Bobby Conn And The Glass Gypsies - The Homeland - Cover
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Bobby Conn And The Glass Gypsies The Homeland


  • Label: Thrill Jockey/ROUGH TRADE
  • Laufzeit: 45 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
4.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Eines vorweg: Auch mit „The Homeland“ wird dem kleinen Mann aus Chicago der große und längst überfällige Indie-Durchbruch verwährt bleiben. Zu abgedreht sind die Einfälle und musikalischen Spielarten mit denen der ewige Geheimtipp auf seiner neuen Platte jongliert. Freunde stilübergreifender, augenzwinkernder Musik sowie Liebhaber pointierter Liedtexte kommen jedoch auf ihre Kosten. So müsste dem geneigten Leser an dieser Stelle eigentlich eine ganze Reihe von Zitaten zum Besten gegeben werden, so treffend werden die Zustände in den USA (unter George Bush Jr. und nach dem Irakkrieg) in typischer Conn-Manier analysiert - höhnisch, übersteigert und mit einer gehörigen Ladung Ironie.

Diese dissidente Haltung zum politischen Mainstream und die ausgeprägte satirische Ader zeigen sich etwa im Refrain des Album-Openers „We come in peace“. Hier heißt es in Bezug auf die hegemoniale Außenpolitik der Amirikaner treffend: „God´s on our side, we know we´re right, come to the light, say goodbye to all your history, come and join our family.” In „Home sweet home”, einer Michael-Moore-Ballade über die Waffenvernarrtheit der Amerikaner, raunzt Bobby die Verletzlichkeit, die sich hinter der Waffe versteckt förmlich heraus: „I got carpet on my floor and a gun by every door, and I am free, I´m free to live my life in constant fear.” Ein Song, den der Mann mit der Vorliebe für fliederfarbene Trainingsanzüge und ausgefallene Bühnenoutfits bei seinen Konzerten auch schon mal inmitten des Publikums singt - mit dem ihm eigenen Pathos und tränenerstickter Stimme.

Neben dieser textlichen Extraklasse weiß „The Homeland“ aber auch musikalisch zu beeindrucken. So handelt es sich um dass bisher homogenste und songorientierteste Werk, insofern sich eine solche Feststellung bei Mr. Conn´s überbordendem und vor nichts halt machendem Ideenreichtum überhaupt treffen lässt. Zumindest verzichtet er fast völlig auf minutenlange Klangexperimente und die konsequente Verweigerung jeglicher fassbarer Songstruktur wie sie noch das selbstbetitelte Debütalbum weitgehend auszeichnete. Stattdessen scheint Bobby Conn seine Hassliebe zum Pop ein wenig entwirrt zu haben. Dies liegt sicherlich auch am Einfluss von John McEntire (Tortoise), der „The Homeland“ als Produzent unter seine Fittiche nahm. So lösen die erste Singleauskopplung "Relax" und das wunderbare „Cashing Objections“ nicht nur ein kurzes rhythmisches Beinzucken aus, bevor jeglicher Schönklang zugleich wieder verfremdet wird. Sie sind ungemein funky und in der Lage, die Mädels in jeder Independent-Disco zum Arschwackeln zu bringen. An den Referenzen und musikalischen Einflüssen hat sich deswegen aber noch lange nichts geändert. Bobby Conn und seine Glass Gypsies grooven und rocken auch auf der neuen Platte an einer Wand entlang, an der früher mal Poster von Glam-Rock-Ikonen (Marc Bolan, David Bowie) oder 80´s-Gitarren-Helden (Van Halen) hingen. Hymnischer 70´s-Disco-Punk, zarte Funk-Anleihen, riff- und posenverliebte Metal-Travestie sowie jede Menge Make-up gehören auch weiterhin zur Grundausstattung für den ganz normalen Wahnsinn im Bobby-Conn-Universum. Doch ist er nicht nur Meister im Zitieren, sondern dank der Zugabe einer gehörigen Portion seiner selbst auch im Stande, etwas ganz Wunderbares und Eigenständiges daraus zu kreieren.

Dass „The Homeland“ deutlich hörbarer als die Vorgängeralben daher kommt, scheint vor allem daran zu liegen, dass hier nicht hinter jeder eingängigen Melodie eine Ausgeburt des Pop-Mainstreams vermutet wird, welche es konsequent zu zerstören gilt. Von diesem Ballast befreit, gelingt Bobby Conn ein abwechslungsreiches Album, welches nicht zuletzt dank der textlichen Brillanz in sich geschlossen wirkt, ohne jedoch allzu glatt zu klingen oder sich dem Pop anzubiedern. Oder um es mit Bobby´s Worten zu sagen: „It´s a wonderful party, it´s vomit and glitter!”

Anspieltipps:

  • Relax
  • Home sweet home
  • Cashing Objections
  • We´re taking over the world
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