Kelly Osbourne - Sleeping In The Nothing - Cover
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Kelly Osbourne Sleeping In The Nothing


  • Label: Sanctuary Records
  • Laufzeit: 44 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Wir erinnern uns: vor ein paar Jahren staunte die Fachwelt nicht schlecht, als sich das mehrere Oktaven abdeckende Sangeswunder namens Mariah Carey auf dem Cover zum „#1’s“-Album (1998) mit noch nie gesehener Beineslänge präsentierte. Eigentlich hatte man die gute Mariah als kompakten Wonneproppen im Gedächtnis. Und dann das. Was war passiert? Streckbank oder Photoshop?

Bekanntermaßen wurde das Geheimnis dieser Metamorphose schnell gelüftet. Ein paar gewitzte Grafiker hatten die Beine der Diva künstlich um 10 cm verlängert und damit eine ganz neue Dimension der Covergestaltung eingeläutet. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2005. Cover-Retuschen sind mittlerweile ein übliches Stilmittel, über das sich niemand mehr aufregt, geschweige denn, dass überhaupt noch jemand auf solche Feinheiten achtet. Das lässt sich Kelly Osbourne natürlich nicht zweimal sagen und ließ sich für das Booklet zur CD „Sleeping In The Nothing“ einfach ein paar Pfunde wegretuschieren. Dazu trägt sie eine schwarze Perücke zum eleganten Outfit und fertig ist das edel gestylte Heftchen zum neuen Album, mit dem die Tochter von Sharon und Ozzy Osbourne einen radikalen Neuanfang wagt.

Natürlich hat Kelly Osbourne ihren Plattenvertrag nur deshalb erhalten, weil sie mit der MTV-Serie „The Osbournes“ plötzlich ganz groß rauskam und in aller Munde war („My teeth, my car, my vagina, my business“). Und selbstverständlich hatten ihre Eltern die Finger im Spiel, dass der Kontrakt ausgerechnet mit Epic/Sony Music geschlossen wurde – das Label, für das ihr Vater seit vielen Jahren erfolgreiche Platten abliefert. Als es dann wider Erwarten nicht so dolle für die kleine Osbourne lief und ihr Album „Shut Up“ (2003) nicht gerade zum Megaseller avancierte, kündigte Sony den Vertrag mit Kelly auf. Darüber waren Ozzy und Sharon so sauer, dass auch der Plattendeal des „Prince of Darkness“ zeitweise auf der Kippe stand. Aber mit Geld hat sich bisher (fast) alles regeln lassen. Auf jeden Fall wollte das Töchterchen mit der Musik weitermachen, auch wenn ihr und Brüderchen Jack zwischenzeitlich Drogenprobleme dazwischenkamen. Ob und wie ernst das Ganze war, lässt sich bei den immer fließenderen Grenzen zwischen Show und Realität nicht mit Bestimmtheit sagen. Entsprechende Publicity war den Osbournes aber wieder mal sicher.

Mit „Sleeping In The Nothing“ ist Kelly nun bei Sanctuary Records untergekommen. Produzieren ließ sie die Platte von Ex-„Four None Blondes“-Frontfrau Linda Perry, die sich auch als Co-Songwriterin hervortat, wie sie es bereits äußerst erfolgreich mit Christina Aguilera, Gwen Stefani und Pink vorgemacht hat. Stilistisch verabschiedet sich Kelly auf dem neuen Album vom rotzigen Pop-Punk des Vorgängers und taucht nahtlos in die aktuelle Elektro-, House- und New-Wave-Welle ein. Offenbar hat die 20-Jährige in der letzten Zeit sehr viel New Order und anderen elektronischen Kram gehört, mit dem sie ihrer lahmenden Karriere neuen Schwung verpassen will. Und so gibt bereits der Opener „One word“ die Richtung für den Rest des Albums vor. Mit sphärischen Synthesizerteppichen, eindimensional klingenden Drum-Computern und verfremdeten Vocals schleppt sich der Song dahin, ohne das so recht was passiert.

Um einiges flotter kommt da schon „Uh oh“ im New-Wave-Stil der 80er Jahre daher. Mit flirrenden Gitarren und pumpenden Bässen wird der gemächliche Rhythmus aufgepeppt. Zwar ein simpler, aber nicht zu unterschätzender Ohrwurm. Im fiependen Elektro-Popper „Redlight“, der einen ganz passablen Refrain aufweist, behandelt Kelly ihre persönlichen Selbstzweifel und Unsicherheiten. Im selben Fahrwasser rangiert auch das treibende, an Gwen Stefani gemahnende „Secret lover“. Spätestens hier spürt man die Handschrift von Linda Perry, die in der Lage ist, musikalisch aus jeder Stilart hitverdächtige Melodien herauszukitzeln. So auch bei „I can’t wait“, einem auf der ersten Blick recht unscheinbaren Lied im Midtempobereich, das aber – für Linda Perry typisch – mit einer unheimlich einprägsamen Hookline aufwartet.

„Surburbia“ und „Edge of your atmosphere“ gehen dann komplett in den Elektro- und House-Bereich. Rhythmus und Stimme lassen keinen Raum für Instrumente. Hier hätte vielleicht ein Moby am Werk sein können – nur mit dem Unterschied, dass er keinen so guten Refrain wie bei „Edge of your atmosphere“ aus dem Hut gezaubert hätte. In „Don't touch me while I’m sleeping“ dominieren aggressive Industrial-Rock-Rhythmen, zu denen Kelly über das Thema Vergewaltigung singt. Wo, wenn nicht hier, ist Wut und Verzweiflung angebrachter? Kurz vor dem Ende thematisiert Frau Osbourne auch noch ihre Drogenprobleme („Save me“), womit sich der Kreis schließt. Schließlich hat ihr Vater jahrelang alles in sich aufgesogen, was ordentlich „ballert“. Eine Erbe, das die Osbourne-Kinder nun weiterführen.

„Sleeping In The Nothing“ verlangt vom Hörer viel Zeit und die Bereitschaft, sich vom Sound des Vorgängers völlig zu verabschieden. Auf Anhieb zünden die Songs auf dem Album nämlich nicht. Doch wenn man sich erst mal an den neuen Sound gewöhnt hat und sich danach Stück für Stück die Melodien herauskristallisieren, beginnt „Sleeping In The Nothing“ tatsächlich etwas Spaß zu machen. Für ein Top-Album ist der Sound allerdings zu steril und die Instrumentation zu sehr auf Computerklängen aufgebaut.

Anspieltipps:

  • Uh oh
  • I can’t wait
  • Secret lover
  • Don’t touch me while I’m sleeping
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