Scissor Sisters - Scissor Sisters - Cover
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Scissor Sisters Scissor Sisters


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn der altehrwürdige Rolling Stone die Scissor Sisters überschwänglich als „die erste wirklich aufregende Band 2004“ bezeichnet, dann sollte man sich die New Yorker Glam-Popper mal genauer zu Gemüte führen. Ist das selbstbetitelte Debüt wirklich so gut, dass es die Platten von Franz Ferdinand oder den Streets hinter sich lässt?

Fest steht, dass die fünf „Schwestern“ mit ihrem Erstlingswerk ziemlich viel Staub aufgewirbelt haben. Von Achtziger-Retro-Hype war die Rede, der unvermeidliche und mangelhafte Electro-Clash-Vergleich wurde ebenso bemüht wie über die musikalische und sexuelle Offenheit der Bandmitglieder geschrieben wurde. Man erfuhr nicht nur, dass die Scissor Sisters ihre Wurzeln in der New Yorker Gay-Szene haben, auch über ihre farbenfrohen und berauschenden Live-Auftritte wurden wahre Wunderdinge berichtet. Und natürlich stürzte sich die versammelte Musikpresse begierig auf dass eher durchschnittliche Pink-Floyd-Cover „Comfortably Numb“. Bei soviel Drumherum geraten die restlichen zehn Titel von Falsett-Sänger Jack Shears, Multiinstrumentalist Babydaddy, Performerin Ana Matronic, Gitarrist Del Marquis und Drummer Paddy Boom leicht ins Hintertreffen. Zu Unrecht, wie sich beim Hören dieses Albums offenbart.

Dennoch legen die Scissor Sisters nicht unbedingt ein richtungsweisendes Album vor. Dafür ist ihr erster Longplayer zu Retro-orientiert und in der Grundstimmung etwas zu kühl und künstlich, so dass richtige Tanzbein-Funkyness eher selten aufkommt. Vielmehr überzeugen sie durch zum Teil überdurchschnittliches Songwriting, hymnische Refrains und nicht ganz jugendfreie Texte („You Can´t See Tits On The Radio“). Dieses hymnische Songwriting mit ausgesprochenem Hang zur Rock-Oper, zum Pathos und zur Melancholie ist auch die Grundlage für die zu Recht angestellten Vergleiche mit Popmusik-Klassikern wie Franky Goes To Hollywood, den Bee Gees oder Roxy Music. Die Scissor Sisters meistern den ästhetischen Spagat zwischen Rock-Liedgut und Club-Track und erheben die musikalische Offenheit zum Programm für ihr ganzes Album. Hier hämmern Gitarren-Riffs und schwülstige Synthie-Klänge zu knackigen Electro-Beats. Dieses Rezept funktioniert prächtig bei der Glam-Hymne „Filthy/Gorgeous“ oder bei „Better Luck“, einem schönen Pop-Song mit countrymäßigem Gitarrenpart. Jedoch wirkt dieser Stilmix auf Albumlänge zuweilen ziemlich überfrachtet und überraschend blutarm. Wo sich der Album-Opener „Laura“ noch von einer Schunkelnummer zu einem groovenden Song entwickelt, bleiben einem das dahinklimpernde „Lovers In The Backseat“ oder das flotte „Music Is The Victim“ auch nach vielfachem Hören fremd. Hingegen erinnert die zweite Single-Auskopplung „Take Your Mama“ an die besseren Tage eines George Michaels, während der heimliche Star der Platte, dass balladeske „Return To Oz“, als erstklassige Bombast-Nummer gefällt.

Fazit: Ein gelungenes Debüt mit einigen fantastischen Songs, das jedoch manchmal an der überbordenden Stilmixtur krankt und durch die selbst auferlegte Künstlichkeit langweilt. Oder wie es ein englischer Journalist formuliert hat: „The Scissor Sisters are so hip that it hurts.“

Anspieltipps:

  • Laura
  • Better luck
  • Return to Oz
  • Take your mama
  • Filthy/Gorgeous
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