The Dissociatives - The Dissociatives - Cover
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The Dissociatives The Dissociatives


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Entwicklung war schleichend, aber unaufhaltsam, denn Stillstand ist der Tod, wie schon Herbert Grönemeyer feststellte. Vor zehn Jahren stand Daniel Johns als Sänger, Texter, Gitarrist und Chef der Grunge-Sensation Silverchair mit nur 15 Jahren an der Spitze sämtlicher Hitparaden. Der Grunge lag zwar schon in den letzten Zügen, doch wenn es nach seinen Bandkollegen Chris Joannou (Bass) und Ben Gillies (Drums) gegangen wäre, würden die Australier noch heute ihren guten, aber recht simplen Rock-Stiefel herunterspielen. Doch Johns dachte weiter und ließ bereits beim zweiten Silverchair-Album „Freak Show“ (1997) den Soundtüftler Paul Mac als Single-Remixer ran.

Daniel Johns freundete sich mit dem findigen Musiker und Produzenten an und engagierte ihn als „Special Effects“-Mann für die nächsten Silverchair-Alben „Neon Ballroom“ (1999) und „Diorama“ (2002). Dazwischen brachten die beiden eine gemeinsame EP mit dem programmatischen Titel „I can’t believe it’s not rock“ (2000) heraus. Schon damals zeigte sich, wie sehr sich bei Johns der Horizont als Songschreiber verändert hatte. Dennoch war das bisher letzte Silverchair-Werk „Diorama“ als gescheiterter Versuch anzusehen, Rockmusik mit orchestralen Klängen und hoch komplizierten Songstrukturen in Einklang zu bringen.

Abseits von seiner Stammband, zusammen mit Paul Mac unter dem Projektnamen The Dissociatives, startet Daniel Johns nun den zweiten Versuch, ein Album zwischen experimentellem Pop und konstruiertem Art-Rock auf die Beine zu stellen. Während Johns sich die Texte für das Album in einer einzigen nächtlichen Session in New York von der Seele geschrieben hat und hier manche persönliche Krise bewältigt zu haben scheint, entstanden die kompositorischen Basisarbeiten für die neuen Songs im englischen Windsor, genauer gesagt im Basement jener Villa, die Johns-Ehefrau Natalie Imbruglia auf White Lilies Island besitzt. Endgültig produziert wurde das Album mit der Unterstützung diverser Gastmusiker in Australien.

Als Silverchair-Fan sollte man sich vor dem Hörgenuss der CD auf jeden Fall vom gewohnten Rocksound freimachen und die Ohren für völlig anders geartete Klänge öffnen, denn es ist dem Album schnell anzumerken, dass der Quell der Inspiration vom Spätwerk der Beatles ausgeht. Neben allerlei elektronischen Spielereien hören wir Vogelgezwitscher, quakende Frösche, schönen Harmoniegesang, verzerrte Gitarren, wirr erscheinende Piano-Intermezzi , mit viel Hall aufgenommene Vocals und einen Kinderchor. So ist der Einstieg mit dem verschrobenen „We’re much preferred customers“ noch stark gewöhnungsbedürftig, doch die Gewöhnung setzt bereits beim zweiten Track „Somewhere down the barrel“ ein und nimmt den Hörer für den Rest des Album gefangen. Auch wenn nicht alle Tracks 100% gelungen sind, finden sich locker sechs bis sieben herausragende Stücke auf der CD wieder. Angefangen beim elegischen „Forever and a day“, bei dem der erwähnte Kinderchor eingesetzt wird, über das luftig leichte „Lifting the veil from the braille“, bei dem ein munteres Pfeifen den kompletten Gesang ersetzt, bis hin zum beherzt rockenden „Aaängry megaphone man“.

Viele Songideen muten dabei leicht surreal an, bezaubern aber mit tollen Melodien, überraschenden Tempowechseln und ausgefallenen Effekten. So kommt „Horror with eyeballs“ mit der Behäbigkeit eines Walzers daher, während „Thinking in reverse“ mit der überbordenden Fröhlichkeit eines Beach-Boys-Songs überzeugt. Damit hieven The Dissociatives Popmusik auf die nächst höhere Stufe, indem sie altbewährtes Songwriting mit modernen elektronischen Einflüssen und psychedelischen Momenten kombinieren.

In Australien, wo das Album bereits im Juli letzten Jahres erschienen ist, gelten The Dissociatives inzwischen als Superstars und gehören zu den Top-Sellern der Branche. Der australische Rolling Stone feierte das Werk als Electro-Pop-Symphonie ab, es gab nach nur einer Verkaufswoche Gold und sechs Nominierungen für den ARIA Award, dem australischen Grammy. Dies alles spricht eine deutliche Sprache, dass wir es hier nicht mit irgendeinem Solo-Projekt eines Rockstars zu tun haben, sondern mit einem echten Highlight in Sachen Songwriting und Kompositionskunst.

Anspieltipps:

  • Forever and a day
  • Horror with eyeballs
  • Somewhere down the barrel
  • Lifting the veil from the braille
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