Porcupine Tree - Deadwing - Cover
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Porcupine Tree Deadwing


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 60 Minuten
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10 1 8/10 Unsere Wertung Legende
7.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf leisen Sohlen kam der Erfolg angeschlichen. Was vor 18 Jahren als ambitioniertes Ein-Mann-Projekt begann, hat sich über die Zeit zu einer in sich geschlossenen Band entwickelt. Damit einher ging ein immer größer werdender Bekanntheitsgrad. Aus den Underdogs von Einst wurde das Maß aller Dinge im progressiven Genre. Mit einer unnachahmlichen Mischung aus stiller Melancholie, aggressiven Metalausbrüchen, schüchternen Gesangslinien und der Vollbedienung in Sachen Progressive Rock, zeigte die Band mit dem noch immer fragwürdigen Namen eine echte Alternative zum festgefahrenen Dudel-Prog-Rock auf. Auch andere Genrevertreter erkannten die Zeichen der Zeit und lösten sich von althergebrachten Traditionen. Diesem Mut, neue Wege zu beschreiten, ist es zu verdanken, dass die progressive Musik inzwischen wieder salonfähig wurde. Jüngste Erfolge wie zum Beispiel von „The Mars Volta“ belegen dies auf eindrucksvolle Weise.

Auch das neue Porcupine-Tree-Album sorgte lange vor der Veröffentlichung vor Furore. So wurden gleich zwei Singles auf den Markt losgelassen. „Shallow“ bediente den hartgesottenen US-Markt; gerade den Deutschen wollte man mit „Lazarus“ aber nicht zuviel zumuten. Welche von beiden Singles nun als die bessere angesehen wird, ist eine typische Geschmacksfrage, denn unterschiedlicher könnten sie kaum sein. Damit stehen die beiden Singles stellvertretend fürs Album, welches sich als ähnlich zwiespältig, allerdings deutlich weniger eingängig erweist.

Keine sanfte Heranführung an die Musik. Keine Phase der Eingewöhnung. Stattdessen reizt der eröffnende Titeltrack gleich mal die neue Härte der Band aus. Opeth-Frontmann Mikael Akerfeldt presst die Strophen raus, auf einen Refrain im klassischen Sinne wurde verzichtet. Hier wird über annährend zehn Minuten Prog-Rock at it’s best gefrönt. „Shallow“ setzt in Sachen Härte noch mal einen drauf. Leider ist der Song für eine Band dieses Kalibers zu simpel hardrockig, selbst wenn er gegen Ende an Dynamik gewinnt. Mit der zweiten Single „Lazarus“ ist dann eine Ballade von unglaublicher Schönheit gelungen. Sanfte Pianoklänge umschmeicheln die Ohrmuschel während sich Wilson kaum zu singen traut. Melodie und Gesang in perfekter Symbiose.

„God is in my fingers, God is in my head“ singt Wilson zu Beginn von “Halo”. Ein Anflug von Größenwahn? Mitnichten! Sondern eine Abrechnung mit blindem Gottgehorsam. Entsprechend düster und verbittert wirkt der Song. Gehauchter Flüsterton kulminiert in einen verzerrten Refraingesang unterlegt von dezenter Bass- und Druminstrumentalisierung. Wie die Struktur einer Pyramide hält auch „Deadwing“ den ultimativen Höhepunkt zur Mitte des Albums bereit. „Arriving somewhere but not here“. Eingeleitet von sphärischen Klängen verströmt dieses zwölfminütige Art Rock – Epos eine ganz eigene, mystische Athmosphäre. Eine völlig andere Richtung nimmt das Lied dann nach sechs Minuten, wenn plötzlich thrashlastige Gitarrenklänge durch die schwebende Melodie brechen. Auch diesbezüglich muss man anmerken, dass sich dieses neue Element noch nicht richtig in den Soundkosmos Porcupine Trees eingefügt hat, was auf Dauer zum Drücken der Vorspultaste verleitet. Eine ähnliche Richtung schlägt das anschließende „Mellotron Scratch“ ein. Zunächst dominiert eine melodisch-melancholische Beliebigkeit, aber Wilson packt auch hier nach gut vier Minuten wieder die härteren Klänge aus und rettet den Song damit gerade noch auf das Niveau der anderen Lieder.

Trotz einer kurzen Spielzeit von nicht einmal vier Minuten steckt in „Open Car“ mit die meiste Kreativität. Vor Allem Wilsons hektischer, stakkatoartiger Gesang und der hochdramatisch intonierte Chorus sorgen hier für viel Esprit. Ein Paradebeispiel für die ruhigere Seite des Albums stellt dann wieder „The Start of something beautiful“ dar. Der Song versprüht gerade zum Ende hin eine unheilvolle, merkwürdig entrückte Atmosphäre. Einer dieser typischen Titel die mit jedem Hördurchgang wachsen. Ein hervorragendes Prog-Rock-Album endet, wie sollte es auch anders sein, mit einem weiteren Highlight. „Glass Arm Shattering“ gefällt mir unter den psychedelischen Vertretern des Album so gar fast noch am besten. Hier vereinen sich alle Trademarks aus der Frühphase der Band. Beinah unmerklich setzen die Instrumente nach dem knisternden Intro ein. Schwelgerische Klänge, Wilsons lang gezogener, destruktiver Gesang, Melodien von nie da gewesener Schönheit. So hart wie das Album begann, so zart klingt es aus.

Album Numero Uno nach dem Opus Magnum „In Absentia“ hat es sichtlich schwerer uneingeschränkt zu überzeugen, denn an die Genialität und Nachhaltigkeit des übermächtigen Vorgängers reicht es nicht heran. Das liegt zum einem daran, dass Jahrhundertstücke wie „The Sound of Muzak“ fehlen, zum anderen an Abzügen in der B-Note. Ist das (von einem glücklicherweise entfernbaren Riesenaufkleber auf der CD-Hülle verdeckte) Coverartwork noch sehr gut gelungen und suggeriert nicht wie jenes von „In Absentia“ ein Death-Metal-Album, ist der Bookletinhalt nicht mehr als ein schlechter Witz. Die Collagen sind meiner Meinung nach geschmackliche Fehlgriffe (sieht aus als hätte man einen Fünfjährigen darin rumschmieren lassen), was an sich zu verschmerzen wäre, wenn sie nicht die Liedtexte fast völlig verdrängt hätten. Bis auf wenige ausgewählte Textzeilen sucht man Lyrics nämlich vergeblich. Und dann wäre da noch der jahreszeitliche Kontext. Eine Veröffentlichung in grauen Herbst- oder Wintertagen wäre der düsteren Grundstimmung des Albums entgegengekommen.

Anspieltipps:

  • Halo
  • Lazarus
  • Shallow
  • Open car
  • Deadwing
  • Glass Arm Shattering
  • Arriving somewhere but not here
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