Keimzeit - Privates Kino - Cover
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Keimzeit Privates Kino


  • Label: Pirate Records/SONY
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Keimzeit vertonen alle Themen, vor allem die, vor denen andere sich scheuen, doch sind sie keine Protestband.

Beginn dieses Jahres waren Keimzeit live bereits auf dem Weg zum neuen Album, das sie „On the Road“ unentwegt live angetestet haben. Die Potsdamer Deutsch-Vokal-Akrobaten ließen schon vor „Privates Kino“ vom Erfolgsgarantie-Produzenten Franz Plasa ihre Alben „Im Elektromagnetischen Feld“ (1998) und „Smart und gelassen warten“ (2000) produzieren. 2002 begab sich die Band zurück zu ihren Ursprüngen, in dem sie „1000 Leute wie ich“ aufgenommen haben. „Privates Kino“ könnte man als perfekte Verknüpfung dieser Alben ansehen. Keimzeit-Sänger Nobert Leisegang hat auch einen Gedichtband veröffentlicht: „Etwas höher nur der Mond“. Das Textgut ist und war der Band immer sehr wichtig. Gegründet wurde Keimzeit bereits 1980, dieses Jahr können sie ein erfolgreiches viertel Jahrhundert zelebrieren. Hut ab, raus mit den Blumen: Glückwunsch!

Norbert Leisegang schrieb sein Online-Tagebuch während der Aufnahmen zu „Privates Kino”: „Ein Album aufzunehmen, ist für mich so etwas wie eine Reise um den Globus.” Damit hat er selbst dieses Album eigentlich schon alles sagend beschrieben. „Privates Kino“ erzählt viele kleine, nette Geschichten, denen jedermann in seinem ganz privaten Kino mit geschlossenen Augen oftmals begegnet. Wir kennen sie alle. Keimzeit reisen mit uns nach „Mailand“ und berichten über Abschied von einem Zugvogel. Weiter geht’s zu den Rentnern, die im rockigen „Rentner“ ein wenig auf die Schippe genommen und mit lächelnden Noten beschrieben werden. Ob in „Sängerin“ Autobiografisches der Band verarbeitet wird, ließ sich nicht ganz klären. „Tage ohne Sex“ wird wohl jeder kennen, so oder so. „Vor den Ferien“ beschreibt sehr treffend, wie verrückt man sich manchmal macht, weil eine Gewohnheitszeit beginnt, die vorbereitet wird, wenn auch unbewusst. Dies und dies muss so und so, Ende der Durchsage. Besonders ins Ohr röhrten die typischen keimzeitigen Gitarren-Riffs auf „Sängerin“. Auf „Privates Kino“ ist zum ersten Mal der neue Gitarrist Rudi Feuerbach zu hören, der sein Debüt perfekt gemeistert hat. Bei „Blut der ersten Sonnenstrahlen“ hört man deutlich, dass Norbert Leisegang Gesangsunterricht genommen hat. Sauber präsentiert. Den Alice Schwarzers unter den Zuhörerrinnen wird „Ganz normale Frauen“ wahrscheinlich das Nackenhaar aufstellen, trotzdem sollte man diese Nummer als generelle Liebeserklärung an die Weiblichkeit ansehen. Sehr genial, wenn auch einfallslos-genial ist die Rausschmeißer-Nummer „Vorhang“, mit der Keimzeit den Vorhang im privaten Kino fallen lassen.

„Privates Kino“, produziert von Franz Plasa, der auch schon Bands wie Selig sehr erfolgreich unter seinen Fittichen hatte, ihren Stil quasi mitgeprägt hat, zeigt auch auf diesem Album wieder einmal, wie genial Rockmusik aus deutschen Landen gelingen kann. Zwar sollte man Keimzeit nicht mit Selig oder Werken von Jan Plewka vergleichen, doch lässt sich ein deutlicher Einfluss aus dieser Richtung nicht verleugnen. Keimzeit vertonen alle Themen, vor allem die, vor denen andere sich scheuen, doch sind sie keine Protestband. Wenn sie gerade drauf kämen, würden sie wohl auch die Speisekarte vom „Goldenen Elch“ komponieren. Ein Stück zukünftige Musikgeschichte aus deutscher Hand. Von Keimzeit werden wir noch oft und lange hören. Freunde von Softpunk kommen beim neuen Keimzeit-Album genauso auf ihre Kosten wie Liebhaber von Rock oder Balladen-Pop.

Anspieltipps:

  • Ganz normale Frauen
  • Sängerin
  • Vorhang
  • Rentner
  • Paul
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