Westernhagen - Nahaufnahme - Cover
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Westernhagen Nahaufnahme


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 58 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
4.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Anstatt das Volk zu befriedigen und eine Fortsetzung von „Hallelujah“ oder „Jaja“ aufzunehmen, greift der Düsseldorfer eine ganz neue Facette in seinem Schaffen auf.

Es war die Blamage des Jahres. Als Marius Müller-Westernhagen sein Album „In den Wahnsinn“ (2002) veröffentlichte, frohlockte die Plattenfirma angesichts 400.000 Vorbestellungen des Fachhandels. Schnell wurde eine medienträchtige Gold-Verleihung anberaumt, um Westernagen für die erreichten Verkaufszahlen zu ehren. Doch leider gab es da ein kleines Problem, wie sich erst später herausstellte. Die künstlerisch schwer zugängliche Platte lag nämlich wie Blei in den Regalen, sodass die Händler schon bald von ihrem Retourenrecht Gebrauch machten und „In den Wahnsinn“ in großen Mengen an Warner Bros. zurückschickten. Als die Chart-Wächter von Media Control dann die tatsächlichen Verkaufszahlen nachrechneten, hatte Westernhagen gar keinen Gold-Status erreicht. Peinlich, peinlich...

Mit „In den Wahnsinn“ wollte Westernhagen seine Grenzen ausloten und die Position des leicht konsumierbaren Popkünstlers verlassen. Dazu holte er sich junge Musiker und mit dem Amerikaner Kevin Bents einen ambitionierten Produzenten ins Haus. Geholfen hat es nichts. Obwohl Westernhagen schon immer polarisierte, gingen diesmal auch viele Hardcore-Fans auf Abstand. Nach dem kitschigen Vorgänger „Radio Maria“ (1998) und der „Best Of“-Sammlung „So weit...“ (2000) konnten selbst die beinharten Westernhagen-Verehrer dermaßen schwer zu verdauende Kost nicht verarbeiten. Experiment gescheitert. Ruder zurück!? Nicht ganz...

Anstatt das Volk zu befriedigen und eine Fortsetzung von „Hallelujah“ (1989) oder „Jaja“ (1992) aufzunehmen, greift der Düsseldorfer eine ganz neue Facette in seinem Schaffen auf und liefert ein extrem ruhiges, beinahe rein akustisches Album ab. So entspannt, aggressionslos und – sagen wir es ruhig – langweilig, hat man den größten deutschen Rockstar der 90er Jahre noch nie erlebt. Dabei wurde extra Langzeitgefährte und Produzent Jay Stapley zurückgeholt und für teures Geld in den Londoner Mark Angelo Studios aufgenommen. Das Ergebnis kann unterm Strich nur enttäuschen.

So gerät bereits der Einstieg mit der soulig leichten Nummer „Versuch dich zu erinnern“ zur Schlaftablette, der die Richtung für die nächste Stunde vorgibt. Zarte Basstupfer, ein einsames Flügelhorn, etwas Orgelbegleitung – fertig ist der Max Mutzke aus den Rheinland. In diesem Stil geht es weiter. „Alles ist möglich“ ist ein Piano begleiteter Trauermarsch, zudem wieder ein sehnsüchtiges Flügelhorn aufspielt. „Du entkommst mir nicht“ kommt als zart groovender Track daher, während „Willst du tanzen“ als grausam altbackene Pseudo-Bluesgrass-Nummer durch die Boxen perlt. Nein, das muss man wirklich nicht haben. Erst recht nicht, wenn der Meister bei Stücken wie „Eins“, „Ignoranz“, „Schweige still“ und „Georgie“ sowohl textlich, als auch musikalisch astreine Selbstplagiate abliefert.

Solche Songs kennt man von Westernhagen seit Jahren. Dabei spielt es keine Rolle, ob er die Stücke in rockige, poppige oder Country- & Western Arrangements steckt. Unterm Strich klingt auf „Nahaufnahme“ eh alles irgendwie gleich abgedroschen, sentimental und uninspiriert. Die Plattenfirma nennt dies dann „das wohl persönlichste Album des Singer/Songwriters, auf dem Westernhagen die Welt der Gefühle und Leidenschaften umrundet, nicht im Turbo-Gang, sondern umsichtig und mit genauem Blick für die zarteren Regungen. Mit über 30 Jahren Karriere im Rücken und ein wenig Lebenserfahrung auf dem Buckel erscheint Westernhagen auf seinem 22. Album altmeisterlich und doch vorwärtsgewandt und experimentierfreudig“. Nun ja. Selbst mit viel Optimismus ist diese Sichtweise nicht nachvollziehbar.

Ohne irgendwelche Klischees zu bemühen, lässt sich „Nahaufnahme“ in die Kategorie „langweiliges Album eines alternden Rockstars, der mal was Neues ausprobieren wollte“ einordnen. Natürlich sind die beteiligten Musiker erste Sahne. Und selbstverständlich gibt es für die 14 Songs bestimmte Einsatzmöglichkeit, die dann auch für dieses Album einen Sinn ergeben. Etwa beim gepflegten Abhängen auf der Designer-Ledercouch vor dem Kamin oder beim entspannten Autobahn-Cruisen mit der neuen „S-Klasse“. Aber halt, wir wollten doch keine Klischees bemühen. Deshalb muss schlicht und ergreifend attestiert werden, dass Herr Müller-Westernhagen als reiner Balladen- und Soul-Sänger nicht geeignet ist. Sagt, was ihr wollt, aber einen altersmüden Crooner braucht niemand. Und ein langweiliges Werk wie „Nahaufnahme“ auch nicht nicht.

Anspieltipps:

  • Eins
  • Daneben
  • Liebst du mich
  • Mit dem Rücken zur Wand
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