Ian Broudie - Tales Told - Cover
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Ian Broudie Tales Told


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 31 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein großer Traum vieler Musiker ist es, einen großen Hit zu schreiben, möglichst viele Platten zu verkaufen und damit eine Menge Geld zu verdienen. Und wenn sich die Menschen noch Jahre später an diesen einen Song erinnern, scheint man fast im siebten Musikerhimmel gelandet zu sein. Ian Broudie ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Der ehemalige Sänger und Gitarrist der Lightning Seeds muss sich vorgekommen sein wie in einem billigen Horrormovie, als er mit „Three Lions“, dem inoffiziellen Soundtrack zur Fußball EM 96, eine Art Songmonster geschaffen hat, das von nun an seine gepeinigte Songwriterseele aussaugen sollte. Einmal auf die breite Masse losgelassen, hat der Titel so etwas wie ein Eigenleben entwickelt. Von nun an sah sich Broudie bei fast jedem Gig mit einer grölenden Masse von Fußballfans konfrontiert, die lautstark mit „Football is comin´ home...“ genau diesen Song forderten. Einen Song, den er ursprünglich gar nicht schreiben wollte. Es war eine Auftragsarbeit für den britischen Fußballbund - nicht mehr und nicht weniger.

Geboren wurde Ian Broudie vor 46 Jahren in Liverpool. Aufgewachsen in der legendären Penny Lane, jener Straße, die wenig später vier berühmte Pilzköpfe besangen, verschrieb er sich bereits in jungen Jahren der Musik. Autodidaktisch brachte er sich Bob-Dylan-Songs bei und 1978 war er Mitbegründer der Band Big In Japan, die sich nach nur einer veröffentlichten EP wieder trennte. Broudie kehrte dem Musikerleben den Rücken und schien seine wahre Bestimmung in der Rolle des Produzenten zu finden, konnte das Songwriting aber nie ganz lassen und veröffentlichte mit „Cloudcuckooland“ (1989) unter den Bandnamen The Lightning Seeds erneut ein Album. Genau genommen waren die „Seeds“ nie eine richtige Band. Gewissermaßen war er selbst die Band, die restlichen Mitglieder wechselten häufig oder waren einfach nur bezahlte Profimusiker. 2000 tat er den für ihn einzig richtigen Schritt und löste die Band auf. Zu sehr hatte sich die Gruppe musikalisch von dem entfernt, was wirklich in ihm steckte. Von nun an saß er wieder hinter dem Mischpult und verhalf unbekannten Bands aus seiner Heimatstadt, ihr Tonmaterial zu veröffentlichen. Sehr erfolgreich, wie sich herausstellte, denn mit The Coral und The Zulons wurden gleich zwei seiner Produktionen für den Mercury Award nominiert.

Mit „Tales Told“ veröffentlicht Ian Broudie nun sein erstes Soloalbum. Doch wer neuerliche Hymnen bzw. klassischen BritPop erwartet, liegt meilenweit daneben. Mit „Song for no one“ liefert Broudie gleich die richtige Antwort: Der Song ist Art musikalischer „Stinkefinger“ an alle jene zu sein, die bis dahin dachten, dass er neben mitsingbaren Stadionhymnen nichts Anspruchsvolles auf die Reihe bekommt. „I Kissed the World with Fingers crossed / I´ve been praised / I´ve been cursed / I´ve been blamed...“. Das passende Soundmaterial um seine Qualitäten unter Beweis zu stellen, hat er jedenfalls mitgebracht. Ruhig setzt die akustische Gitarre ein und begleitet den Zuhörer fast das ganze Album hindurch, ohne kitschig oder aufdringlich zu wirken. Bei „He sails tonight“ zeigt sich deutlich, dass Broudie auch in den Jahren hinter den Reglern eine Menge gelernt hat. Geschickt wird die Gitarre von Streichern begleitet, die am Anfang fast unmerklich rückwärts abgespielt werden. Ein weiteres Highlight ist der Song „Smoke rings“, bei dem er ein Banjo zum Einsatz bringt, ein Instrument das auf anderen modernen Produktionen nur schwer zu finden sein wird. Wen wundert es da, dass er im nächsten Lied das „Schifferklavier“ wiederbelebt. Mit „Super cinema“ findet sich auch ein rein instrumentaler Track auf dem halbstündigen Werk wieder, welches leider nur durch seine zu kurze Länge daran gehindert wird, sich noch tiefer in das Gedächtnis des Hörers zu graben. Am Ende steht der Hiddentrack „Broudies blues“ nicht nur für einen Song, sondern für die gesamte Stilrichtung des Albums. Mit spartanisch, aber elegant und genial eingesetzten Effekten hat es Ian Broudie geschafft, ein ruhiges und ausgeglichenes Werk abzuliefern.

Auch wenn es nicht jedermanns Geschmack treffen wird, hat es Broudie auf „Tales Told“ verstanden, dem Hörer durch verständliche Texte und eingängige Melodien ein ganz privates und persönliches Album zu schenken, das nur im Ansatz als Folk-Musik bezeichnet werden kann. Es wirkt keinesfalls langweilig und entfaltet seinen ganzen musikalischen Umfang am besten in ganz privaten Momenten. Man muss nur bereit sein, Broudies Geschichten zu lauschen.

Anspieltipps:

  • Lipsticks
  • Smoke Rings
  • He Sails Tonight
  • Always Knocking
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