Ben Folds - Songs For Silverman - Cover
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Ben Folds Songs For Silverman


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die neue Platte aus dem Hause Folds kann nicht ganz an den meisterhaften Vorgänger anknüpfen.

Endlich! Ben Folds beglückt uns mit einem regulären Album. Dreieinhalb Jahre nach dem formidablen „Rockin´ The Suburbs“ (2001) veröffentlicht der Piano-Mann den lang erwarteten Nachfolger. Schaute Gevatter Rock and Roll auf „Rockin´ The Suburbs“ noch leibhaftig für ein kurzes Gastspiel vorbei, schlägt Folds auf „Songs For Silverman“ nun vermehrt ruhigere Töne an. Die E-Gitarre bleibt im Schrank und das von Ben Folds ohnehin nicht gerade stiefmütterlich behandelte Piano tritt noch mehr in den Vordergrund!

Aber der Reihe nach: Als sich Ben Folds Five im Jahre 2000 auf dem Höhepunkt ihres Schaffens auflösten, weinte die versammelte Welt des Indie-Pop. „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“(1999) hatte nicht nur wegen des sperrig-skurillen Titels für helle Aufregung gesorgt. Die elegante Mischung aus textlicher Brillanz und hymnischen Songwriting sowie der geglückte Drahtseilakt zwischen Ironie und Melancholie, Beschwingtheit und Schwermut machten das letzte Album des Drei-Mann-Quintetts zu einem Meisterwerk. Doch während die ehemaligen Mitstreiter Darren Jessee und Robert Sledge mit ihren neuen Projekten nicht an den Erfolg von Ben Folds Five anknüpften, kam Ben Folds gleich mit seinem ersten richtigen Solowerk groß raus. „Rockin´ The Suburbs“ – von Folds nahezu im Alleingang in seiner neuen Heimat Adelaide aufgenommen – avancierte zum Kritikerliebling und im Grunde genommen machte der Wahl-Australier genau da weiter, wo er zuvor mit Ben Folds Five aufgehört hatte. Okay, ein bisschen rockiger kam der Soloentwurf schon daher (das Rage-Against-The-Machine-Solo auf dem Titelstück ist bis heute unvergessen), aber ansonsten war alles an seinem bekannten Platz: Die Texte voll gepackt mit Zitaten, die Refrains gewohnt catchy, die Bläser jubeln und hier und da wird ein Chor eingestreut wie in den besten Zeiten der Beach Boys. Kurzum: ein großes Album, vom ersten bis zum letzten Song!

Obwohl er in der Folgezeit keineswegs untätig war, wurde es zumindest in unseren Breitengeraden etwas ruhiger um Mr. Folds. Vor unglaublichen sechs Jahren konnten die deutschen Fans ihn das letzte Mal auf heimischen Bühnen bewundern. Das 2002 erschienene Live-Album war zwar großartig, aber ohne neue Songs eben doch nur ein besserer Lückenfüller. Zusammen mit seinen Kumpels Ben Lee und Ben Kweller gründete Ben Folds das Projekt „The Bens“, wovon in Deutschland aber nur eingefleischte Fans Notiz nahmen. Auch seine jüngst veröffentlichte EP-Trilogie („Speed Graphic“, Sunny16“ und „Super D“) wirbelt weit weniger Staub auf als seine Zusammenarbeit mit William Shatner aka Captain Kirk. Dessen letztes Album hat Folds nämlich produziert und zusammen mit dem englischen Autor Nick Hornby gleich noch einen Song dafür geschrieben.

Nun hat die Warterei auch hierzulande ein Ende. „Songs For Silverman“ steht in den Geschäften und wird Ben-Folds-Fans vielleicht nicht unbedingt begeistern, aber doch auf keinen Fall enttäuschen. Auffallend ist zunächst, dass Ben Folds die Vorteile einer Band für sich wieder zu entdecken scheint. Nachdem er „Rockin´ The Suburbs“ und die EPs noch mehr oder weniger allein eingespielt hatte, arbeitet er auf „Songs For Silverman“ zum ersten Mal seit der Auflösung von Ben Folds Five wieder mit einer Band zusammen. Unterstützt wird Ben Folds auf dem aktuellen Longplayer von Bassist Jared Reynolds und Schlagzeuger Lindsay Jamieson. Dazu Folds: „Ich hatte einfach keine Lust mehr, immer nur für mich selbst zu spielen, ich war erschöpft. Lindsay und Jared passen perfekt zu meiner Musik - und außerdem wohnen sie nicht weit weg von mir.“ Die wieder gefundene Freude am gemeinsamen Musizieren überzeugte Folds sogar davon, das Soloalbum, das er im Frühling 2004 fertig gestellt hatte, im Herbst noch einmal neu aufzunehmen. Innerhalb von vier Wochen spielte das Trio die Songs des unveröffentlichten Albums neu ein und komponierte gleich noch ein paar weitere Songs. Das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Vorgehensweise kann sich zweifelsohne sehen lassen. Der Mann am Klavier schreibt noch immer wunderschöne Songs, wenngleich die elf „Songs For Silverman“ nicht ganz so einfallsreich umgesetzt sind wie gewohnt. Ein paar Mal zu oft muss allein das Piano-Arrangement den gesamten Song tragen. Aber so richtig fällt der ein oder andere mittelmäßige Song („Gracie“) dann doch nicht ins Gewicht, da man auch auf Ben Folds neuer Platte eine Handvoll Lieblingslieder für die Ewigkeit entdecken darf.

Gleich das erste Stück des Albums zeugt von seinem begnadeten Songwriter-Talent und von der Schönheit seiner Musik. „Bastard“ ist eine druckvolle Untersuchung all jener vorlauten Besserwisser, die schon mit achtzehn Jahren meinen, alles gesehen und gemacht zu haben (Why You Gotta Act Like You Know When You Don´t Know? It´s Ok If You Don´t Know Everything!). „Landed“, die erste Single, ist ein klassisches Ben-Folds-Lied: eine herrliche Melodie, ein kraftvoller Refrain und ein beschwörend poetischer Text. „Jesusland“ wiederum besticht durch herrlich wehmütige Harmonien und „Give Judy My Notice“ überrascht dank Pedal-Steel-Gitarre mit waschechtem Country-Einschlag. Der beste und schwierigste Song auf dem gesamten Album ist jedoch „Late“, ein Stück über den Singer/Songwriter Elliot Smith, der sich 2003 das Leben nahm. Wie schnell fallen musikalische Nachrufe ins Klischeehafte oder Prätentiöse ab? Ben Folds, der Elliott Smith von einer gemeinsamen Tour kannte, umschifft all diese Fallen scheinbar mühelos, setzt Elliott Smith ein würdiges musikalisches Denkmal und macht „Late“ zu einem von vielen Höhepunkten auf „Songs For Silverman“.

Sicherlich: Die neue Platte aus dem Hause Folds kann nicht ganz an den meisterhaften Vorgänger anknüpfen. Da aber selbst ein durchschnittlicher Ben-Folds-Song vieles in den Schatten stellt, was derzeit veröffentlicht wird, ist „Songs For Silverman“ dennoch ein starkes Album und überaus empfehlenswert. Für alle unentschlossenen Käufer sei zum Schluss noch dies als Kaufanreiz erwähnt: Die Limited Edition kommt im schicken Buchformat mit 40-seitigem Booklet und 45-minütiger Bonus-DVD.

Anspieltipps:

  • Late
  • Bastard
  • Landed
  • Jesusland
  • Give Judy My Notice
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