Bright Eyes - I´m Wide Awake It´s Morning - Cover
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Bright Eyes I´m Wide Awake It´s Morning


  • Label: Saddle Creek/INDIGO
  • Laufzeit: 46 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Als das „Bright Eyes“-Album „Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground” veröffentlicht wurde und die Band zur Promotion des Werks auf Konzertreise durchs Land zog, war eigentlich schon alles zu spät. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hatten die meisten Musikredakteure die Veröffentlichung der Platte verschlafen. Erst nach den herausragenden Gigs in Deutschland sprangen sie auf den „Bright Eyes“-Zug, um über den talentierten Band-Chef und Mastermind Connor Oberst zu berichten. Das ist jetzt ziemlich genau zwei Jahre her.

Doch man sieht sich im Leben immer mindestens zweimal. Umso schöner war die Nachricht, dass Mitte Januar gleich zwei neue Alben von Bright Eyes veröffentlicht werden. Aber wie soll man die Musik genießen, wenn so viel Songmaterial zur Auswahl steht? Wie gut oder schlecht werden die neuen Werke sein, wenn man seine ganze Kreativität auf zwei Alben konzentriert? Denn: Das Experiment, an einem Tag gleich zwei vollwertige Alben zu veröffentlichen ist in der Geschichte der Rockmusik schon mehr als einmal schiefgegangen.

Zum Glück kommt es anders, als der besorgte Fan denkt: Vor einem Jahr beendete Connor Oberst aka Bright Eyes die Aufnahmen an dem hier besprochenen Album. Doch weil er bereits Pläne für ein elektronisches Album hatte und die Promotiontour zu seinem neuen Album diese durchkreuzt hätten, entschied er sich „I’m Wide Awake, It’s Morning“ später zu veröffentlichen. Und nun merkt man, dass Musikredakteure doch lernfähig sind. Große Interviews, Titelstorys und die Auszeichnung zum Album des Monats in diversen Magazinen, dazu der Titel „Mann des Jahres 2005“. Spurlos war letztes Jahr. Wird jetzt auch dieser Mann zu Tode gehypt? Plötzlich springen alle auf den Jubel-Zug, vergessen die böswilligen Urteile. In den positiven Rezensionen ist nämlich kein Platz für Bezeichnungen wie „Heulsuse“ und auch kein Platz für Entschuldigungen und dem Eingeständnis von Fehleinschätzungen.

Wer immer noch Zweifel an Bright Eyes hat, sollte sich einfach „I’m Wide Awake, It’s Morning“ anhören, und sich selbst davon überzeugen, dass Connor Oberst keine lebendige Version von „Bernd das Brot“ ist. Connor spricht, erklärt sich selbst und das an jedem Anfang, bevor das erste Lied der CD erklingt, auch diesmal. Schmerz, Tod und Verwirrung sind immer noch zentrale Themen, doch macht dieses Album erstmals eine Veränderung durch. Kein Schreien, keine Verzweiflung und kein Nervenzusammenbruch sind in seiner Stimme zu hören. Die Liebe überwiegt und dass das so ist, merkt man an „First day of my life“. Oberst spielt sich die Finger vor lauter Liebe und Zufriedenheit wund. Vielleicht sogar für das süße Mädchen, dass vorletztes Jahr am Bühnenrand saß und lauschte, während Connor mal wieder zuviel Wein trank und „One foot in front of the other“ sang. Das Lied erschien einst auf einem Saddle Creek Label-Sampler, heißt aber nun „Landlocked blues“ und wurde für das Album neu aufgenommen, mit einer zauberhaften Emmylou Harris als zweite Stimme.

Ein Trompetenchor besiegelt das Feeling des Albums. Auch wenn es immer noch die Grundstimmung früherer Platten einfangen möchte. Schafft es das nicht, es ist viel zu positiv. Das „New York“-Album wird „I’m Wide Awake, It’s Morning“ gerne von der Presse genannt, „The Folk One” vom Künstler selbst. Das Cover zeigt eine rote Sonne über einer Häuserreihe, wie man sie aus amerikanischen Sitcoms kennt. Und es scheint wirklich so, dass Connor aufgewacht ist. Nach den Albträumen, die er einst hatte und auf „Fever & Mirrors“ und „Lifted...“ bannte, reibt er sich nun die Augen und sieht die strahlende Sonne, die Schönheit der Welt, den Neuanfang in seiner Wahlheimat New York. Und er scheint einfach anzufangen, glücklich zu sein – ein Zustand den man Ryan Adams leider niemals wünschen dürfte.

Aber ehrlich gesagt: bei Connor Oberst macht es gar nichts. Ein genialer Songwriter verliert durch die Stimmung nicht sein Talent und so wendet sich Connor in „Road to joy“ an sich selbst und singt „I could have been a famous singer, if I had someone else’s voice. But failure’s always sounded better, let’s fuck it up boys. Make some noise.” Und ein Sturm ertönt auf dem eher ruhigen Album und einmal darf Connor noch schreien. Eine Hymne an sich selbst und an jeden „Bright Eyes“-Fan. Der Autor salutiert! Connor Oberst hat das Album aufgenommen, das er so gerne selbst aufgenommen hätte!

Anspieltipps:

  • Lua
  • Poison Oak
  • Road to Joy
  • First Day of My Life
  • Landlocked Blues
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