich den Schmerz des Liebenden, lediglich begleitet von einer Akustikgitarre und seinen kongenialen Partnern Lisa Hannigan (Vocals), Vyvienne Long (Cello) und Shane Fitzsimons (Bass). Purer Minimalismus mit maximaler Wirkung, der einen sofort an Jeff Buckley („Grace“), Elliott Smith („XO“) und Nick Drake („Pink Moon“) denken lässt, diese genialen Songschreiber, die viel zu früh sterben mussten.

Damien Rice steigert sich langsam in das Album hinein. Der Opener „Delicate“ ist ein schleppendes Klagelied mit bittersüßer Streicherbegleitung, das sich an der Hörer heranschleicht, wie ein Berg auftürmt und ganz bedächtig wieder verschwindet. „Volcano“, ein Duett mit Lisa Hannigan, groovt verhalten und erinnert an die Solowerke der wunderbaren Natalie Merchant (10.000 Maniacs), „The blower’s daughter“/„Cannonball“ sind herzzerreißende Liebeslieder – gänzlich unpeinlich und kitschfrei – bei denen sich Rice vom schüchternen Flüstern in heiße Erregung steigert. Zusammen mit den Co-Vocals von Lisa Hannigan und dem auf den Punkt gespielten Bass von Shane Fitzsimons, zwei kleine Meisterwerke. Natürlich geht es in den meisten Songs um Frauen, diese unbekannte Wesen, die Männer nicht verstehen. Doch wenn sich dieses Unverständnis in wunderschönen Stücken wie „Amie“ äußert, ist es okay. Aber irgendwann ist es auch Damien Rice zuviel. In „Cheers darlin’“ prostet er als angetrunkener Liebhaber seiner Angebeteten zu, die ihn verlassen hat, um einen anderen Typen zu heiraten („Cheers darlin'. Here's to you and your lover boy. Cheers darlin'. I got years to wait around for you. Cheers darlin'. I've got your wedding bells in my ear. Cheers darlin'. You give me three cigarettes to smoke my tears away“). Authentischer geht’s nimmer. Ganz großes Kino!

Das Grande Finale heißt „I remember“. Ein Song wie ein brodelnder Vulkan, bei dem kein Auge trocken bleibt. Für zwei Minuten treibt er mit den Vocals von Lisa Hannigan dahin, bis Damien Rice einsetzt und seinen Gefühlen freien Lauf lässt („I wanna hear what you have to say about me. Hear if you're gonna live without me. I wanna hear what you want“). Die Instrumentierung braust auf und fegt wie ein plötzlicher Herbststurm über den Hörer hinweg. Muss man definitiv gehört haben! Was im Übrigen für das gesamte Album gilt. Denn „O“ ist ultra intensives Gefühlskino, das jeder Fan von Singer/Songwritermusik haben muss. Ehrliche Empfindungen. Ehrliche Musik. No Acting. Kein Kommerz. Grandios!

Anspieltipps:

  • Volcano
  • Delicate
  • Cold water
  • Cannonball
  • I remember
  • Cheers darlin’
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