Wir Sind Helden - Von Hier An Blind - Cover
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Wir Sind Helden Von Hier An Blind


  • Label: Labels/EMI
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Gekommen um zu bleiben“ wurde uns zu Beginn versprochen, doch man wünschte sich beim Resultat still und heimlich, dass die Helden wieder gehen, sich alles überlegen, um dann wieder zu kommen, um die neueren Helden abzumelden, wie sie es vor zwei Jahren schon einmal gemacht haben. Die Vorfreude aufs Konzert zerstört, die Angst vor noch mehr schlechten Songs mit übertriebenem und aufgesetztem Musikmantel und einfachen „Reim-dich-und-kling-verdammt-nochmal-naiv“-Texten zu groß, dann die Erleichterung als B-Seite und auch der Autor hatte „keine Angst mehr“.

Dennoch war es einem noch gar nicht bewusst, dass Judith Holofernes schlechte Lieder schreiben kann. „Die Reklamation“ hatte eine große Anzahl toller Lieder und ein oder zwei schlechtere Lieder, Judiths Soloalbum „Kamikazefliege“, dass vor der Heldengründung erschien, war ebenfalls mit größtenteils guten Liedern ausgestattet. Der Hörer durfte sich eigentlich sicher sein, dass Judith das schon machen werde. Doch diese Heldenverehrung um die sympathische Frontfrau muss man während „Von hier an blind“ revidieren. Leider kann sie das lyrische Niveau, dass sie auf dem Debütalbum an den Tag gelegt hat, nicht halten und enttäuscht auf fast der Hälfte des Albums.

Erstaunlicherweise ist das kein besonders großes Problem, denn wo die Texte versagen, rettet die Musik den Song. Somit wird aus „Darf ich das behalten“ dank des magisch, verzaubernden Endes ein wunderschöner kleiner Song („es findet den Weg nicht mehr / ich kann seine Sprache / ich lauf hinter ihm her / und dann läuft es mir nach / und ich halt es geborgen in meiner Hand“), aus „Wütend genug“ wird dank des Bläsereinsatzes im Refrain ein Ohrwurm zum Mitsingen. Einzig und allein bei „Gekommen um zu bleiben“ scheint man nichts mehr retten zu können und deshalb ist es so erstaunlich, dass das die erste Single wurde. Trotzdem leistet Holofernes erstaunliche Arbeit: Das restaurierte „Nur ein Wort“ glänzt mit Wortspielen über einen tollen, schüchternen Jungen, der allen Mädchen den Kopf verdreht. Der Song hat leider das ähnliche Problem, wie einst „Aurélie“: Die Demoversion ist wesentlich besser, weil sie viel mehr Energie besitzt und nicht so perfekt daherkommt wie die nun kaufbare Version. Eigentlich scheint das Lied die Sängerin schon zu langweilen, denn so emotions- und anteilslos sang Judith selten einen so guten Text.

Dafür kommt das total schöne „Ein Elefant für dich“ wesentlich intensiver rüber. Es ist eines der universellsten Liebeslieder, die in den letzten Jahren geschrieben wurden, und dennoch so persönlich: „Halt dich bei mir fest / Steig auf, ich trage dich / Ich werde riesengroß für dich / Ein Elefant für dich / Ich trag dich meilenweit übers Land / Und ich trag dich so weit wie ich kann“. „Echolot“ benutzt das Bild des Echolots, um in die Tiefen eines Menschen einzutauchen. Nachdenklich wird es gegen Ende mit „Leben lang üben“ und dem Refrain „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst“. Bei diesem schönen Liebeslied und auch bei „Ein Elefant für dich“ stellt sich ernsthaft die Frage, was ihr Freund, der Helden-Schlagzeuger Pola Roy, ihr gibt, dass sie ihm so schöne Lieder schenkt.

Das Hauptthema des Albums scheint das Vertrauen zu sein. „Ein Elefant für dich“ und das ausklingende „Bist du nicht müde“ sind ebenfalls Vertrauensbeweise sich auf andere zu verlassen. Ohne blindes Vertrauen gäbe es auch keine Weiterentwicklung, keine neuen Plätze, die man so nie gesehen hätte („Von hier an blind“). Journalisten und andere Medienbetreiber scheinen ein anderes neues Lieblingsthema zu sein. Dieses Thema scheint sie besonders zu beschäftigen, denn diese Intensität, mit der sie das Thema behandelt, ist man von ihr nicht gewöhnt. Zwar singt sie noch in „Wütend genug“, dass man an ihr kritisiert, dass sie nicht wütend genug sei, sie dies aber auch gar nicht sein möchte. Dennoch schreit aus ihr die pure Wut, wenn sie in „Zuhälter“ „haltet euch raus aus meiner Liebe“ singt und gegen die Vermarktung und Kommerzialisierung ihrer Musik angeht. Damit zeigt Judith Holofernes zum ersten Mal, dass sie auf eine Situation künstlerisch direkt reagieren kann. Dagegen driftet der Opener „Wenn es passiert“ in die Mittelmäßigkeit ab. Er könnte auch von den Sportfreunden Stiller stammen. Ein durchschnittlicher Popsong.

Insgesamt betrachtet haben „Wir sind Helden“ einen respektablen Nachfolger produziert. Ob die lyrische Leistung allgemein enttäuschend ist oder ob die Erwartung des Rezensenten einfach zu hoch und zu heldenhaft war, bleibt offen. Judith Holofernes gehört zu den wirklich guten Songschreibern in der Republik, ist aber keinesfalls besser als ein Marcus Wiebusch („Kettcar“) - und auch eine Eva Briegel („Juli“) muss ihre Texte nicht verstecken. Musikalisch ist „Von hier an blind“ absolut hochwertig, auch wenn es bereits auf dem zweiten Album typisch nach den Helden klingt. Das Konzept mehr Gitarren, weniger Effekte geht gut auf und unterscheidet das Album von dem vorigen Werk. Und damit darf sich der geneigte Fan auch wieder auf die Konzerte freuen. Mit blindem Vertrauen.

Anspieltipps:

  • Ein Elefant für dich
  • Darf ich das behalten
  • Wütend genug
  • Leben lang üben
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