System Of A Down - Mezmerize - Cover
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System Of A Down Mezmerize


  • Label: Columbia/SonyBMG
  • Laufzeit: 37 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Leben zwingt dich ständig zu Kompromissen. Besonders als Musiker, der sich mit Plattenfirmenbossen herumschlagen muss. Da ist es auch völlig egal, ob dein letztes Studioalbum mehr als fünf Millionen Einheiten verkauft hat, wie im Fall der in Los Angeles ansässigen US-Armenier von System Of A Down. Deren Plattenfirma fand die Idee eines Doppelalbums als Nachfolger für „Toxicity“ (2001) bzw. „Steal This Album!“ (2002) alles andere als toll. Die Meinung der Künstler war hier schlicht zweitrangig. Diese wollten sich aber nicht so einfach von ihren „Babys“ trennen.

Die Crossover-Kings aus dem Stall von Produzent Rock Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers, Slayer, Beastie Boys) sind nämlich im positiven Sinne verrückt und schreiben pro Tag ein bis zwei Songs, sodass sich mittlerweile ein unveröffentlichter Fundus von ca. 300 Stücken angesammelt hatte. Davon wollten Gitarrist Daron Malakian, Sänger Serj Tankian, Bassist Shavo Odadjian und Drummer John Dolmayan 25 bis 30 auf das neue Album nehmen. Abgelehnt!

Am Ende stand der Kompromiss, zwei Alben im Abstand von ca. 6 Monaten auf den Markt zu bringen – auch um die Hörer nicht zu überfordern. Schließlich hatte sich diese Art der Resteverwertung bereits mit „Steel This Album!“ bewehrt, das die Überbleibsel der „Toxicity“-Sessions beinhaltete. Jetzt also auf ein Neues. Damit war das ewige hin und her um das neue „System Of A Down”-Album beendet und das Warten auf „Mezmerize” und „Hypnotize”, so die Titel der beiden Werke, die inhaltlich und thematisch nicht von einander getrennt werden können, konnte beginnen.

System Of A Down bieten auf ihren neuen Alben wieder eine kritische Auseinandersetzung mit den Themen Liebe, Beziehungen, Erinnerungen, Krieg, Politik und diversen lustigen Erfahrungen. Dazu Sänger Serj Tankian: „Wir befinden uns im Umbruch, das vergangene Jahr war für alle eine sehr unruhige Zeit. Dies hat dafür gesorgt, dass bei uns sehr emotionsgeladenes Material entstand. In unseren neuen Songs wird man zahlreiche Kommentare zur aktuellen gesellschaftlichen Situation finden“. Aber auch musikalisch hat die Band einen Schritt nach vorne getan. Noch ausgereifter und so herrlich zwischen Pop und Metal hin und her springend hat man SOAD noch nie erlebt. Deshalb war die Entscheidung, zwischen „Mezmerize” und „Hypnotize” ein halbes Jahr Verschnaufpause einzulegen, mehr als klug. So hat der Hörer genügend Zeit, sich mit einem stetig wachsenden Album zu befassen, um auch wirklich alle Facetten der elf Songs auf „Mezmerize” zu erfassen.

Los geht’s nach einem trügerisch einschmeichelnden Intro namens „Soldier side” mit „B.Y.O.B.“, mit dem die Herren ein höllisch schnelles Riffmonster in die Runde feuern, bei dem sich grandioser Chorgesang mit heftigsten Brüllattacken abwechselt. Thematisch stellt der Song eine süffisante Abrechnung mit dem Kriegsherrn George W. Bush dar. Deshalb bedeutet „B.Y.O.B.“ im Fall von SOAD auch nicht „Bring your own beer“ (wie in einigen US-Restaurants üblich), sondern „Bring your own bomb“. „Revenga” ist ein vergleichbares Riffmeisterwerk. Das Tempo schlägt ständig um. Blastbeats wechseln sich mit Prog-Rock-Einlagen und folkigen (!) Einflüssen ab. Der Gesang wirkt teilweise ziemlich operettenhaft. Bei „Radio/Video” hält der Größenwahn/Wahnsinn Einzug. Anders ist diese folkloristische Metal-Polka mit John-Frusciante-Riffing und total kranken Schreiattacken nicht zu umschreiben.

Nach den ersten Pressevorführungen von „Mezmerize” sprach bei „Cigaro” jeder über den Refrain. In der Tat ist eine Textzeile wie „My cock is much bigger than yours. My shit stinks much better than yours” absolut kultverdächtig. Musikalisch stellt „Cigaro” brutalstes Speed Metal bzw. Thrash Gebolze dar, das in der Lage ist, Tote aufzuwecken. Doch SOAD können auch anders. So sind etwa „Violent pornography” und „Sad statue” ungewöhnlich poppige Titel, die sofort ins Ohr gehen. „Question!” wartet mit schönen Akustikgitarren auf, die sich mit Prog-lastigen E-Gitarren-Salven abwechseln. Behandelt wir das Thema „Leben nach dem Tod“. Wie krass die Gegensätze auf diesem Album sind, zeigt der Titel „Old school Hollywood”. Hier geht es auf einaml um Baseball. Garniert wird dieses mit tanzbaren New Wave Rhythmen, Computerstimmen und Rammstein-Riffing (!). Willkommen in der Achtzigern.

Zum Schluss gibt es mit „Lost in Hollywood” ein melancholisches Mini-Epos über die Kehrseite der Traumfabrik Hollywood. Der Höhepunkt des Albums, der jede Prog-Rock-Kapelle in den Schatten stellt. Dramatischer Songaufbau, wechselnde Stimmungen, eine herausragende Melodie und ein bitterböser Text („... You should’ve never gone to Hollywood. They take you and make you. You should’ve trusted Hollywood”). Das ist ganz großes Tennis im Stile Green Days „American Idiot“.

System Of A Down haben sich mit „Mezmerize“ selbst übertroffen und ein bombastisches Metal-Pop-Punk-Werk abgeliefert. Knallharte Riffs existieren neben süßen Popmelodien. Thrash Metal jagt Punkrock, Alternative Rock verfolgt Folkmusic. Selten wurde kreativer Irrwitz so gekonnt gebündelt und sinngebend auf Platte festgehalten. Stark!

Anspieltipps:

  • B.Y.O.B.
  • Question!
  • Sad statue
  • Lost in Hollywood
  • Violent pornography
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