Coldplay - X And Y - Cover
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Coldplay X And Y


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 60 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„X und Y werden in mathematischen Formeln verwendet, wenn man die Antwort noch nicht kennt“.

Was würden sie bei einem Flugzeugabsturz denken? Vermutlich zuerst an ihren Partner und gegebenenfalls an ihr Kind. Aber würde sich der zweite Gedanke an ihre Arbeit richten? Dass Sie noch die nächste Besprechung vorbereiten müssen oder nicht vergessen dürfen genug Wechselgeld in der Kasse zu haben? Wahrscheinlich liegt es an Chris Martins musischer Berufung, dass sein zweiter Gedanke in dieser Situation „Ich muss noch einen Song schreiben“ war. Welcher Song diese Geschichte hat, verrät der Frontmann von Coldplay nicht, aber das muss er auch gar nicht, denn er hat zusammen mit seiner Band einen würdigen Nachfolger von „A Rush Of Blood To The Head“ geschrieben.

Nahtlos reiht sich „Square one“, der Opener von „X&Y“ , an das letzte Stück des vorigen Albums an und spinnt seine Geschichte weiter. Das Konzept, grandiosen Stadionrock, der etwas unkonventioneller als der vieler Kollegen ist, hat sich als Erfolgsrezept entpuppt: 16 Millionen verkaufte Platten und Unmengen an Preisen; ein Erfolg, der sich wohl nur mit einem großen Nachfolgewerk steigern lässt. Und das könnte mit „X&Y“ tatsächlich passieren, denn das Album ist mit allen Raffinessen versehen, um kommerziell erfolgreich zu sein: „Speed of sound“ ist in feinster „Clocks“-Manier ein Radiosong, der einen den ganzen Tag um die Ohren gedudelt werden kann, ohne zu nerven. Martins Falsett-Gesang hat sich bereits als Markenzeichen der Band etabliert und erreicht bei „Twisted logic“ erneute Perfektion. Dazu kommen Songs wie „What if“, die sich zu schönen Hymnen steigern, wie sie einfach nur von Coldplay kommen können.

„X und Y werden in mathematischen Formeln verwendet, wenn man die Antwort noch nicht kennt“, erklärt Chris Martin und weist damit darauf hin, dass auch das Leben diese Variablen besitzt. Antworten kenne man nur in den seltensten Fällen. So scheint es auch Martin zu gehen, der sich und seine Kunst immer wieder anzweifelt. Dabei hat er bereits mit „Yellow“, „Warning sign“ und „The scientist“ bewiesen, dass er zu den größten Songwritern unserer Zeit gehört. Dennoch hat das Album 18 Monate und jede Menge Geduld gekostet. Die Plattenfirma EMI hatte sogar mehrere Millionen Pfund als Prämie geboten, wenn Coldplay das Album zum Weihnachtsgeschäft 2004 rausbringen würden. Als dies nicht klappte, sackte der Aktienkurs der Firma schlagartig um 16% zusammen. Zum Glück ließ sich die Band nicht vom großen Geld beugen und stellte ein zuende gedachtes Album in den Vordergrund. Als Notlösung brachte EMI die erste Single „Speed of sound“ als Handyklingelton heraus. Ein fataler Fehler, denn dadurch sinkt nicht nur die Anerkennung in der alternativen Szene. Gutmachen können Coldplay dieses Gebaren mit Songs wie „Talk“, der sich eines Kraftwerk-Samples bedient, was diese Technik nun auch bei den Briten als legitimes Musikwerkzeug etabliert.

Besonders die Melodien auf dem neuen Album sind konträr zu den früheren. Während in der Vergangenheit Melodien wie Geschichten erzählt wurden, sind sie diesmal viel reduzierter: Eine sehr kurze Tonfolge, bei der in der Wiederholung ein Ton um eine kleine Sekunde höher bzw. tiefer gesetzt ist, wie auf „Fix you“, dem wohl rockigsten Song nach „Talk“, mit einem beeindruckenden Chor am Ende. Man kann Coldplay definitiv nicht vorwerfen, dass sie nicht neue Ideen in ihre Songs gebracht haben! Dennoch sind die reduzierten Lieder am besten: „Swallowed in the sea“, nur mit Klangfläche und Keyboard, wirkt so intim und privat und doch treibend – definitiv der beste Song auf „X&Y“ mit einer Melodie zum Dahinschmelzen und einem unglaublich schönen Text. Aber auch der Hidden-Track „Til kingdom come“ – nur mit Gitarre und später einsetzender Orgel und Bass – gehört zu den Highlights. „The hardest part“ schlägt dagegen einen ganz anderen poppigen Klang an. Es ist vermutlich der Song, der das letzte R.E.M.-Album gerettet hätte.

Wer weiß, hätte es Chris Martin bei R.E.M. genau so gemacht wie bei Embrace und dem Stück „Gravity“, er könnte vermutlich die gesamte Musikindustrie vor schlechten Alben und Aktieneinbrüchen retten. Denn auch auf dem dritten Coldplay-Album beweisen er und seine Bandkollegen, wo sie hingehören: In unsere Herzen.

Anspieltipps:

  • What If
  • Fix You
  • Til Kingdom Come
  • Swallowed In The Sea
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