Bon Jovi - Have A Nice Day - Cover
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Bon Jovi Have A Nice Day


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 54 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wann traut sich Jon Bon Jovi endlich wieder etwas Außergewöhnliches zu?

Warum es mit der Veröffentlichung des neunten Bon Jovi Studioalbums (das Remake-Werk „This Left Feels Right“ nicht mitgezählt) so schnell ging, ist bis jetzt noch nicht aus sicherer Quelle bestätigt. Fakt ist, dass die Jungs im neuen Millennium ein Mördertempo vorlegen und jedes Jahr einen frischen Tonträger auf den Markt bringen. Im Fall von „Have A Nice Day“ sagt Jon Bon Jovi, dass das Songwriting wie im Fluge von der Hand ging, weil er nach den amerikanischen Präsidentschaftswahlen des vergangenen Jahres, bei denen er sich aktiv für das Lager der Demokraten um John Kerry bemühte, so enttäuscht und gleichzeitig inspiriert gewesen sei, dass das Album in Rekordzeit fertig wurde.

Zum Schluss kam es doch anders. Die Arbeit war so leicht von der Hand gegangen, dass sich Jon, als er das Album beim Label abliefern wollte, nicht mehr so sicher war, ob es nicht ein bisschen zu flott gegangen war. Er hörte auf sein Bauchgefühl und nahm vier neue Songs auf: „Novocaine“, „Last cigarette“, „Story of my life“ und „Wildflower“. Außerdem veränderte er die Texte von weiteren Songs. Nun ja, ob es vielleicht doch am Arbeitstempo lag, dass uns Bon Jovi auf „Have A Nice Day“ gleich ein dreifaches Déjà-vu-Erlebnis präsentieren? So war der Song „Last man standing” bereits auf dem im November letzten Jahres erschienenen Box-Set „100.000.000 Bon Jovi Can’t Be Wrong…” zu finden. Doch was damals als eine im Ansatz grandiose, aber noch nicht ganz durchkomponierte Hymne zu erkennen war, entpuppt sich in der neuen Version plötzlich als treibender Rocksong. Gewöhnungsbedürftig, aber nicht übel.

Auch bei „Bells of freedom“ muss sich der geneigte Fan wundern. Denn wer sich mit dem Back Katalog Bon Jovis auskennt, wird merken, dass die Harmonien des Tracks sehr stark von „(It’s hard) Letting you go“ vom „These Days“-Album (1995) inspiriert sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und dann ist da ja noch die Single. Wie immer als erste Auskopplung recht rockig angelegt – die Balladen folgen später – bietet „Have a nice day“ nicht nur typische Jon-Bon-Jovi-Lyrik („If there’s one thing I hang onto, it get’s me through the night. I ain’t gonna do what I don't want to, I’m gonna live my life, shining like a diamond, rolling with the dice, standing on the ledge, show the wind how to fly…”), sondern auch eine verdächtige Symbiose der Gassenhauer „Everyday“ (aus „Bounce“, 2002) und „It’s my life“ (aus „Crush“, 2000). Fehlt nur noch, dass die alten Haudegen Tommy und Gina (bekannt aus „Living on a prayer” und „It’s my life”) ums Eck geschossen kommen. Na ja, dafür entschädigt Axeman Richie Sambora mit einem schönen, originalgetreuen 80er Jahre Gitarrensolo.

Bon Jovi haben sich noch nie gescheut, für Songwriting und Produktion auf fremde Hilfe zurückzugreifen. Auch auf „Have A Nice Day“ versammeln die Jungs aus New Jersey alles, was in der Branche Rang und Namen hat. Neu im Boot ist dabei Hit-Produzent und Songschreiber John Shanks (Hilary Duff, Alanis Morissette, Michelle Branch, Ashlee Simpson, Kelly Clarkson), den man aufgrund seiner Vita so gar nicht mit Bon Jovi in Verbindung bringt. Dazu ist Großmeister Desmond Child (Alice Cooper, Aerosmith, Kelly Clarkson, LeAnn Rimes) als Executive Producer wieder mit dabei. Ebenso hat Rick Parashar (Pearl Jam, Blind Melon, Alice In Chains. 3 Doors Down) vier Tracks produziert und Max Martin (Backstreet Boys, N*Sync, Britney Spears, Celine Dion) einen Song („Complicated“) mitgeschrieben. Von der Warte sind also alle Parameter erfüllt. Doch können die 13 Tracks auch als zusammenhängendes Werk überzeugen?

Hier wird es in der Tat schwierig. Natürlich könnte man es sich einfach machen und „Have A Nice Day“ als typisches Bon-Jovi-Album abtun. Die üblichen Zutaten sind fraglos vorhanden. Außerdem wären die Herren bekloppt, ihr Rezept zum Gelddrucken zu verändern. Doch ganz so leicht kann man eine der erfolgreichsten Gruppen aller Zeiten nicht vom Haken lassen. Man bricht sich gewiss keinen Zacken aus der Krone, wenn man das Songwriting eines Jon Bon Jovi auch nach 20 Jahren noch als perfekte Bedienung für ein Rock-orientiertes Mainstream-Publikum bezeichnet. Dass sich die Band auf den letzten Alben keinen Meter weiterentwickelte – geschenkt! Dass eine Rückkehr zum Hardrock der 80er Jahre undenkbar ist – ausgeträumt!

Muss man deshalb pseudo-moderne Rocksongs wie „Complicated“ von Boygroup-Songschreibern aufnehmen? Was sucht Ausschussware wie „I want to be loved“ (könnte auch von den Backstreet Boys sein), „Novocaine“ und „Who says you can’t go home“ (ganz übel) auf einem Album? Das wären früher B-Seiten gewesen! Überhaupt geht der Trend immer mehr in Richtung Schlager mit E-Gitarren-Begleitung („Story of my life“, Dirty little secret). Das ist nicht nur traurig, sondern tut auch noch richtig weh. So hält sich der Hörer an wenigen gelungenen Songs fest, verdrängt dabei den Brechstangen-Pathos von „Bells of freedom“, erfreut sich am Titeltrack und den Schunkelliedern „Last cigarette“ und „Wildflower“, um überhaupt eine Hand voll Bon-Jovi-würdiger Tracks zusammen zu bekommen. Dann fällt der Vorhang. Doch am Ende bleibt eine Frage offen: Wann traut sich Jon Bon Jovi endlich wieder etwas Außergewöhnliches zu? Etwa als er Eurythmics-Boss Dave Stewart als Co-Songwriter zu seinem Soloalbum „Destination Anywhere“ dazuholte. Ich glaube, da klang Jon Bon Jovi zum letzten Mal so richtig aufregend. Lang ist’s her...

Anspieltipps:

  • Have a nice day
  • Bells of freedom
  • Last man standing
  • Welcome to wherever you are
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